Fokus

Alexander Klymchuk für #kkl47 „Symbolik“




Fokus

»I am not your rolling wheels, I am the highway.«
Chris Cornell (1964 – 2017)

Mykola öffnete die Augen, als die Sonne aufging. Ihre Strahlen setzten des orangefarbenen Vorhang in Brand, der leicht in der morgendlichen Brise wehte. Er hörte Geräusche aus dem Nebenzimmer. Wie an jedem Morgen war Lysanné bereits wach und machte Frühstück. Der Duft gebratenen Specks mit Spiegeleiern wehte zu ihm herüber und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er hörte das fröhliche Pfeifen eines Singvogels, der den neuen Tag begrüßte. Blinzelnd setzte er sich auf und strich durch seinen Vollbart. Eine verirrte dunkelbraune Locke hing ihm vor der Stirn. Er registrierte es kaum. Mit knackenden Gelenken stand er auf, streckte sich und warf sich seinen karmesinroten Morgenmantel über, bevor er in die Küche ging. Der Tisch war schon gedeckt. Sie trug das enzianblaue Kleid mit den weißen Blüten, das er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Es betonte ihre schlanke Taille und ließ sie jünger erscheinen, als sie war. Ihre Sommersprossen ließen sie auf eine zeitlose Weise wie das Mädchen wirken, das sie einst gewesen war. An das Kind, das in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und in schneereichen Wintern die Hügel hinabgefahren war, mit freudigem Johlen und der Unerschrockenheit der mutigen Entdeckerin, die nach wie vor in ihr schlummerte.

»Morgen«, sagte er mit übertrieben verwaschener Stimme und umarmte Lysanné von hinten. Sie roch nach Lavendel und der Creme, die sie verwendete, um die Falten unter ihren Augen zu glätten (Seiner Ansicht nach hatte sie das nicht nötig, aber gleich, wie oft er ihr Komplimente machte, spürte sie stets den Zahn der Zeit an ihr nagen und den Wunsch, diesen zu ziehen.). Sie wendete die Spiegeleier, wie er es gerne mochte, drehte sich um und küsste ihn leidenschaftlich. In Augenblicken wie diesen fühlte er sich, als wäre er gerade volljährig geworden und müsste nicht mehr für jede Verabredung seine Eltern um Erlaubnis fragen; ein Gefühl, das trotz der Jahrzehnte, die vorübergezogen waren, nie vollständig schwand).

»Guten Morgen, Sonnenschein. Kaffee?«

»Ist der Papst immer noch katholisch?«

»Heißt das ›Ja?«, fragte Lysanné und hob die Kaffeekanne auf Augenhöhe.

Er nickte grinsend. »Definitiv.«

Ihre langen blonden Haare folgten auf eine fließende, geschmeidige Art der Bewegung ihres Kopfes, als sie lachte. Ihr hellblauen Augen, die ihn stets an etwas erinnerten, das in ewigem Eis eingeschlossen zu sein schien, blickten ihn aufmerksam an. Sie schenkte ihm Kaffee ein, reichte ihm die Tasse und drehte sich wieder zum Herd um.

Im Radio trällerte irgendeine Sängerin mit digital überarbeiteter Falsettstimme eine eigenartig monotone Melodie, die begleitet wurde von hämmernden Beats elektronischen Ursprungs. Neumodischer Pop. Für Mykola klangen die Lieder alle gleich, konform und ohne Kanten, konzipiert um zu gefallen und bedenkenlos konsumiert werden zu können. Er setzte sich an den Frühstückstisch, nahm einen Schluck von dem Kaffee und schüttelte den Kopf.

»Wann haben sie damit aufgehört gute Musik zu machen?«

»Kommt drauf an, was du mit ›gut‹ meinst«, antwortete Lysanné ohne sich umzudrehen. »Manche würden sagen, dass das am 18. Mai 2017 war.«

»Was war da?«, fragte er, obwohl er eine Ahnung hatte.

»Da ist Chris Cornell gestorben, der größte Sänger unserer Generation. Ab da ging es bergab, mit der Kunst, der Musik und der Kreativität allgemein.« Zur Visualisierung hob sie den Bratenwender und ließ ihn symbolisch durch die Luft gleiten und in Richtung Bratpfanne abstürzen.

»Noone sings like you anymore.«, sagte Lysanné übertrieben theatralisch, doch mit aufrichtigem Kummer in der Stimme. Seit dem Tod des Soundgarden-Sängers war es ihr kaum möglich seine Musik zu hören, ohne die Trauer über seinen Verlust als ein auf ihr lastendes Gewicht zu empfinden. Sie hatte es immer geliebt seine Stimme zu hören, doch nun fühlte sie sich jedes Mal, als würde sie sich auf der Beerdigung ihres besten Freundes befinden.

Mykola verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln und blinzelte müde. »Also eigentlich war das ja eine rhetorische Frage, aber wenn wir schonmal dabei sind würde ich sagen, dass mit der Auflösung der Beatles alles vorbei war.«

»Naja, hin und wieder spielen sie ja die Klassiker und nennen es Weltmusik, oder so.«

»Schon, aber meistens kommen nur Platitüden, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass sie eigentlich nichts zu sagen habe, und dieses aalglatte, leicht zu konsumierende Zeug, das keinerlei künstlerischen Mehrwert hat. Elektrosmog in hübscher Verpackung, der immer klingt, als hätte ihn dieser X oder Y dieser komischen Plastiktussi produziert, die …«

»Oh, schon so spät!«, rief Lysanné. »Die Zeit rennt uns mal wieder davon.« Sie verteilte das Frühstück auf die Teller und stellte sie auf den Tisch. Dann zog sie einen Haargummi aus der Backentasche ihrer Jeans, band sich einen einfach Pferdeschwanz, setzte sich und faltete die Hände. Mykola tat es ihr gleich, wie an jedem Morgen.

Die Glocke des nahegelegenen Kirchturms schlug vier Mal, um die volle Stunde zu verkünden, und weitere acht Mal, um die Stunde zu benennen.

Sie bekreuzigten sich, schlossen die Augen und senkten den Kopf. Die Musik verstummte, als der Souffleur der ›Kirche des globalen Bewusstseins‹ das morgendliche Gebet anstimmte. Seine geschlechtslose Stimme war augenscheinlich moduliert und angepasst worden, sodass sie auf eine übermenschliche Weise sowohl unschuldig als auch erhaben und vertrauenserweckend klang.

»Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz. Mit einem willigen Geist rüste mich aus. Deinen Namen will ich preisen, denn Deine Güte währet ewiglich.«

Lysanné und Mykola bekreuzigten sich erneut (wobei er sich älter fühlte, als er war) und flüsterten unisono ein ›Amen‹, bevor sie die Augen wieder öffneten und sich anblickten. Sie lächelte ihn breit an. Ein merkwürdiges Déjà-vu-Gefühl drängte sich ihm auf, als hätte er diesen Augenblick schon einmal erlebt, doch er schob das Gefühl beiseite und erwiderte ihr Lächeln.

»Bon Appetit«, sagte sie und schenkte sich Kaffee ein.

Mykola stocherte in seinem Spiegelei. Das Eigelb lief über den Speck und wirkte auf ihn, als würden die gebratenen Bauchscheiben eine zähe Flüssigkeit ausschwitzen. Er hielt inne.

Lysanné blickte ihn besorgt an und tupfte sich mit ihrer Serviette den Mund ab. »Is alles okay?«

Er winkte ab, blinzelte müde und rieb sich die Augen.

»Stimmt was nich?«

»Ach«, sagte er seufzend. „Ich hatte wieder diesen komischen Traum, glaub ich.«

»Wieder die Maschinen?«

Er nickte. »Yepp. Schon wieder.«

»Was ist passiert?«

»Ich weiß nich genau. Irgendwas mit einem riesigen Rad, sowas wie ein Hamsterrad, nur mit Menschen drin. Wir laufen und … also wir treiben das Ding an, und latschen im Kreis. Immer wieder fällt einer um. Dann kommen Greifarme von der Decke, packen ihn und werfen ihn in eine Art Loch. Es riecht nach Feuer, wie …«

Er blickte auf seinen Teller.

»Wie gebratener Speck?«

»Sowas in der Art«, bestätigt er nickend und obwohl sie einen Scherz machen wollte, ist ihm nicht nach lächeln zumute. »Ein Ofen, in dem die entsorgt werden, die nicht mehr laufen können, und …«

Sie stutzte. »War diesmal irgendwas anders als sonst?«

Mykola dachte nach und versuchte, sich zu erinnern (Im Grunde imitierte er jemanden, der sich erinnerte, denn seine Träume waren Dinge, die er nur schemenhaft nachvollziehen konnte, wie lückenhafte Ausschnitte eines in Gedanken gegangenen Weges.) »Keine Ahnung. Vielleicht … doch, da war was.«

»Was?«, fragte sie mit ehrlichem Interesse.

»Ich war anders.«

»Wie meinst du das?“

»Na, ich hatte den Eindruck, dass es mir schwerer fällt, zu laufen, die ganze Zeit, nur das Rad drehen und diese Maschinen am Laufen halten, als ob ich es einfach nicht mehr schaffe, körperlich oder … ach, ich weiß nich. Vielleicht träume ich einfach, dass ich alt werde oder sowas. Verrückt, oder?«

Sie lächelte, beugte sich zu ihm herüber und küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen schmeckten nach Salz. »Du bist nich alt. Und verrückt bist du auch nich.«

Nach dem Frühstück räumte Lysanné die Spülmaschine ein. Lautstark erwachte sie zum Leben. Ihr Rattern wurde zu einem Hintergrundgeräusch, als sie das Radio lauter drehte. Elvis Presley fragte irgendjemanden, ob er oder sie einsam sei, ob sein oder ihr Herz mit Schmerz gefüllt sei und ob er zurückkommen solle, den ganzen Weg zurück, um die Einsamkeit zu vertreiben.

Mykola wusch sich die Hände und begab sich ins Schlafzimmer, wo er den knallgrünen Trainingsanzug überstreifte, den Lysanné ihm zu ihrem Jahrestag geschenkt hatte. Zweifelnd kam er in den Flur überprüfte er im Spiegel der Garderobe den Sitz und zog die Ärmel ein wenig nach unten. Er ignorierte mit einem beinahe schmerzhaften Stechen seine ergrauten Schläfen, registrierte widerstrebend den glasigen Blick seiner gealterten Augen und übersah großzügig die Falten unter seinen hängenden Wangen.

Der Trainingsanzug und sein Körper schienen nicht vollends kompatibel zu sein.

»Bisschen knapp, oder?«, fragte er mit lauter Stimme, um den King zu übertönen. Lysanné lachte und sagte: »Das muss so sein. Mit der Zeit wird er passen.« Sie stand im Türrahmen und schälte eine Banane. Grinsend biss sie ein Stück ab.

»Du meinst, wenn ich etwas abgespeckt habe, oder?«

Sie lachte erneut. »Ich meine, wenn du in Form kommst.«

Mykola grunzte missmutig, doch er fischte die Laufschuhe aus dem Schuhschrank, zog sie an und verschnürte sie gut. Dabei ignorierte er das Knacken in seinen Knien. Er hoffte, dass Lysanné es nicht gehört hatte.

»Echt«, sagte sie kauend. »Du wirkst glatt zehn Jahre jünger.«

»Ich weiß nich. Ich komme mir vor, wie ein Clown.« Er versuchte ein beleidigtes Gesicht aufzusetzen, doch es gelang ihm nicht ganz. Sie ging auf ihn zu und küsste ihn auf die Wange.

»Ach was. Du siehst toll aus!«

Mykola grunzte missmutig und ließ die Schultern hängen. So mochten sich die Japaner gefühlt haben, als sie nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki die Kapitulation unterzeichneten.

»Auf, früher Vogel«, sagte Lysanné mit einem lasziven Grinsen und gab ihm einen Klaps auf den Po. »Schnapp dir den Wurm.«

Seufzend gab er sich geschlagen. Vor dem Haus machte er Bewegungen und Verrenkungen, die er als Dehnübungen‹ bezeichnete, und lief die Einfahrt entlang, bog auf die Hauptverkehrsstraße und verfiel in einen gleichmäßigen Trab.

Er spürte, wie sich seine Atmung auf den Rhythmus seiner Bewegungen einstellte, wie ein Uhrwerk, das sich synchronisierte. Das Geräusch seiner auf dem Asphalt aufschlagenden Schuhsohlen wurde zu einem Metronom, das der Melodie seines Körpers den Takt vorgab.

Die Häuser und Grundstücke des Vororts schienen an ihm vorbei zu schwimmen. Sie sahen alle gleich aus für ihn. Klobige mit Holz und Putz verkleidete Kuben, die alle auf die gleiche Art und Weise gefertigt worden waren. Er saht andere Läufer vor und hinter sich. Immer wieder kam eine Gestalt aus einer Einfahrt gelaufen und reihte sich ein, als liefen sie ein Rennen. Sie beachteten sich gegenseitig nicht. Die Scheuklappen, die Läufer anzulegen schienen, wenn sie sich auf ihren Körper und die Strecke konzentrierten, schien etwas zu sein, das sich rein intuitiv einstellte, sobald man mit dem Laufen begann.

Etwa in der Hälfte der Strecke, als er das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen, passierte er etwas, das man unter Läufern ›die Wand‹ nannte. Einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab und man entweder aufgab und aufhörte zu laufen oder diese Wand durchbrach und bisher unangetastete Reserven des Körpers aktivierte. Mykola lief weiter, ließ die zerstörten Überreste der Wand hinter sich und bewegte sich vorwärts, unaufhaltsam, Schritt für Schritt, einem unbekannten Ziel entgegen. Ihr gemeinsames Gebet wiederholte sich in seinem Kopf … »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz.«, rotierte in seinen Gedanken … »Mit einem willigen Geist rüste mich aus.« … wurde zu einem Mantra … »Deinen Namen will ich preisen,« … und ließ ihn durchhalten … »denn Deine Güte währet ewiglich.«

Nach einer gefühlten Ewigkeit bog er ab (in der er sich vorkam, als würde Lsyanné ihm in jedem Moment über die Schulter sehen), lief eine langgezogene Kurve hinab und machte sich auf den Heimweg. Bergab ging es leichter. Schatten zogen vorüber, wenn er andere Läufer überholte oder von ihnen überholt wurde. Er bemerkte es kaum. Hin und wieder schwebten rotglühende Markierungslichter an ihm vorbei, von denen er nicht wusste, welchen Zweck sie erfüllen sollten, doch es war ihm auch egal. Die Reize der Außenwelt wurden mit jedem zurückgelegten Meter auf eine diffuse Weise unwirklich und substanzlos. Sie hatten nichts mit ihm und seiner Routine zu tun und es war ein befreiendes Gefühl, die Welt und alles und jeden in ihr für die Dauer des Laufes ignorieren zu können. Als er die Einfahrt seines Hauses erreichte blieb er stehen und blickte sich um. Er fühlte sich, als sei er aus einem Traum erwacht oder nach einer langen Reise wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lysanné stand in der Küche und machte sich am Herd zu schaffen, als er die Haustür hinter sich schloss, die Schuhe an der Garderobe im Flur abstreifte und sich an den Küchentisch setzte. Er schnaufte wie ein Rennpferd, das fiel sogar ihm selbst auf, doch dieser Vergleich schien ihm nicht einmal besonders weit hergeholt sein.

»Mission erfüllt«, wollte er sagen, doch seine Stimme versagte. Er salutierte stattdessen auf eine ungelenke Weise, die seiner Erschöpfung Rechnung trug. Lysanné drehte sich zu ihm, holte eine Glaskaraffe mit selbst gemachter Zitronenlimonade aus dem sargförmigen Kühlschrank, stellte sie auf den Tisch und reichte ihm ein Glas. Er schenkte sich zitternd ein. Gierig leerte er das Glas in wenigen Zügen und schenkte sich nach.

»Und? Wie geht es dir? War es so schlimm?«

Er wusste nicht so recht, ob er den Kopf schütteln oder nicken sollte, als zuckte er einfach mit den Schultern. Aus irgendeinem Grund schien er seine Stimme verloren zu haben, als ob er einen Kloß im Hals hätte.

»Schön«, sagte Lysanné, als habe er eine Annahme bestätigt. »Dafür gibt es ein paar Proteine und Ballaststoffe.« Sie stellte einen Teller Spaghetti mit Hackfleischsoße vor ihn, füllte ihren Teller, stellte ihn ebenfalls auf den Tisch und setzte sich.

Im Radio sang irgendjemand davon, dass das Leben ein Highway sei und er ihn die ganze Nacht entlanglaufen würde, bis ans Ende seiner Tage. Und darüber hinaus.

Die Glocke des nahegelegenen Kirchturms schlug vier Mal, um die volle Stunde zu verkünden, und weitere zwölf Mal, um die Stunde zu benennen.

Die dampfenden Spaghetti ließen Mykola das Wasser im Mund zusammenlaufen, doch er wartete darauf, dass Lysanné die Hände faltete, sich bekreuzigte und ihr Gebet anstimmte.

»Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz. Mit einem willigen Geist rüste mich aus. Deinen Namen will ich preisen, denn Deine Güte währet ewiglich.«

Er wollte ›Amen‹ sagen, doch es kam nur ein Krächzen heraus. Er schnappte sich seine Gabel, holte tief Luft und stopfte sich gierig die Nudeln in den Mund. Auf irgendeiner unbewussten Ebene kam er sich vor wie eine Maschine, die ihren Treibstofftank nachfüllte, damit der Motor wieder lief. Und auch dieser Vergleich war nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

»Wie war es … unterwegs?«, fragte Lysanné. »Hast du jemanden getroffen, den wir kennen?«

Mykola schüttelte kauend den Kopf, schluckte und schmatzte auf. Er wischte sich mit der Papierserviette neben dem Teller Soße von der Lippe und blickte sie an. »Nein. Niemanden erkannt. Tunnelblick, oder so.«

»Wo bist du langgelaufen?«

Wieder konnte er nur den Kopf schütteln, als wäre er sich nicht sicher, was er antworten sollte. »Ich weiß nich. Einfach die Straße lang. Und wieder zurück. Wie gesagt …«

»Tunnelblick.«

»Du sagst es.« Er drehte sich eine weitere Portion Spaghetti auf die Gabel und schob sie in den Mund. Kauen erschien ihm einfacher zu sein, als zu sprechen. Er hatte das Gefühl, dass sein Körper damit ausgelastet war, Lunge und Herz arbeiten zu lassen. Die wichtigsten Zahnräder der Maschine in seinem Inneren, die meist unbemerkt im Hintergrund liefen, bis sie an ihre Grenzen kamen. Oder ihren Dienst versagten.

»Ich glaube ich drehe nach dem Essen eine Runde mit dem Rad.«

»Oho«, sagte Lysanné anerkennend. »Auf den Geschmack gekommen?«

Er nickte einfach, während er die Reste der Bolognese von der Gabel schlürfte und sich Wasser nachschenkte. »Weiß nich. Ich glaube, ich hab einen Lauf«, sagte er mit einer Zuversicht, die ihn selbst ein wenig mit Stolz erfüllte. Er war dabei, seinen inneren Schweinehund zu überwinden. Und wenn er jetzt dranblieb, könnte es sein, dass er ihn endgültig niederrang und den gesunden, sportlichen Aspekt dieser ganzen Schinderei zu einer Regelmäßigkeit etablierte. Es könnte ihn in Zukunft davor bewahren, sich Sprüche über früher Vögel oder Würmer anhören zu müssen. Das schlechte Gewissen, das er dabei stets empfand, würde dann der Vergangenheit angehören. Und dafür lohnte es sich seiner Meinung nach, sich wieder auf die Suche nach der Wand zu begeben und der Kraft, sie erneut zu durchbrechen.

Nach einer schnellen, kalten Dusche, wo er den Schweiß und die verbliebenen Erinnerungen an seinen Lauf und die damit verbundene Anstrengung zuvor herunterwusch wie Schmutz, zog er seine Laufschuhe wieder an und holte das Fahrrad aus der Garage. Es hatte seinem Vater gehört. Seit er vor einiger Zeit gestorben war (Mykola war sich gar nicht sicher, wie lange es schon her war. Aus irgendeinem Grund verweigerte sein Verstand die Auskunft über eine konkrete Erinnerung.), war niemand mehr damit gefahren, bis Lysanné die glorreiche Idee hatte, er könne es anstelle eines Ergometers nutzen, um sich fit zu halten.

Er entfernte die Abdeckung des Fahrrads, wischte die Spinnweben vom Lenker, schob das Rad ein Stück und betätigte die Bremse. Es stoppte augenblicklich, ohne ein Geräusch von sich zu geben.

Er spürte, wie sich seine Atmung erneut auf den Rhythmus seiner Bewegungen einstellte. Geräuschlos glitt er mit dem Rad an den Häusern und Grundstücken des Vororts vorbei. Sie sahen alle gleich aus für ihn. Klobige mit Holz und Putz verkleidete Würfel, die sich lediglich in Details unterschieden. Er sah andere Fahrer vor und hinter sich. Immer wieder kam eine Gestalt aus einer Einfahrt gefahren und reihte sich ein, als führen sie ein Rennen. Sie beachteten sich gegenseitig nicht. Die Scheuklappen, die Radfahrer bei einem Rennen anzulegen schienen, wenn sie sich auf die Strecke konzentrierten, schien etwas zu sein, das sich rein intuitiv einstellte, sobald man mit dem Fahren begann.

Etwa in der Hälfte der Strecke, als er das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen, passierte er etwas, das man unter Sportlern ›die Wand‹ nannte. Einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab und man entweder aufgab und aufhörte zu laufen oder diese Wand durchbrach und bisher unangetastete Reserven des Körpers aktivierte. Mykola fuhr mit brennenden Muskeln weiter, ließ die Überreste der Wand hinter sich und bewegte sich vorwärts, unaufhaltsam, Meter um Meter, einem vage erkennbaren Ziel entgegen. Lysannés Gebet wieder holte sich in seinem Kopf … »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz.«, rotierte in seinen Gedanken … »Mit einem willigen Geist rüste mich aus.« … wurde zu einem Mantra … »Deinen Namen will ich preisen,« … und ließ ihn durchhalten … »denn Deine Güte währet ewiglich.«

Nach einer gefühlten Ewigkeit bog er ab, fuhr eine langgezogene Kurve hinab und machte sich auf den Heimweg. Bergab ging es um einiges leichter. Schatten zogen vorüber, wenn er andere Radfahrer überholte oder von ihnen überholt wurde. Er registrierte es kaum. Hin und wieder schwebten rotglühende Markierungslichter an ihm vorbei, von denen er nicht wusste, welchen Zweck sie erfüllen sollten. Die Reize der Außenwelt wurden mit jedem zurückgelegten Meter auf eine verschwommene Weise surreal und unwichtig. Sie hatten nichts mit ihm und seiner Routine zu tun und es war ein befreiendes Gefühl, die Welt und alles und jeden in ihr für die Dauer der Fahrt ignorieren zu können. Als er die Einfahrt seines Hauses erreichte blieb er stehen und blickte sich um. Er fühlte sich, als sei er aus einem langen Traum erwacht und wieder nach Hause zurückgekehrt.

»Schon da?«

Mykola, der über dem Lenker in sich zusammengesunken war, hob den Kopf und versuchte Lysanné vorwurfsvoll anzublicken. Für ihn hatte sich die Strecke angefühlt, als hätte er den Planeten einmal umrundet und würde, einem Igel gleich, begrüßt werden mit den Worten, er habe sich nicht von der Stelle gerührt.

»Hab dich später erwartet.«

Zu einer Antwort unfähig schob er das Rad in die Garage und folgte ihr ins Haus. Lysanné begab sich in die Küche, während er sich im Bad den Trainingsanzug vom Leid schälte und ausgiebig duschte, bevor er ihr in seinen Hausanzug schlüpfte.

Schon im Flur roch es nach den ukrainischen Teigtaschen, die sie für sie zubereitet hatte.

»Wareniki?«

»Hatten wir lange nicht., Aber heute hast du es dir verdient.«

Er schnaubte auf. „Und sonst nicht?«

»Na komm«, sagte sie und ließ die Mundwinkel hängen. »Das war schon ein ordentliches Pensum für einen Tag, da kann ich dich ruhig ein bisschen verwöhnen.«

Er grinste. »Wie sehr … verwöhnen?«

Lysanné lachte auf. »Das … also das werden wir noch sehen. Setz dich erstmal.«

Er nahm Platz, ohne das Grinsen vermeiden zu können, das sich in seine Wangen geschnitzt zu haben schien (seine Mutter hätte es als ›anzüglich‹ bezeichnet, aber sein Vater hatte einen anderen Ausdruck dafür: ›Erwartungsvoll‹.) und blickte sie müde aber zufrieden an.

Die Glocke des nahegelegenen Kirchturms schlug vier Mal, um die volle Stunde zu verkünden, und weitere sechs Mal, um die Stunde zu benennen.

Sie senkte den Kopf über ihrem dampfenden Teller, faltete die Hände und schloss die Augen. Er tat es ihr nach in einer Geste des Urvertrauens, die ihn in all den Jahren dazu veranlasst hatte, ihr stets zu folgen. Ihre Stimme war klar und deutlich, die Artikulation der Laute auf eine übermenschliche Weise konkret und fassbar.

»Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz. Mit einem willigen Geist rüste mich aus. Deinen Namen will ich preisen, denn Deine Güte währet ewiglich.«

Sie stocherte in ihrem Essen, pickte sich eine besonders große Teigtasche vom Teller und steckte ihn sich in den Mund. Dann hob sie den Kopf und blickte Mykola an, während ihre mahlenden Kiefer das Essen zerkauten. Sie schluckte. Sie lächelte ihn an.

»Wie war´s?«

Er winkte ab. »Kinderspiel. Laufen ist anstrengender.«

Er schob sich eine Wareniki in den Mund und schmatzte affektiert.

Sie grinste. Schweigend brachten sie ihr Essen hinter sich, während im Radio die ‚Talking Heads‘ ihren Hit ›Road to Nowhere‹ zum Besten gaben.

»We’re on a road to nowhere,
Come on inside,
Takin‘ that ride to nowhere,
We’ll take that ride.
«

Er öffnet die Augen. Der strohige Schlauch seiner Ernährungssonde wird von einem stählernen Greifarm entfernt. Sein Leib ist ist nackt, entblößt. Er steigt aus dem ihm zugewiesenen Tank, reiht sich ein in eine schier endlose Menschenschlange, die ein mechanisches Rad betritt. Er besteigt es. Und er läuft, immer weiter, Schritt für Schritt, einen Meter nach dem anderen. Er spürt, wie sich seine Atmung auf den Rhythmus seiner Bewegungen einstellt, wie ein Uhrwerk, das sich synchronisiert. Er verfällt in eine Regelmäßigkeit, die in ihm Erinnerungen an mechanisiert organisierte Bewegungen erwachen lassen. Schemen scheinen an ihm vorbei zu schwimmen. Sie sehen alle gleich aus für ihn. Klobige mit Holz und Putz verkleidete Konstrukte, die alle auf ähnliche Art und Weise gefertigt sind. Die Rückkopplung eines Lautsprechers zerreißt die Stille.

»Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.«

Leblose, ausgezehrte Leiber liegen auf dem schmutzigen Boden. Er stapft stolpernd über ihre splitternden Überreste hinweg, bevor sie von unnachgiebigen, mechanischen Klauen gepackt und in die lodernden Öffnungen von auf Futter wartenden Öffnungen geworfen werden, die ihn an die Schlünde bodenloser Höllenschlünde erinnern.

»Ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.«

Ein akustisches Signal ertönt. Es wiederholt sich vier Mal und erinnert ihn an eine Kirchturmglocke, die die volle Stunde verkündet.

Mit einem durchdringenden Geräusch synchronisiert sich die Maschinerie einer unter der Oberfläche operierenden Apparatur. 

Er ist das Herz der Maschine. Der Antrieb der Konstruktion. Die Seele des Unbeseelten.

»Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit biegt er ab, läuft eine langgezogene Kurve hinab und machte sich auf den Heimweg. Bergab geht es leichter. Schatten ziehen vorüber, wenn er andere Läufer überholt oder von ihnen überholt wird. Er bemerkt es kaum. Hin und wieder schweben rotglühende Markierungslichter an ihm vorbei, von denen er nicht weiß, welchen Zweck sie erfüllen sollen, doch es ist ihm auch egal. Die Reize der Außenwelt werden mit jedem zurückgelegten Meter auf eine diffuse Weise unwirklich und substanzlos. Sie haben nichts mit ihm und seiner Routine zu tun und es ist ein befreiendes Gefühl, die Welt und alles und jeden in ihr für die Dauer des Laufes ignorieren zu können. Als er die Einfahrt seines Hauses erreicht, bleibt er stehen und blickt sich um. Er fühlt sich, als sei er aus einem Traum erwacht oder nach einer langen Reise wieder nach Hause zurückgekehrt.

Mykola erwachte, als die Sonne aufging. Ihre Strahlen setzten des orangefarbenen Vorhang in Brand, der leicht in der morgendlichen Brise wehte. Er hörte Geräusche aus dem Nebenzimmer. Wie an jedem Morgen war Lsyanné bereits wach und machte Frühstück.




Alexander Klymchuk

Jahrgang 1979, lebt mit Familie in der Nähe von Bad Nauheim.

Vater, Ehemann, Erzieher, Tischler, Musiker, Autor, Literaturpreisträger.

Email: alexander.klymchuk@gmx.de

Instagram: https://www.instagram.com/alexander_klymchuk_autor/

Veröffentlichungen:

„Auf der Hut“ in „Angst – Kein Weg zurück“
(ISBN: 3-937536-47-7)

„Bestzeit“ in „Tastengeflüster“
(ISBN: 3-89906-752-5)

„Mind-Maps“ in „Terror – Umarmung des Bösen“
(ISBN: 3-935982-17-8)

„Vampyrotheutis Infernalis“ in „Fantasy Geschichtensammelband 2005“
(ISBN: 3-939610-02-X)

„Der kriechende Schatten“ in „Vampire sind überall“
(ISBN: 978-3-942229-33-3)

„Zwielicht“ in „Gut & Böse“
(ISBN: 978-3-942229-22-7)

„Spezialeffekte“ in „Werwölfe und andere Gestaltwandler“
(ISBN: 978-3-942229-37-1)

„Vergeltung“ in „UN(D)-PATHO-LOGISCHES“
(ISBN: 978-3-941026-42-1)

„Trauerweide“ und „Das Zimmer unter dem Dach“ in „Die Geister sind los“
(ISBN: 978-3-86268-743-5)

„Erkerfenster“
(ISBN: 978-3-96103-853-4)

„Bay Windows“
(ISBN: 978-3-985270-95-8)

„Klangwende“ in „Umbrüche“
(ISBN: 978-3-944758-30-5)

„Gegenübertragung“ in „Erstkontakt“
(ISBN: 978-3-966890-31-1)

„Schicksalsgemeinschaft“ in „7. Bubenreuther Literaturwettbewerb“
(ISBN-13: 978-3347427518)

Gewinner des Literaturpreises der Stadt Taucha 2020 / 2021 für „Der gute Johann“
„Teufelswerk“ in „Schräg: Das lange Tal der Kurzgeschichten“
(ISBN-13: 978-3-7025-1055-8)

„Entfremdung“ in „Dark Empire“
(ISBN-13: 978-3-86473-854-8)

„Himmelskörper“ in „Science-Fiction Anthologie 2021“
(ISBN-13: 978-3-75571-588-7)

„Teufelswerk“ in „Daedalos 13 – Der Story-Reader für Phantastik“
(ISBN-13: 978-3-95765-281-2)

„Kettenreaktion“ in „Es ist der Geist, der führt“
(ISBN-13: 978-3-944758-37-4)

3. Platz beim Literaturwettbewerb Bruck / Leitha 2022 für „Kettenreaktion“
„Tempus fugit“ in „Geheimnisvolle Gebäude“
Ausgezeichnet mit dem „Silbernen Stephan 2023“
(ISBN-13: 978-3-98528-016-2)

„Die Rückkehr der Glühwürmchen“ in „Mensch und Natur“
(ISBN-13: 978-3-944758-38-1)

„Das Zeitalter der Entropie“ in „8. Bubenreuther Literaturwettbewerb“
(ISBN-13: 978-3347762374)

„Der Gesang der Ratten“ in „Sherlock Holmes auf Abwegen“
(ISSN: 2192-5984)

„Momentaufnahme“ in „Autonomy – Über Selbstbestimmung und Familie“
(ISBN-13: ‎ 979-8828382859)

„Fortuna“ in „Ein verflixter Valentinstag“
(ISBN-13: ‎ 978-3-96000-268-0)

„Fleischwerdung“ in „Daedalos 14 – Der Story-Reader für Phantastik“
(ISBN-13: 978-3-95765-337-6)

„Blutacker“ in „13 Urbane Legenden“
Ausgezeichnet mit dem „Vincent Preis“ 1. Platz Beste Anthologie
(ISBN-13: ‎ 978-3-98528-18-6)

„Der Exorzismus der Maria Copperfield“ in „En Passant – Die Reisen des Sherlock Holmes“
(ISBN-13: ‎ 978-3-943531-98-5)

„Menschliche Überreste“ in „Mensch 3.0“
Ausgezeichnet mit dem „Goldenen Stephan 2023“
(ISBN-13: ‎ 978-3-9820886-3-1)

„Daphnes Traum“ in „Betthupferl“
(ISBN-13: ‎ 978-3-96000-264-2)

„Zeugenaussage“ in „Hund Hund Hund“
(ISBN-13: ‎ 978-3-96753-172-5)

„Feuilleton“ in „Und über allem schwebt Magie“
(ISBN-13: ‎ 978-3-9825477-0-1)

„Oscuridad“ in „Mystische Orte unter der Erde“
(ISBN-13: ‎ 978-3985280261)

„Der gute Johann“ in „Moderne Märchen: Geschichten aus unserer Zeit“
(ASIN ‏ : ‎ B0CHBLNMMP)

„Erinnerungen an die Zukunft“ in „9. Bubenreuther Literaturwettbewerb“
(ISBN-13: 978-3-75830-706-5)

„Martyrium“ in „Valys – Stadt der 1000 Geschichten“
(ISBN-13: ‎ 978-3-96741-242-0)

„Schattenseiten“
(ISBN-13: ‎ 978-3-98527-712-4)

„Materialschlacht“ in „Daedalos 15 – Der Story-Reader für Phantastik“
(ISBN-13: 978-3-95765-390-1)

„Wechselwirkung“ in „Wie ich das Ende der Welt (üb)erlebte“
(ISBN-13: ‎ 978-96000-321-2)

„Trauerweide“ und „Das Haus der Spinnen“ in „Wo die wilden Geister wohnen Band 7“
(ISBN-13: 978-3-99051-229-6)

„Nachtschattengewächse“ in „10. Bubenreuther Literaturwettbewerb“
(ISBN-13: 978-3-76930-779-5)






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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