Hinter dem Sichtbaren

Daria Wendland für #kkl47 „Symbolik“




Hinter dem Sichtbaren

Meine Nachbarin Britta war eine zauberhafte langhaarige Frau, die als alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn Elias lebte.

Ihre große Wohnung hat angenehm nach Räucherstäbchen gerochen und überall am Boden lagen goldene Klangschalen sowie bunt und gold bemalte Steine. Jeder Stein symbolisierte einen Planeten oder Stern, die aus der Astrologie bekannt sind. An den Decken hingen glänzende Kristallzapfen und auf den alten Kommoden lag sehr viel Silberschmuck mit Bernstein und Glasperlen als Symbol für Schönheit und Reichtum. Besonders am Abend im Kerzenlicht glänzte das Ambiente wie aus Tausend und einer Nacht.

Die freundliche Britta war aber nicht sehr gastfreundlich und betrachtete ihre Wohnung als eine Art Tempel, welchen – wie sie sagte – nur Menschen mit gereinigter Energie betreten durften.

Ich habe es als Teenager – damals mit 14 Jahren – nicht verstanden was sie mit der gereinigten Energie meinte. Denn die Energie war für mich nicht greifbar und ich konnte es mir nicht vorstellen wie man etwas unsichtbares reinigen konnte.

Wenn wir uns im Haushof zufällig getroffen haben, haben sich unsere Kurzgespräche oft in die Länge gezogen. Sie erzählte mir von ihren Reisen nach Indien und wie sie fast täglich im Ganges neben den bunt gekleideten Menschen und heiligen Kühen gebadet hat. Erst als sie an Hepatitis erkrankte, musste sie nach Deutschland zurück, um ihren Körper und ihre Lebensenergie zu heilen.

Doch schon nach 6 Monaten plante Britta wieder eine Indienreise und fragte, ob ich während ihrer Abwesenheit, ihre zwei Tempel-Katzen versorgen könnte. Gerne habe ich ihr zugesagt und habe mich sogar sehr geehrt gefühlt.

Als Britta dann im November nach Delhi geflogen ist und Elias zu seinem Vater gezogen ist, war der „Tempel“ nur mir überlassen. Über den Winter war ich die Hüterin der zwei Tempel-Katzen Shiva und Santi. Eigentlich waren es zwei ganz gewöhnliche getigerte Hauskatzen, welche Britta aus einem Tierheim geholt hat. Doch in ihrer geschmückten Wohnung wirkten sie so besonders und majestätisch, so als ob sie nicht aus dieser Welt wären. Shiva und Santi lagen stets auf ihren türkis glänzenden indischen Kissen und beobachteten mich akribisch mit ihren grünen Augen. Erst nach mehreren Tagen wurden die Katzen so zutraulich, dass sie täglich auf meinem Schoß saßen und laut schnurrten, zumal sie mit dem auf Silbertablett serviertem Futter, sehr zufrieden waren.

Für mich war es wie in einer anderen Welt, ziemlich geheimnisvoll und anregend. Besonders Brittas bunte indische Pailletten-Saris haben mich sehr fasziniert, so dass ich mich öfters in sie gekleidet habe und mir viel Schmuck umgehängt habe. Als ich mich so verkleidet im Spiegel betrachtet habe, fühlte ich, dass mich die langen Saris in ein anderes Mädchen und vielleicht ein bisschen in eine Prinzessin verwandelt haben. Dann legte ich noch die indische Musik auf und tanzte auf dem weichen Perserteppich. Ich verstand allmählich was Britta mit der Energie meinte, da ich mich zunehmend sehr bereichert gefühlt habe.

Kurz vor Weihnachten habe ich eine Postkarte von Britta aus Indien mit zwei bunt geschmückten Elefanten bekommen. Sie schrieb mir, dass der Elefant in Indien ein Glückssymbol ist und für langes gesundes Leben steht. Britta schrieb auch, dass es ihr gut geht, dass sie noch einen Monat in Indien bleibt und mir schöne Geschenke mitbringt.

Es blieb mir also ein ganzer Monat Zeit, um mich mit den Katzen zu beschäftigen und in diese magische Welt einzutauchen.

In dieser Zeit habe ich angefangen mein Tagebuch zu schreiben, um all diese schönen Eindrücke aufzubewahren.

Auch habe ich die Katzen gezeichnet und eine Keramik mit der schlafenden Shiva gefertigt, welche bis heute auf meinem Fensterbrett liegt.

Die Katze ist ein Symbol für Freiheit und Glück, aber auch für Pech, ins besonders die schwarze Katze.

Doch Glück, Freiheit oder Pech sind nur relative Zustände. Denn in der selben Situation kann es für einen Menschen Pech geben und für den anderen Glück, wenn einer das Geld verliert und der andere es findet. Auch ist es Glück für einen Vogel, der aus dem Käfig entflohen ist, während der Käfighalter traurig ist und den Vogel vermisst. Für einen Mensch kann es sogar gleichzeitig Pech und Glück geben, wenn er sich auf ein Flugzeug verspätet hat, welches dann abgestürzt ist.

Als Britta im Frühjahr aus Indien zurückkam, war die Freude auf allen Seiten sehr groß. Vor allem die Geschenke aus Indien haben mir große Freude gemacht. Ich habe einen schönen grünen Sari und ein silbernes Armband mit echten schimmernden Mondsteinen bekommen, welches Weiblichkeit und Intuition symbolisieren.




Daria Wendland, geboren 1985 in München, lebt und arbeitet als Bildende Künstlerin in München.

Nach dem Abitur 2006 hat sie an der Kunstakademie München Keramik und Bildhauerei studiert und im Jahr 2012 mit Diplom abgeschlossen. Seitdem arbeitet sie als freie Bildende Künstlerin und schreibt Kunsttexte und Aphorismen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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