Die Familienvase

Zita Horn und Philipp Balga für #kkl47 „Symbolik“




Die Familienvase

Die Lieblingsvase von Ninas Mutter war weder weiß noch beige, irgendetwas dazwischen, sandfarben heißt das vermutlich. Eindeutig kelchförmig war sie, und somit breit genug für die meisten Blumensträuße. Ein stabiler Behälter, der regelmäßig Verwendung fand, bis er eines Tages zerbrach und entsorgt wurde.

An einem Samstagvormittag beschloss Nina spontan eine Freundin am Wiener Naschmarkt zu treffen. Da sie früher als vorgesehen ankam, vertrieb sie sich die Wartezeit am Flohmarkt, der dort wöchentlich stattfand. Sie schlenderte zwischen den Ständen und entdeckte ein bekanntes Ding, aus ihrer Familiengeschichte.

So schnell wie Nina der Fund ins Auge gesprungen war, so plötzlich lag die Kelchvase in ihrer Hand. Diese sah exakt gleich aus, wie jene, welche sie aus dem Vorzimmer des Elternhauses in Erinnerung hatte. Wie auferstanden, erschien ihr das Keramikgefäß. Vom Geisterdasein zur Materie zurückgekehrt, um seine Aufgabe wieder aufzunehmen. Nina stand inmitten des Flohmarkttreibens und konnte es nicht fassen. Sie empfand Gefühle der Freude, aber auch der Verwirrung.

Ihre Mutter besaß das gleiche Modell und verwendete es über Jahre. Immer freitags, nach dem Großputz des Hauses, wurde die Vase ausgewaschen und zum Abschluss der Arbeit zur Schau gestellt. Sie stand ausnahmslos im Vorzimmer, auf dem mittelhohen Schuhschrank, mit einem frischen Blumenstrauß darin. Ninas Mutter verstand die Befüllung der Vase als ihre besondere Aufgabe, die sie hochkonzentriert und meist mit ernster Miene übernahm.

Nina hielt das Blumengefäß in der Hand und erinnerte sich an ihre Kindheit, ihre Empfindungen und ihre Mutter. Sie ahnte, dass es hinter all diesen Kopfbildern verborgene Hinweise geben musste, weshalb die Mutter plötzlich nach Linz übersiedelte, um Innenraumgestalterin zu werden. Also begann sie in ihrem Gedächtnis Gesprächsfetzen aufzuspüren, und sie den Bildern aus der Erinnerung zuzuordnen.

Während Ninas ersten Lebensjahren präsentierte die Vase oft Wildblumen, die sie mit dem Bruder bei Ausflügen gesammelt hatte. Es fehlte der jungen Familie damals an Geld, so mal Ninas Mutter lediglich einen Lehrberuf lernen durfte. Nina spürte einen Erinnerungsstrang auf, in dem sie erzählt bekam, wie unglücklich die Mutter als junge Frau über die Entscheidung ihrer Eltern gewesen war. In dem aufgedrängten Beruf ging sie nicht recht auf und wechselte oft die Arbeitgeber. Die Kinder zu erziehen, schien für einige Jahre ein Ersatz für eine verfahrene berufliche Laufbahn zu sein. Als Nina und ihr Bruder in die Volksschule kamen, brauchten sie ihre Mutter immer weniger.

Zu jener Zeit wurden die Blumensträuße raffinierter: Schnittblumen aus dem Garten, wie Tulpen ergänzt mit zugekauftem Schleierkraut, Sonnenblumen mit roter Gerbera, Hortensien neben violettem Rittersporn zierten nun den Eingangsbereich.

Schließlich erinnerte sich Nina an Streitereien der Eltern über das gemeinsame Konto. Lebensmittelaufwendungen und andere Kosten wurden lautstark analysiert. Die Mutter beendete die Diskussionen, indem sie Vollzeit arbeiten ging. Sie nahm eine Stelle als Kanzleiassistentin in einer Anwaltskanzlei an. Das Geld für neue Blumen wurde eingespart und stattdessen die freitags übrig gebliebenen, vom Empfangstresen der Kanzlei nach Hause gebracht. Nach dem Wochenende, spätestens am Dienstag waren diese trotz frischem Wasser und Vitaminkur, welk.

Eines Tages geschah es dann, dass bei der wöchentlichen Reinigung die Vase aus der Hand rutschte und in der Spüle zerbrach. Es folgte kein Ersatz. Die Tochter bemerkte es, Wochen später. Sie war gerade mit der eigenen Ausbildung beschäftigt, sodass die Veränderung unterging. Zudem wohnte sie nicht mehr im Elternhaus, sondern in einer Wohngemeinschaft in Wien. Wann immer sie an den darauffolgenden Wochenenden zu Besuch kam, stand anstelle der Blumen eine beunruhigende, ja gespenstische Stille im Raum. Die Eltern beschäftigten sich getrennt voneinander, jeder für sich mit seinen Belangen. Diese düstere Stimmung hielt so lange an, bis sich Nina lautstark bemerkbar machte. Dann wurde sie gedrückt, bewirtet und die Welt lief wieder in gewohnten Bahnen. Zumindest bis die Mutter auszog, und meinte, die Tochter solle sie in Linz besuchen, inklusive Einladung zur Abschlussveranstaltung des Lehrgangs.

Nina atmete eine Träne weg. Wie würde ihre eigene Abschlussfeier werden, da die Familie zerrissen war?

Mit festem Griff hielt sie die Vase in der Hand, als wollte sie einen Geist im Diesseits halten. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen und ein Blumengefäß war kein Pflaster für ein eingerissenes Mutter-Kind Band.

Für einen langen Moment überlegte Nina den Flohmarktfund zu kaufen, um die alte Tradition aus der Kindheit in der Wohngemeinschaft wieder zu beleben. Sie malte sich einen Plan aus, in welchem jede Mitbewohnerin wöchentlich einen Beitrag zur Verschönerung des Vorzimmers leisten konnte. Man würde sie verstehen, wenn sie nur in Ruhe erklärte, dass ein Empfang durch Dahlien oder gar Rosen eine ganz besondere Wirkung auf jemanden hat, der nach einem anstrengenden Tag durch die Wohnungstür poltert. Dann kam ihr wieder das Bild der Mutter in den Sinn, die gedankenverloren an den Blumen zupfte, Wasser wechselte und laufend die Stängel ausrichtete, als würde sie ein Kunstwerk schaffen. Nina beobachtete sich in ihrer Vorstellung, wie sie selbst die Blumen arrangierte und sich einredete die unterschiedlichen Farben und Formen an langen Stielen könnten die Vergangenheit festhalten. Ärger über die eigene Verunsicherung stieg empor.

Seufzend drehte sie die Vase in der Hand, suchte Zeichen oder Antworten, auf die Frage: „Warum es nur so schwerfiel, loszulassen?“, und fand lediglich den Namen der Porzellanmanufaktur am Boden.

Die vielen Blumen in all den vergangenen Jahren, die farbenfrohen Freudebringer brauchten ein Gefäß, gefüllt mit Wasser und Nährsalzen. Ihre Mutter benutzte eine Vase als Aufgabe, bis sie wusste, welche die eigene war. Nina hatte in diesem Sinn keine Verwendung für den zerbrechlichen Behälter. Es stand ihr in Wahrheit nie der Sinn danach, Blumen zu arrangieren. Als Kind spielte sie in einem Fußballverein. Pflanzen empfand sie beim Trainieren im Garten stets als Ärgernis. Bald sollte sie den Studienabschluss in der Hand halten, damit begann auch ein neuer Lebensabschnitt für Nina. Dafür wollte sie ihre Freunde und ihre Familie bei sich haben, und das anhaltende Gefühl gebraucht zu werden, aber nicht von einer leeren Vase. Der Händler fragte nach, ob sie denn ihren Fund kaufen wollte, da schlug gerade rechtzeitig die Erkenntnis ein, und Nina antworte: “Danke, nein!“.





Text:

Zita Horn, 1986 geboren, lebt in Niederösterreich. Nach Abschluss des FH -Studiums folgten Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, in Anthologien.

Die Autorin schreibt alltägliche Geschichten, die sie unter Verwendung magischer, oder mystifizierte Elemente betrachtet.

Foto:

Philipp Balga, Arzt für Allgemeinmedizin und Fotograf, lebt und arbeitet in Strasshof und Wien. Autodidaktische Beschäftigung mit künstlerischer Fotografie seit frühen Tagen.

Regelmäßige Mitarbeit im Rahmen von Fotoessays in Publikation und Büchern.

www.philippbalga.com






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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