Kilian Amadeus für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Es ist Anders
Der Tag hätte normal starten können, läge ich nicht schon wach. Ich sah auf die Uhr: vier, null, drei. Es fiel mir schwer die Augen geschlossen zu halten und ruhig zu liegen, mein war Verstand wach, wenn auch nicht geradlinig.
Der Tag hätte normal verlaufen können, hätte ich nicht in meinem Bett gewartet, bis der Wecker klingelte, um aufzustehen. Als ich meine Augen erneut öffnete und auf meine Uhr blickte, das Zimmer erkannte. Die Kleider auf dem Boden, die Bücher die sich, aus Mangel an Ordnung und Platz auf meinem Schreibtisch stapelten und die Schulhefte, neben meinem Rucksack, am Abend zuvor lieblos ausgepackt; und noch was. Ich schloss meine Augen und hoffte noch zu schlafen oder wenigstens zu halluzinieren. Ich zwickte mich, schlug mich, schüttelte meinen Kopf, versuchte durch meine Hand hindurchzufassen. Hoffnungslos.
Ich befand mich in meinem Zimmer. Das waren meine Bücher, mein Rucksack, meine Kleider. Das waren meine Wände mit Bildern und meine Regale, die sich unter dem Gewicht von Büchern bogen und auch mein chaotischer Schreibtisch, auf dem Es sich zwischen Bücherstapeln, Papierfetzen und losen Stiften, einer kreativen Ordnung gemütlich machte. Von wo aus Es mich mit seinen Augen groß wie Tassen anstarrte; leise gurrte, ich hörte Es erst als ich Es sah.
Hätte der Tag normal gestartet, hätte Es nicht gegurrt?
Hätte ich durchgeschlafen, wäre Es nicht da gewesen? Oder, sah ich Es nur, weil ich nicht schlief? Ich bewegte mich nicht, ich starrte nur und erwiderte den fremden Blick in meinem Zimmer und lauschte auf das hohe Gurren. Ich wusste nicht, was Es war. Es sah aus wie ein Ball aus dickem Fell, dass man schamponiert und geföhnt und in pinken Toner getaucht hatte. Ich zwickte mich, schlug mich, schüttelte meinen Kopf, rieb mir die Augen. Hoffnungslos. Es blieb.
Ich stand auf.
Hätte ich mein Zimmer nie verlassen, wäre ich in dem Glauben geblieben: Es sei einzigartig. Eins saß auf meinem Teekocher, ein anderes auf dem Sofa im Wohnzimmer, im Bad in der Spüle. Überall beobachteten sie mich mit ihren tassengroßen Augen. Ihren riesigen Pupillen. Hätte ich sie in einem Film gesehen, fände sie herzzerfließend. Knuddelige Wollbälle mit niedlichen Augen. Doch diese Augen beobachteten mich. Egal wo! Sie waren dort. Es durfte nicht existieren. Nicht auf dieser Seite des Bildschirms.
Ich überwand mich dazu mich unter ihren Augen umzuziehen. Ich wollte aus dem Haus, weit weg von ihnen. Eines gurrte auf meinem Kleiderschrank. Ich ignorierte Es, so gut es ging.
Ohne meine Zähne geputzt, geduscht oder gefrühstückt zu haben, verließ ich das Haus. Noch immer übermüdet. Ich zitterte vor Angst und Stress, wünschte mir Schlaf und Ruhe und zu vergessen.
Es verschwand nicht. Tauchte hinter jeder Ecke auf. Egal wo ich mich befand, ich spürte die Augen auf mir Ruhen. Ich kaufte mir keinen Kaffee, weil Es auf dem Tresen der Bäckerei saß. Im Bus wippte Es auf dem einzigen freien Sitz zu dem Takt des eigenen Gurrens und dem Schaukeln des Busses. Ich stand. Ich trug keinen Rucksack für die Schule, die Schulhefte lagen noch immer verstreut auf dem Boden. Ich betrat auch nicht das Schulgebäude. Sie standen in Scharen vor dem Eingang, niemandem schien Es zu stören.
Die Menschen lebten ihr Leben weiter. Überall. Sie ignorierten die plüschige Flut. Sahen sie Es? Wunderte Es sie? Sie liefen an Es vorbei, würdigten Es keinem Blick. Plagte es nur mich?
Ich aß nichts. Ich trank nichts. Ich ging nicht auf Toilette. Ich wanderte durch die Straßen und sah Es. Mit jedem Schritt wurde ich Müder, doch ich lief weiter. Mein Kopf schmerzte. Ich wollte zusammenbrechen.
Am Abend kehrte ich nach Hause zurück. Ich ging in mein Zimmer. Es saß noch immer dort, pink und fellig zwischen meinen Bücherstapeln und Papierfetzen. Ich ignorierte Es. Ich fiel in meinem Bett und konnte Es tatsächlich für einen Moment vergessen.
Es wollte nicht, dass ich es vergaß.
Ich hörte auf zu gurren. Die Stille lastete schwerer auf meinen Nerven als das Geräusch. Ich sagte mir, ich schaue nicht hin. Es will, dass ich schaue. Es will, dass ich Angst habe.
Der Tag hätte nicht normal starten können, Es wollte es nicht.
Ich sah es nicht. Ich hörte es nicht. Es gefiel das nicht. Ein Gewicht legte sich auf meine Brust. Erstaunlich schwer, warm und weich. Es roch nach Tier und Weichspüler. Auge um Auge lag ich dem knuddeligen Ding gegenüber. Ein fröhliches Gurren entfuhr aus dem Zentrum des Fellbällchen.
Der Tag hätte nicht normal verlaufen können, dafür hatte Es gesorgt.
Kilian Amadeus ist Schüler in Darmstadt. In seiner Freizeit schreibt er Kurzgeschichten und Erzählungen und arbeitet Ehrenamtlich als Jugendleiter.
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