Ann-Kathrin Räuchle für #kkl47 „Symbolik“
Die Blumen
Die Blumen starben an einem Freitag. Es war ein seltsamer Tag, um zu sterben. Die Sonne schien durch die Fenster, streichelte die Köpfe der Rosen, Gerbera und Scharfgarbe. Vielleicht war es ein Abschied. Am Morgen lächelten sie noch, wenn man durch die Tür schaute oder während meine Mutter wartete, bis der Kaffee durchgelaufen war. Am Mittag, als ich von der Schule kam, achtete ich nicht auf sie, mein Kopf selbst voll von der Sonne, dem Mädchen, dem Gerede von Lehrkräften und den Menschen, die ebenfalls durch die Flure wanderten oder strömten oder tollten. Erst am Nachmittag, als ich das erste Mal wieder vom Schreibtisch aufstand, fiel mein Blick wieder durch den schmalen Spalt der Küchentür. Fast wollte ich weitergehen, doch ich blieb stehen. Die Blätter der Rosen lagen auf dem alten Holztisch, teilweise auf dem Boden, die Gerbera hatten die Häupter gesenkt, die Blätter nicht mehr leuchtend gelb und rot, sondern bräunlich. Die Scharfgarbe, eigentlich so leicht und elegant, beugte sich tief über den Rand der Vase, die meiner Großmutter gehört hatte. Einen Moment betrachtete ich das Bouquet, dann ging ich einfach weiter. Warum sollte ich mich auch darum kümmern? So viele andere Dinge spielten in meinem Kopf eine Rolle, Dinge, die mir bedeutender erschienen.
Ich dachte an das Mädchen, das ich an der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Ihre Haare hatten sommerlich gewirkt. Vielleicht weil sie blond waren. Sie hatte mich angelächelt und ich hatte es erwidert. Dann war sie kurz verdeckt gewesen vom anhaltenden Bus, bevor ich ihr Gesicht wieder an einer Scheibe sah. Noch einmal hatte sie herübergeblickt, hatte dabei ihre Haare nach hinten gestrichen. Meine Mutter hatte einmal gesagt, dass Frauen gerne Blumen geschenkt bekommen. Es war eine Information an meinen Bruder gewesen, sicherlich hatte sie damals noch nicht geahnt, dass es auch mich interessieren könnte. Ich hatte es ihr gesagt. Sie hatte nicht negativ – oder zumindest nicht schrecklich – reagiert. Ich weiß nicht, was ich mir erwartet hatte. Vielleicht eine Umarmung. Oder ein Lächeln. Doch sie hatte nur genickt und gemeint, sie habe sich auch mal eine Weile für Frauen interessiert als Teenager. Irgendwann sei das wieder vorbeigegangen. Am selben Abend hatte mein Vater die Blumen nach Hause gebracht. Dieses Mal hatte sie gelächelt, schmallippig, wie es ihre Art war. Sie hatte nicht nach einem Grund gefragt und mein Vater hatte keinen genannt. Ich konnte sie leise reden hören, nachdem ich nach oben gegangen war. Noch immer konnte ich sie vor mir sehen, wie sie mich zuvor mit schiefgelegtem Kopf angesehen hatte und beim zweiten Satz die Schultern gezuckt hatte, bevor sie ihr Magazin wieder hochgenommen hatte. Es war mir schwer gefallen, dieses Bild aus meinem Kopf zu verbannen. Gerne wollte ich, dass es keine Rolle spielte, was sie sagte. Als ich nicht zu Abendessen nach unten gekommen war, hatte mein Vater mir einen Teller Lasagne nach oben gebracht. Eines seiner besten Gerichte, das er selten kochte, weil es immer so lange dauerte und er nach der Arbeit oft erschöpft war. Vielleicht hatte es doch einen Grund für die Blumen gegeben. Er hatte mich angelächelt, den Teller abgestellt und mich auf die Stirn geküsst. Auch eine seltene Geste.
Später am Abend standen die toten Blumen noch immer in der Vase. Unter dem hellen Küchenlicht warfen sie seltsame Schatten auf den Holztisch. Ich schaute meinem Vater beim Kochen zu, schnitt Zwiebeln, während er mich nach meinem Tag fragte. Gerne wollte ich von dem Mädchen erzählen, doch vielleicht war es ja auch nur eine Spinnerei in meinem Kopf. Mein Vater stellte drei Teller auf den Tisch. Meine Mutter kam an diesem Abend nicht nach Hause. Und auch am nächsten nicht. Und auch am übernächsten nicht. Erst am dritten Tag deckte mein Vater den Tisch nur noch für uns beide und schaute auch nicht mehr auf sein Handy. Er fragte nicht nach meinem Tag. Ich starrte auf die Blumen. Das Wasser unten in der Vase hatte sich schon braun verfärbt und roch ein wenig. Ich schaute noch auf mein Handy für einige weitere Tage. An einem Freitag warf ich die Blumen fort.
Ann-Kathrin Räuchle, geboren 1993, studierte in Stuttgart und Canada Anglistik und Germanistik und arbeitet nun als Gymnasiallehrerin in Stuttgart, wo sie auch mit ihrem Partner in einer offenen Beziehung lebt.
Räuchle ist weltoffen und reist gerne mit dem Rucksack, besonders in Zentral- und Südamerika. Seit ihrer Jugend schreibt sie Geschichten, in denen teilweise auch die Erlebnisse ihrer Reisen, feministische und queere Themen verarbeitet. Im Jahr 2023 schrieb sie ihren ersten Roman geschrieben, der noch in der Veröffentlichungsphase ist.
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