Der Aalen-Triumphstadt-Trödelmarkt

Gabriel Gavran für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Der Aalen-Triumphstadt-Trödelmarkt

Bis vor kurzem hatte ich vom Aalen-Triumphstadt-Trödelmarkt nichts gewusst. Jetzt verkaufte mein Freund dort seine Autoreifen, welche er in Wasseralfingen geschenkt bekam, weil sie kein Profil mehr hatten. Er rollte anfangs die Autoreifen den Berg nach Aalen hoch. Als es ihm bewusstwurde, dass es zu anstrengend war, 76 Autoreifen einen Berg hochzurollen, lieh er sich meinen rostigen VW-Bus und fuhr den Berg 12-mal hoch und runter. Der VW-Bus gehörte früher meinem Vater und jetzt mir, aber er hatte nicht mehr den zitronengelben Glanz, wie er es früher bei meinem Vater hatte.

Meine erste Erfahrung mit dem Trödelmarkt fing damit an, als man mir von gebrauchten Teichen erzählte. Im Zug nach Heidenheim saß neben mir ein alter, grauer Mann im beigen Anzug und er sprach davon, dass man im Aalen-Triumphstadt-Trödelmarkt qualitativ hochwertige Teiche für wenig Geld kaufen konnte. Ich fragte den Mann im Zug, ob man dort auch Flüsse oder wenigstens Bäche verkaufte. Er nickte und meinte, dass er vor 5 Jahren beim Trödelmarkt ein Stück Meer für seinen Garten gekauft hatte. Damals waren sie noch nicht unter Naturschutz, sagte der alte Mann beim Aussteigen. 3 Tage später stieg ich in einen Verkehrsbus ein und fuhr zum Trödelmarkt.

Im Bus saß ich hinter zwei Kroaten, die davon sprachen, wie sie in Split Feigen gepflückt hatten. In Kroatien kannte ich die Sava, die in Zagreb sehr grünlich und hässlich aussah, aber in Slavonien sehr klar und sauber glänzte. Am liebsten gefiel mir der Fluss Kupa in Kroatien, weil er im Sonnenlicht türkisblau war und nach einen Gemälde aussah, das noch nicht ganz trocken war.

„Ich habe 15kg Feigen gepflückt“, sagte der eine Kroate. Er trug einen Schnurrbart wie Magnum.

„Keiner pflückt 15kg Feigen“, sagte der andere Kroate. „Das sind zu viele Feigen für einen Korb.“

Ich stieg direkt neben der alten Kegelbahn aus, die gegenüber einer Kfz-Werkstatt stand. Früher gingen dort Scharen von Jugendlichen zum Kegeln und zum Feiern. Wenn man einen Neuner warf, freuten sich alle und stießen mit ihrem Bier an. Damals ging ich dort mit meiner Frau auch öfters hin. Sie traf nie einen Neuner und war nach wenigen Besuchen so frustriert, dass sie nicht mehr hingehen wollte. Es machte sie traurig, dass man bei ihren Würfen nie mit Bier anstieß. Heutzutage sah man dort nur noch Katzen, wie sie Mäuse jagten. Die Kfz-Werkstatt blieb unverändert. Nur der Mechaniker Walter, der dort an Motoren herumschraubte, wurde grau und alt.

Zwei Straßen weiter war der Aalen-Triumphstadt-Trödelmarkt. An der Tür hing eine Neon-Reklame, die giftgrün „Open“ leuchtete. Vor der Türe stand eine Frau, die ein gelbes Kleid trug. Ich begrüße sie und sie meinte, dass es ganz feine Sachen im Trödelmarkt gab. Ich stimmte ihr zu und verabschiedete mich, bevor ich eintrat. Das Besondere an diesem Trödelmarkt waren die großen Regale, die man aus dem Schaufenster begutachten konnte. Ich las an einem Regalschild ab, dass es Straßenlaternen in verschiedenen Größen und Farben für 25€ zu kaufen gab. Als ich hineinging, hörte ich Affen kreischen und sah einen Jungen mit einer Palme zur Kasse gehen.

Ein Verkäufer sprach mich an: „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Er trug auch einen Schnurrbart wie Magnum. Sein Schnurrbart war aber buschiger, im Vergleich zum Schnurrbart des Kroaten, der im Bus vor mir saß.

„Ich möchte einen Fluss kaufen“, sagte ich.

„Folgen Sie mir bitte“, sagte der Verkäufer und führte mich in einen Aufzug. Wir fuhren 3 Stockwerke hinunter. Es gab insgesamt 23 Stockwerke. Im 22. Stockwerk konnte man Flamingos und Mangobäume für 50€ als Kombipack kaufen.  Ein Schnäppchen, dachte ich. Im 17. Stockwerk wurden Kinderwünsche angeboten. Dafür bist du zu alt, ermahnte ich mich. Als die Aufzugtüren sich wieder öffneten, führte mich der Verkäufer zu einem Regal, der randvoll mit Flüssen war. Am Regal stand: 10m Fluss für 30€.

„Wie breit ist der Fluss?“, fragte ich.

„12 Meter. Es würde sich daher lohnen, mindestens 50 Meter Fluss zu kaufen. Wenn Sie ihn für instrumentelle Zwecke nutzen wollen, bekommen sie Deicheln gratis dazu. Die Deicheln bestehen aus echter Fichte, die im Westheimer Wald geerntet wurden. Eine bessere Qualität kann nicht garantiert werden. Die Deichelbohrer aus Wasseralfingen machen einen absolut fantastischen Job. Der Fluss bleibt dadurch in einem stetigen und gleichmäßigen Fließen und eignet sich perfekt für Mühl- und Schmiedearbeiten. Pipelines werden extra berechnet und sind im 8. Stockwerk aufzufinden“, antwortete der Verkäufer.

„Ich möchte ihn für ästhetische Zwecke in meinem Vorgarten. Welche Tiere gibt es denn dazu und fließt der Fluss nachtsüber auch weiter?“, fragte ich.

„Sie bekommen Aale, Enten, Störche, aber auch eine breite Palette an Insekten, sowie auch bemooste Steine und Algen. Das Wasser bleibt konstant auch für ästhetische Zwecke natürlich im Fluss. Falls Sie weitere Wünsche zur Ästhetik haben, gibt es im 12. Stockwerk Schilfkolben im Angebot und in diesem Stockwerk kleine Kaskaden für 18€. Auch hier wird ein Fließen des Wassers zu jeder Stunde des Tages versprochen.“

„Da kann man nichts sagen“, meinte ich. Der Verkäufer nickte. Sein Schnurrbart gefiel mir, aber ich traute mich nicht ihn zu fragen, ob ich diesen auch kaufen konnte.

„Ich war vor Jahren in Frankreich und verbrachte einen Sommer in Rouen. Haben Sie einen Fluss, der der Seine ähnelt?“, fragte ich.

„Im untersten Fach des Regals. Das Modell A17 verkörpert die Sommerluft Frankreichs. Viele verglichen das Modell mit dem Glanz der Seine im Raum Troyes. Um trübes Wasser müssen Sie sich keine Sorgen machen. Wir haben eine 3-Jahre-Klarwasser-Garantie.“

„Dann bitte 100m davon“, sagte ich und der Verkäufer machte sich daran, die korrekte Menge Fluss abzuschneiden und sie mir einzupacken. Als ich meine Tüte mit dem Fluss bekam, roch ich schon die französische Sommerluft. Es war eine Mischung aus Wein und dem Plätschern von fließendem Wasser. Ich sah an der Kasse ein Schild, mit dem Aufdruck: 500m Fluss kaufen und ein See gratis dazu.

„Interessant“, sagte ich und ging mit meinem Fluss hinaus




Gabriel Gavran, 1994 in Zagreb geboren und in Aalen aufgewachsen, studierte in Augsburg den Masterstudiengang Germanistik. Gavran war Teil der bayerischen Akademie des Schreibens 2023 und wurde von der Autorin Paula Fürstenberg und Lektor/Verleger Tillmann Severin mentoriert. Werke von Hesse, Brautigan, Mishima und Bukowski rezipierte er während seines Studiums intensiv und weist diese Autoren als großen Einfluss für sein eigenes Schaffen auf.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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