Eltern

Giorgi Ghambashidze für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Eltern

„Er leidet an Wahnvorstellungen“, behauptet meine Frau, nachdem ich ihr erzählt habe, dass mein Vater die Anwesenheit meiner längst verstorbenen Mutter in seiner Wohnung spürt.

An Geister und das Jenseits glaube ich auch nicht, also hat meine Partnerin höchstwahrscheinlich mit ihrer Diagnose recht.

Wie ich meinem Vater schonend beibringen kann, dass er eine psychiatrische Behandlung benötigt, weiß ich noch nicht.

Er ist ein sehr stolzer Mann, der stets mit guter Körperhaltung und direktem Blick durchs Leben geht.

In seiner Gegenwart bewege und verhalte ich mich auch wie ein Adliger, aber sobald ich den Radius seiner leuchtenden Würde und seines eisernen Selbstrespekts verlasse, werde ich wieder zu einem grauen Durchschnittsmann mit Hängeschultern und verunsichert gesenkten Augen.

Einem psychisch Kranken zu sagen, dass er krank sei, ist das Schlimmste, was man in dieser Situation machen kann. Daher habe ich mich entschieden, ihn erstmal zu beobachten, mit der Hoffnung, dass es nur eine vorübergehende Phase ist, ansonsten werde ich einen Fachmann konsultieren müssen.

Er wohnt in der Nähe von uns, und ich besuche ihn fast täglich, nachdem ich mit meiner schriftstellerischen Arbeit fertig bin. Ich werde mit meinen Krimi-Schmökern nie den Nobelpreis bekommen, aber sie verkaufen sich gut.

Meine Ehefrau habe ich bei der Frankfurter Buchmesse kennengelernt, wo ich nervös eine Vorlesung hielt. Sie war und ist eine begeisterte Leserin meiner Bücher. Und sie ist die erste Person, die meinen Text lesen und mir Verbesserungsvorschläge machen darf. Sie ist meine inoffizielle Lektorin, von deren Existenz nicht mal mein einäugiger Verleger etwas weiß, denn sie möchte ihre Mitwirkung an meinem Werk unbedingt geheim halten.

Ich bringe meinem Vater frische Birnenquitten, aus denen er seine Lieblingsmarmelade selbst kocht. Als Kind konnte ich nicht genug davon kriegen, als Erwachsener esse ich sie nicht mehr so gerne, weil sie mich zu nostalgisch stimmt.

Da ich den Wohnungsschlüssel habe, und er sich in seinem Schlafzimmer hinter geschlossener Tür aufhält, bemerkt er mein Kommen nicht.

Nachdem ich mir die Hausschuhe anziehe und den Einkauf in der kleinen, blitzsauberen Küche ablege, gehe ich in die Richtung seines Zimmers, aus dem ich ein leises Selbstgespräch in seiner Muttersprache vernehme.

Er ist in Sibirien geboren und lebte dort, bis er mit meiner Mutter als Spätaussiedler nach Deutschland auswanderte.

Obwohl ich in Berlin-Pankow zur Welt kam, kann ich dank meinen Eltern fließend russisch sprechen.

Statt sofort anzuklopfen und ihn zu unterbrechen, lausche ich.

„Wann? … Weiß ich doch, aber wie soll ich es ihm erklären? … Natürlich.“ Er macht Pause, und mir fällt auf, dass ich vergessen habe zu atmen. „Glaube ich auch. Er wird es verstehen.“ Anscheinend bildet er sich ein, mit meiner toten Mutter zu reden.

Durch ein Klopfen lasse ich ihn wissen, dass ich da bin und mache vorsichtig die Tür auf.

Er sitzt auf seinem Bett und schaut mich mit klarem, liebevollem Blick an.

„Geht es dir gut?“, frage ich etwas besorgt.

„Alles in Ordnung, mein Junge“, antwortet er mit starkem Akzent.

Plötzlich rieche ich das unverwechselbare Lieblingsparfüm meiner Mutter, dessen intensiver Duft den Raum erfüllt.

Äußerst beunruhigt frage ich, woher es kommt.

„Sie hat mich wieder besucht“, sagt er traurig lächelnd.

Obwohl ich als erstes denke, dass er es selbst versprüht hat, um vielleicht Erinnerungen an sie wachzurufen, bekomme ich Gänsehaut. Um mir nichts anmerken zu lassen, fange ich an, von aromatischen Quitten zu reden.

Während wir in der Küche sitzen und frischen Salat essen, kocht die Marmelade brodelnd im Topf.

„Zieh bei mir und Carla ein“, sage ich ihm wie aus dem Nichts.

„Danke, aber ihr braucht etwas Privatsphäre, außerdem ist eure Wohnung zu klein für uns vier“, entgegnet er.

„Vier?“, frage ich mit Anflug von Zynismus und schäme mich sofort dafür.

„Ich muss dir unbedingt etwas sagen“, teilt er mir voller Ernst mit, nachdem er das benutzte Geschirr im Spülbecken abgestellt und sich wieder hingesetzt hat.

Ich schaue ihn fragend und schweigend an.

„Sie wird mich bald mitnehmen.“

„Mutter?“

Er nickt mir mit dem Kopf zu. Und ich überlege mir schon, an wen ich mich wenden soll, da die Lage sich offensichtlich rapide verschlimmert hat.

Beim Verabschieden tätschelt er meine Schulter und sagt mir, dass ich ein guter Sohn sei. Es fühlt sich wie ein Lebewohl an.

Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich nach Hause und erzähle meiner Frau, was passiert ist.

Mit ihrer nüchternen Denkweise meint sie, es seien nur Spinnereien eines senilen Mannes, der nach mehr Aufmerksamkeit lechzt, aber ich bin mir dessen nicht so sicher.

Ich wälze mich unruhig im Bett, bis ich nach ein paar Stunden endlich einschlafen kann. 

Ich befinde mich in meinem alten Schlafzimmer, in dem ich aufgewachsen bin. Es herrscht totale Stille. Ich schaue mich um und betrachte die Gegenstände, die ich scheinbar längst vergessen habe. Da ist mein kleines Bett, das eigentümlich nach Holzpolitur roch, mein Schreibtisch, auf dem ich widerwillig meine Hausaufgaben erledigte, ein Poster, das einen Superhelden aus meinem Lieblingsanimationsfilm zeigte. Ich erinnere mich, wie oft ich mir vorgestellt habe, er zu sein, vor allem, wenn es Schwierigkeiten in meinem jungen Leben gab.

Das Sonnenlicht erhellt den Raum, aber es ist irgendwie feiner und blendet nicht.

Ich gehe zum Fenster und sehe meine Eltern neben einer schiefen Straßenlaterne stehen und mir langsam zuwinken, dann drehen sie sich um und gehen eingehakt. Aber ich möchte sie aufhalten. Deswegen laufe ich die Treppe hinunter, die kein Ende zu haben scheint.

Endlich bin ich draußen. Es kostet meine Augen große Anstrengung, die Umrisse der Gehenden in der Ferne zu erkennen. Ich renne, ich renne wie verrückt. Der Bürgersteig unter meinen Schuhen fühlt sich weich an. Meine Schritte erzeugen kein Geräusch.

Meine Eltern wechseln die Straßenseite und gehen Richtung Fußgängertunnel, in dem sie kurz verschwinden, bis ich den Eingang erreiche und sie wieder ins Auge fasse. Aber sie sind ungeheuerlich weit weg. Ich muss mir mehr Mühe geben, wenn ich sie je einholen möchte. Und dies tu ich auch. Ich verwende all meine Kraft, um schneller zu werden. Erfolglos.

Plötzlich komme ich gar nicht mehr voran. Ich stecke fest, während der Tunnel um mich herum größer wird. Moment mal, es liegt an mir, ich bin wieder ein Kind geworden. Ich merke es an meinem Arm, den ich verzweifelt nach meinen Eltern ausstrecke.

Das Einzige, was ich noch machen kann, ist, nach ihnen zu rufen. Ich bitte sie, auf mich zu warten. Vergebens. Sie sind fort. Bei mir bleibt nur noch der Widerhall meiner kindlichen Stimme, der vom Tunnelgewölbe umarmt und festgehalten wird.

Aufgewacht höre ich ihn allmählich abklingen, bis er der erdrückenden Totenstille Platz macht.

Der Wecker zeigt 03:41 Uhr an.

Ich stehe sofort auf und gehe zum Festnetztelefon, um meinen Vater anzurufen, aber er geht nicht ran.

Ins Schlafzimmer zurückgekehrt, ziehe ich mich schnell an, wodurch ich Carla wecke, die frühmorgens zur Arbeit muss.

Sie macht Anstalten mitzukommen, aber es ist nicht schwierig, sie davon abzubringen. Sie kann weiterschlafen.

Bei meinem Vater außer Atem angekommen, entdecke ich ihn auf seinem Bett in einem Anzug liegen. Seine Arme sind auf der Brust gekreuzt, als ob ihn jemand aufgebahrt hätte. Seine schmalen Lippen sind in einem leichten Lächeln erstarrt. Auf dem Nachttisch neben ihm liegt sein Testament.

Diese Szenerie kommt mir unwirklich vor, im Gegensatz zum Traum, den ich vorhin hatte.

Mit einem strohtrockenen Mund taumele ich in die Küche und schütte ein Glas Wasser in mich hinein. Dann bemerke ich sieben abgefüllte Marmeladengläser auf dem Küchentisch stehen. Die sind für mich.

Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, und mein Vater beigesetzt wurde, räume ich in seiner Wohnung auf.

Dabei finde ich verblasste Postkarten, Schwarz-weiß-Bilder, Erotikmagazine aus den 80er-Jahren, eine kaputte Lesebrille, verrostete Münzen und vergilbte Briefe, die ich unbedingt lesen möchte, aber auf gar keinen Fall darf.

Die Parfümflasche meiner Mutter, die ich im Besitz meines Vaters vermutet habe, finde ich jedoch nicht.

Auf einmal fühle ich mich sehr einsam, obwohl Carla dabei ist.





Giorgi Ghambashidze

Geboren 1990 in Tiflis, Georgien.

Abgeschlossenes Studium im Filmbereich.

Seit 2011 wohnhaft in Deutschland.

Veröffentlichungen: „etcetera“ #73, 76/77, verdichtet.at, textem.de, The Transnational Vol. 7, Anthologie „Save Our Ship“, Nacht-Anthologie beim Schreiblust-Verlag, Ostragehege #110, Corona-Anthologie 2 (von Cognac & Biskotten)








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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