NeoLingk?

Sabrina Binek für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




NeoLingk?

Wieder kein Zucker hier heute. Doch dem kleinen blauen Trüffelschweinchen war warm und wohlig ums Herz. Ganz ohne Konfetti.

Die Neonleuchtstoffröhren am gebogenen Deckengewölbe verschwimmen. Ich muss die Augen zusammenkneifen, um klar sehen zu können. „Außer Betreib“ kleben Anzeigen an den eingelassenen Lichtkegeln in den Kästen zwischen den abgelebten Polstern in der Artothek. Menschen sitzen. Lesen. Ein Frau telefoniert. Es sei wohl echt spät. Spät auch das Sein hier? Draußen vor der Fensterfront, Straßenverkehr. Buslinien im Dunkel des hereinbrechenden Abends. Die U2 über der Erde. Ampellichter. Hier drinnen schiebt ein Künstler Fach um Fach der Gemäldegalerie heraus, nimmt schließlich ein Bild ab und geht damit. Außer mir bin ich an einem Ort wie diesem. Bilder. Bücher. Zeitschriften. Menschen. Ideen. Kreativität. Ich kann dann aus meinem Kopf entfliehen. In Sphären und Perspektiven anderer. Manchmal sogar zusammen mit anderen. Wiederum muss ich blinzeln, um von den Geschehnissen um mich herum auf den Bildschirm meines Laptop zu switchen. Ein Switch zudem von realer Kreativität ins digitale Genie? Wie ist die künstlich Intelligenz bloß auf ein blaues Trüffelschwein gekommen? Woher weiß sie von meiner Zuckerkrankheit? Plötzlich scheint mir vor meinen Augen alles zu verschwimmen. Mein Humansystem sendet mir eine Alarmmeldung. Stufe drei. NeoLingk, mein digitales Gehirnimplantat ist alarmiert. Die Kontrollmechanismen haben kollaborierende Risikofaktoren erkannt.

Neugier.

Kulturelle Zerstreuung.

Sinnfreies Tun.

Habe ich das blaue Trüffelschweinchen gar selbst erdacht? Ich. Nicht mein neues Programmierer-Hirn? Der Alarm Stufe drei schrillt weiter. Ich sehe alles verschwommen. Was ist nun zu tun? Ich versuche mich verzweifelt an des Notfallhandbuch meines Neo-Brains zu erinnern.

Meine missliche Lage scheint nicht aufzufallen. Um mich herum setzen sich immer wieder neue Lesende. Eine Bibliothekarin sortiert aus dem Rollwagen zurückgebrachte Medien in die Regale. Auf dem Boden vor mir liegt ein kleines weißes Rechteck. Unbedarft hebe ich es auf. Eine Rückgabequittung. Ich versuche mein Hirn zum Lesen zu bringen. Zahlenreihe, Buchtitel. Zahlenreihe, Buchtitel. Datum. Uhrzeit. Ich kann die Ziffern und Buchstaben erkennen, jedoch erschließt sich mir kein Sinn daraus. Am Ende des Zettels steht gedruckt: Bisphenol A. Ein Medikament? Benötige ich Medikamente, um die Alarmstufe drei einzudämmen? Was passiert in Stufe zwei oder Stufe eins? Mir gelingt es nun die Tasche und den Laptop zu packen und mit getrübtem Blick durch die Regalreihen nach draußen zu wanken. Vor dem Eingang lasse ich mich auf eine Bank fallen. Ich schließe die Augen und zähle rückwärts von zweiundvierzig auf null herunter. Das Alarmsignal in mir wird langsam leiser. Bei null angekommen erlischt es. Zweiundvierzig die Antwort auf alles. Oder fast alles. Ob das die künstliche Intelligenz auch wusste? Sehr wahrscheinlich schon. Denn sie konnte in Sekundenschnelle alle Texte der Welt lesen, so sie im weltweiten Netz veröffentlicht sind. So könnte ich nun mit meinen neuen digitalen Hirn es dem gleichtun? Hatte ich mich deshalb als Proband gemeldet? Wahrscheinlich wollte ich Gedanken lesen und Macht über andere haben. Was hat den Alarm im Humansystem ausgelöst? Langsam sehe ich wieder klar, packe meine Laptop in die Schultertasche, begebe mich an den gegenüberliegenden Landwehrkanal. Mich bewegen sehr viele Fragen. Sollte ich nicht ruhig und abgeklärt sein mit den Möglichkeiten der digitalen Zukunft? Ich blicke auf die Spiegelungen der Großstadt im nächtlichen Kanalwasser. Gegenüber noch immer Wissensdurstige, Neugierige und Träumerinnen zwischen alten und neuen Bücherdeckeln. Menschen stecken die Köpfe zusammen, Fragen werden beantwortet, Fragen aufgeworfen. Ideen entstehen. Langsam strömen sie dann aus dem gläsernen Vorbau des Betonklotzes in die Kühle der Nacht. Die Neonleuchtstoffröhren erlöschen. Bevor mich auf den Heimweg mit der U6 mache, nehme ich einen großen tiefen Schluck Wasser aus meiner mitgebrachten Flasche. Und lese noch einmal die Sätze im Laptop. Manchmal ist es wundersam, wie Texte entstehen.

Wieder kein Zucker hier heute. Doch dem kleinen blauen Trüffelschweinchen war warm und wohlig ums Herz. Ganz ohne Konfetti.




Die Berliner Schriftstellerin Sabrina Binek schreibt allein und gemeinsam

mit anderen Autorinnen und Autoren Gedichte, Kurztexte und Romane. Sie

tritt auf Poetry Slam- und Lesebühnen auf.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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