Lukas Felix Pohl für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Aufwachen
Es ist furchtbar kalt hier draußen. Bestimmt fünfzehn Grad unter null. Der Mond lässt den Schnee um mich herum schimmern und erhellt so die Nacht in Blässe. Meine Füße spüre ich schon seit einer Weile nicht mehr. Die trockene Kälte frisst sich gnadenlos bis tief unter meine Haut und weit ins Knocheninnere. Ich sitze einsam auf einem Hausdach, dessen scharfkantiges, dunkelgrünes Wellblech hart und drohend unterm Schnee hervorsticht. Links von mir wuchert ein weitaus größerer und höherer Gebäudeteil und verschwindet in der Dunkelheit. Er ist gespickt mit erloschenen Fenstern, lochartige Zugänge in die Leben anderer Menschen. Vor mir ragen Baumwipfel leuchtend aus der Tiefe, totenstarr zieren sie die Nacht. Sie, so schwer zu begreifen, mit ihrer rastlosen Ruhe, ihrer räumlichen Unendlichkeit. Nun sitze ich hier. Irgendwo auf einem grünen Wellblechdach.

Plötzlich ein Riss in meiner Brust, zieht nach oben, durch die Nackenmuskeln. Ich fasse mir an den Kopf. Irgendwo auf einem grünen Wellblechdach? Die Worte hallen in meinen Ohren. Gedanken tummeln sich hinter meiner Stirn. Sie läuft heiß, es stimmt etwas nicht. Ich muss mich beruhigen, mich sortieren, greife in den Schnee, nehme ein Handvoll, mache die zweite auch voll, klatsch ihn mir ins Gesicht, bewege die Hände nicht mehr, atme ein, atme aus. Gleichmäßig, sage ich mir, wie du es schon öfter gemacht hast. Langsam kehrt Ruhe ein, die Hände immer noch vor den Augen. Ihre künstliche Dunkelheit beruhigt mich. Ich möchte sie nicht mehr wegnehmen und verharre so eine Weile. Langsam kommen schon die Sterne, Erinnerungen an meine Kindheit, kleine Lichtblitze rauschen an mir vorbei. Mein eigenes Universum.
Bin jetzt wieder bei mir, kann wieder denken. Das grüne Wellblechdach. Hier hatte es begonnen. Ich versuche mich zu konzentrieren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch es passiert nichts. Vielleicht war es das gar nicht. Vielleicht…
Die Reise durchs Universum ist in vollem Gange. Planeten ziehen vorbei. Leuchtende Punkte, bunte Kreise, wie ein Feuerwerk mit weniger Farben. Ich versuche, die Geschwindigkeit, mit der ich fliege, zu drosseln, um genauer schauen zu können. Es funktioniert. Die Lichter werden deutlicher. Kurz funkeln sie bläulich. Dann tut sich hinter ihnen langsam eine beige Fläche auf. Sie hat Muster, aber nicht ein einheitliches, sondern viele kleine einzelne. Zusammen ergeben sie ein großes, es bewegt sich wogend. Jetzt erkenne ich menschliche Formen. Ich gleite näher heran.
Zwei Augen starren zurück. Grün, dunkle Brauen, lange Wimpern. Wie ein Spiegel. Auch die anderen Menschen, die mir zuvor als Muster erschienen, alle ich selbst. Aber irgendwie anders, als der direkt vor mir. Was genau anders ist, kann ich nicht sagen. Sie schauen mich an. In dem Moment weiß ich es wieder, der Gedanke von vorhin, doch ich kann ihn nicht greifen. Die Muster, die Menschen, meine Ichs vor mir fixieren mich weiter. Dem einen bin ich jetzt ganz nah, unsere Augen schlagen eine Brücke. Ich möchte das nicht, doch ich kann mich nicht dagegen wehren, sie verbinden sich. Vor Entsetzen reiße ich die Hände vom Gesicht. Schwärze. Die Mustermenschen, der vor mir, weg.
Wenige Sekunden und mein Blick klärt sich, gleißendes Licht. Mitten in der Nacht? Ein Strand vor mir, eine Frau neben mir. Sie hat kurzes Haar. Wo ist das grüne Wellblech, der Schnee? Der Strand verblasst, die Frau versiebt. Kälte umhüllt mich. Die Dunkelheit hat mich zurück.
Lukas Felix Pohl

Allein unsere Existenz ist eine Geschichte. Jeden Tag stolpern wir in neue, aufregende, schöne und manchmal auch traurige. Sie alle sind unvergleichlich.
Lukas Felix Pohl lebt in und für Geschichten. Schon als Kind schrieb er erste Texte und entdeckte später das Filmemachen für sich. Er wohnte, studierte und arbeitete in Nordamerika und verschiedenen Ländern Europas. Zuletzt in Südfrankreich, bevor er in seine Heimatstadt Köln zurückkehrte.
Seit 2024 widmet sich Lukas vollständig dem Schreiben. Inspiriert von Autoren wie Hemingway, Malaparte, Max Frisch und Murakami, erschafft er realistische Erzählungen, spielt mit surrealistischen Elementen oder fantasiert auch gerne
ganz neue Welten.
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