Rote Algenberge in einer Dezembernacht

Christa Blenk für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Rote Algenberge in einer Dezembernacht

Monatelang war ich auf der Suche nach einem Handwerker. Noch einen Winter würde das marode Dach meines Ferienhäuschens nicht überleben. Dann bekam ich Ende November eine Mail von einem mir unbekannter Dachdecker, der ab dem 8. Dezember zur Verfügung stünde.

Hin- und hergerissen zwischen einem neuen Dach und einem Winterurlaub, biss ich schließlich in den sauren Apfel und legte in einem Rutsch die 1000 Kilometer von Bremen bis an den französischen Atlantik zurück. Zwischen Weihnachten und Neujahr wollte ich eigentlich in die Berge zum Skilaufen, aber meine verbleibenden Urlaubstage würde nun das Dach fressen.

Kurz vor 21 Uhr kam ich erschöpft an. Es war stockfinster. Seit Corona und den gestiegenen Energiepreisen wird die Straßenbeleuchtung in den im Winter menschenleeren Nebenstraßen oft schon vor 21.00 Uhr abgeschaltet.

Am nächsten Morgen stand der Dachdecker um Punkt 09.00 Uhr vor der Tür. Es würde ein wunderbarer, sonniger Tag werden. Er blickte ernst, sagte wenig, notierte viel. Mit dem Satz Dann fange ich gleich heute nach dem Mittagessen an, verließ er kurz nickend meinen Garten. Ich fühlte mich sehr wohl und machte mich beschwingt vor Glück, mein Urlaubsbudget für das nächste Jahr in ein neues Dach investieren zu dürfen, auf den Weg zum Strand. Schon von weitem konnte ich sehen, dass die letzte Flut tonnenweise rote Algen angeschleppt hatte. Das würde die Kartoffelbauern freuen und in der Tat waren auch schon welche damit beschäftigt, diesen fantastischen und vor allem kostenlosen Dünger auf kleine Anhänger zu verladen, um ihn abzutransportieren. Als ich zurückkam, lud der Handwerker gerade sein Material ab. Um 17 Uhr war es dunkel und er verabschiedete sich bis zum nächsten Tag. Ich machte mir noch etwas zu essen und öffnete zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein!

Zufrieden mit mir und meinem ersten Tag hier, zog es mich gegen 21.00 Uhr doch noch mal nach draußen. Am Ende der kleinen Straße ging gerade die letzte Lampe aus.  Man sah außer Sternen nichts mehr. Es war unglaublich. Mein Auto war das einzige in der Straße. Ich fühlte mich wie der letzte Mensch auf der Welt.

Dezember, Nacht, Sternenhimmel über dem Land, Vollmond, sehr hoher Koeffizient, Tidentiefstand, die Insel d’Yeu und die Halbinsel Noirmoutier zum Greifen nahe, Betelgeuse und Rigel gut sichtbar, eine Nebelwand vor dem Atlantik und rote Algenberge am Strand.

Während ich die 150 Meter zum Wasser hinunter lief, musste ich plötzlich an diese Worte denken und an die fantastische Geschichte, die vor zwei Jahren ein uralter Seemann in einer Bar am Ort erzählte. Damals hielt ich sein Geschwätz für Seemannsgarn, zumal man bei Vollmond eher weniger Sterne sieht und ein hoher Koeffizient vor allem im Winter gerne eine Schlechtwetterfront mit sich bringt. Eine dicke, scheinbar undurchdringliche Nebelwand vor mir bestätigte einen weiteren der Punkte und, wer weiß, vielleicht waren ja die beiden, einige Kilometer entfernten, Inseln hinter der Nebelwand am Horizont zum Greifen nahe, wie der alte Mann damals orakelte.

Die Stimmung war seltsam, irgendwie irreal und ein wenig gespenstisch. Der Vollmond leuchtete nur für mich, während ich mich der Strandpromenade näherte.

Dann blieb mein Blick an einer Gestalt hängen, die direkt vor der Nebelwand mit dem Rücken zu mir stand, so als wollte sie gerade durch eine Türe gehen. Es war ein Mann, circa 190 cm groß und schmal. Er trug einen langen, schwarzen, weiten Mantel, einen großen, dunklen Hut und festes Schuhwerk. Er schien mir weder jung noch alt zu sein und sah irgendwie verkleidet aus. Auf den ersten Blick erinnerte er mich an ein Vintage-Plakat für eine Sherry-Werbung. Obwohl ich sonst nicht ängstlich bin, wollte ich hier, so mutterseelenallein, diesem seltsamen Fremden nicht in die Arme laufen und beschloss schweren Herzens wieder umzukehren. Bevor ich aber meine Gedanken in die Tat umsetzen konnte, drehte er sich abrupt um und sagte mit warmer, dunkler Stimme.

„Es müsste heute zu sehen sein. Alle Voraussetzungen sind gegeben. Ich bin überzeugt davon, dass man hinter dem Nebel die Inseln sieht. Hören Sie das?“

„Nein, ich höre nichts und sehe nichts“, antwortete ich ihm leicht aufgeregt und ging ihm entgegen.

„Eben! Die dichte, graue Suppe verschluckt sogar das regelmäßige Heranschwappen der Wellen“, sagte er beinahe andächtig. „Die Flut läuft schon wieder auf und das müssten wir hören bei einem unglaublichen Koeffizienten von 117.“

Es war aber mucksmäuschenstill. Ich hörte nur mein eigenes Herz klopfen.

„Kommen Sie mit?“, fragte er und nahm, ohne meine Antwort abzuwarten, einfach meine Hand. Ich ließ es geschehen. Sie war schmal, warm und trocken und rau. Dieser Mann hatte noch nie etwas von Handcreme gehört, ging es mir durch den Kopf. Der Meeresboden war immer noch fest. Es war Tidentiefstand und es würde sicher noch drei Stunden dauern, bis der Atlantik den Boden wieder unter sich verschluckt. Das immer wiederkehrende Spiel von Ebbe und Flut faszinierte mich jedes Mal aufs Neue.

Es kam mir nicht im Geringsten befremdlich vor, in einer einsamen Dezembernacht und an der Seite eines Wildfremden in den Atlantik hinauszugehen.

„Mein Name ist Erik“, stellte er sich vor, während er meine Hand losließ, kurz seinen Hut lüftete und mich von der Seite anblickte.

„Clea“, flüsterte ich gedämpft zurück.

„Ich weiß“, sagte er mit einem Lächeln und fasste mich am Ellenbogen. „Wollen wir, Clea?“ Wir drangen in den Nebel ein, immer dem unsichtbaren und unhörbaren Wasser entgegen. Ich fragte mich, wieso er meinen Namen kannte und hatte plötzlich das Gefühl, in ein anderes, geheimnisvolles, mir unbekanntes, aber aufregendes Leben einzutreten.

„Sie kennen die Legende des alten Seemannes auch, nicht wahr?“ Ich nickte nur, was er aber unmöglich sehen konnte. Nach nur ein paar Schritten lösten sich die Nebelschwaden schlagartig auf und der Himmel über uns strotzte nur so vor Sternen, mehr noch, er war vor lauter Sternen gar nicht zu sehen. Ich hatte den Eindruck, dass jede Sekunde ein neues Gestirn angeknipst wurde. Bei diesem Sternenlicht konnte ich Erik nun genauer betrachten. Er war um die 40 und sah wie Gregory Peck in dem Film Moby Dick aus. Dieser Ahab allerdings, mit dem ich gerade zielstrebig über den Meeresboden ging, um mitten in der Nacht ein Wrack zu besichtigen, das niemand, den ich kannte, jemals vorher gesehen hatte, trug keine weiße Beinprothese aus dem Kieferknochen eines Pottwals, hatte keine Narbe im glattrasierten Gesicht und auch keinen fanatischen Blick. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass er ein wenig hinkte, nur ganz leicht.

Plötzlich, ohne Vorankündigung, lag es groß,und mächtig vor uns: Das sagenumwobene, mysteriöse Segelschiff, oder besser gesagt, das, was davon noch übrig geblieben ist. Vor langer Zeit soll es vor dem Pont d’Yeu, einer Sand- und Felsenbank, auf die man bei einem großen Koeffizienten vom Festland aus zu Fuß gelangen kann und die genau gegenüber der Insel d’Yeu liegt, gesunken sein. Der alte Seemann, der uns damals all die Voraussetzungen, die gegeben sein mussten, damit man es sehen konnte, genannt hatte, war überzeugt davon, dass es sich dabei nur um das legendäre Pestschiff handeln konnte.

Seit wir den Nebel hinter uns gelassen haben, waren die beiden besagten Inseln wirklich zum Greifen nahe. Der alte Seemann erzählte auch, dass damals, vor weit über 100 Jahren, die Küstenbewohner die Schiffsbesatzung nicht an Land lassen wollte, ihr aber auch nichts zum Essen brachte, vor lauter Angst, sich mit der Pest anzustecken. Davon segeln konnte das Schiff aus nicht genauer bezeichneten Gründen allerdings auch nicht.

„Hoffentlich kommt jetzt die Flut nicht gleich“, warf ich ein und bereute dies im nächsten Moment auch schon wieder, denn alles was passierte, war nicht von dieser Welt und mein Kommentar deshalb banal und unbedeutend. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, war aber nicht im Geringsten beunruhigt und vertraute diesem faszinierenden Fremden hundertprozentig. Erik gab mir darauf auch keine Antwort. Ich erwartete auch keine, denn die Begeisterung, dieses wahrscheinlich verwunschene Geisterschiff zu erforschen, hatte nun auch mich gepackt. Einmal drehte ich mich noch um, außer einer trüben, weißen Brühe war nichts zu sehen und es war mir auch egal.

„Hören Sie auch Musik?“

„Musik?“

„Ja, ganz klar“, Purcell würde ich sagen.

Schweigend gingen wir schnell weiter und ich merkte, dass wir trotz großen Schritten dem Segelschiff nicht näher kamen. Dafür wurde die Musik lauter.

„Definitiv Purcell“, konnte ich mir nun nicht vergreifen zu sagen.

„Sie haben Fantasie und sind rechthaberisch, das wusste ich noch gar nicht, aber es gefällt mir“, sagte er mit einem ironischen Blitzen in den Augen. Ich sah darüber hinweg, denn ich fühlte mich sehr wohl hier neben ihm und wollte um nichts in der Welt, seine warme, trockene, Sicherheit spendende Hand losgelassen. Ich hätte mein Leben lang so weitergehen können, auch wenn er offensichtlich von Musik keine Ahnung hatte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit spürte ich plötzlich, wie die ersten Anzeichen der ankommenden Flut um meine Gummistiefel schwappten und ich schüttelte seinen Arm.

„Wasser, die Flut läuft auf. Wir müssen umdrehen, zurück ans Land, schnell, Ahab, los, kommen Sie!“

„Ahab?“, wiederholte er und schmunzelte. „Haben Sie keine Angst, Clea und vertrauen Sie mir. Es wird Ihnen nichts geschehen. Ich möchte Ihnen nur etwas zeigen, auf dem Segelschiff. Sehen Sie, es scheint jetzt auf uns zu warten, wir kommen ihm näher“. Erik-Ahab hatte recht, die Flut kam hier sehr langsam und wir könnten es wohl wagen und wenn nicht, würde dieser Mann schon eine Lösung finden. Kurze Zeit später standen wir tatsächlich vor dem Schiff, das mir sehr groß und mächtig vorkam. Wir kletterten auf alten, morschen, mit Muscheln und Algen übersäten, glitschigen Holzplanken hoch und ich fühlte mich den Sternen sehr nahe. Der Fremde hielt meine Hand auch, als wir auf einer baufälligen Holztreppe nach unten in die Kajüte gingen. Der Boden war bedeckt von brackigem Wasser und es war stockdunkel. Er schien sich hier auszukennen, öffnete einen Holzschrank und holte eine Petroleumlampe und Streichhölzer hervor. Das Schwefelholz zischte und dann wurde es hell zwischen uns. Mir fiel auf, dass er ziemlich blass war.

Erik schwenkte nun die Lampe an die holzgetäfelte Wand. Dort hing das Porträt eines Mannes, der genau so aussah wie er.

„Die meisten von uns waren gar nicht krank, es war auch nicht die Pest, sondern die Cholera.“ Dann öffnete Erik eine Schublade und holte ein nicht sehr großes, gemaltes und schlicht gerahmtes Porträt heraus. Die Frau darauf hätte meine Zwillingsschwester sein können.

„Ich verstehe nicht.“

„Das kommt noch. Aber jetzt müssen wir zurückgehen“, mit diesem Satz ging er auf die Treppe zu und zog mich hinter sich her. Kurze Zeit später betraten wir festes Land.

„Wer war die Frau?“

„Cleophilia. Sie kam aus Bremen und war genauso wunderschön und mutig wie sie. Aber ich muss mich jetzt verabschieden, Clea.“

„Wollen Sie einen Tee oder einen Cognac bei mir trinken, ich wohne gleich hier um die Ecke. Sonst gehe ich mit dem Eindruck nach Hause, dies alles nur geträumt zu haben.“

„Wer kann schon sagen was Traum und was Realität ist“, meinte Ahab-Eric, lächelte mich an, strich mir kurz über die Haare und ging weg in Richtung Atlantik, ohne sich noch einmal umzudrehen. Jetzt konnte ich das leichte Hinken deutlich erkennen. Der große, geheimnisvolle Mann verschwand schon vor meinen Augen, als ich ihn eigentlich noch hätte sehen müssen.

Morgen würden die Algenberge noch da sein und der Koeffizient 116 betragen. Die Chancen standen gut.

***

Christa Blenk veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten und Erzählungen in unterschiedlichen Anthologien und Literaturzeitschriften und schreibt seit über zehn Jahren regelmäßig für das Berliner Online Magazins KULTURA EXTRA über Musik, Reisen, Literatur und Kunst.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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