Karo Sechs

Xaver Egert für #kkl47 „Symbolik“




Karo Sechs

Als ich die Tür öffne, sitzt sie schon an dem schweren Holztisch und mischt die Karten. Der Holzboden knackt, als ich eintrete und die Tür hinter mir vorsichtig ins Schloss gleiten lasse. Ich trete heran und ziehe einen Stuhl zu mir, setze mich. Sie hat bisher noch kein einziges Mal aufgeschaut. Mischt weiter die Karten. Es riecht nach Rauch und schwerem Holz.

Schließlich fängt sie an, die Karten zu verteilen, wirft sie hin. Mal eine bei sich, dann drei bei mir, dann fünf bei sich – vollkommen beliebig. Ich weiß jetzt schon, dass am Ende bei jedem gleich viele Karten liegen werden. So wie immer.

Sie räuspert sich. Ihre Art, mitzuteilen, dass das Spiel beginnt. Ich nehme meine Karten an mich und weiß nicht, ob ich ein gutes Blatt habe. Ich sehe zwar die Karten, doch ich kenne nicht die Regeln. Welche Karte ist gut? Welche schlecht? Trotzdem funktioniert das Spiel immer, irgendwie. Ich habe nie nach den Regeln gefragt. Vielleicht hat es auch nie welche gegeben.

Als ich lege, fällt eine meiner Karten zu Boden. Ich bücke mich, um sie aufzuheben – eine Karo Sechs. Ich halte sie in das Licht der schummrigen Lampe, die irgendwo über unseren Köpfen an der Decke baumelt, betrachte sie. Sie hat damit kein Problem, zündet sich eine Zigarette an. Sie hat Zeit.

Sie nimmt einen tiefen Zug, atmet aus. Kurz umarmt der Rauch meine Pik Sechs.

„Das Leben“, krächzt sie.

Das Leben ist ein Spiel. Hatte sie den Satz jemals vollendet? Ich weiß es nicht. Sie musste es nie.

Manchmal hatte man gute Karten auf der Hand, manchmal schlechte. Das war ganz selbstverständlich. Genauso selbstverständlich, wie dass man nie so Recht wusste, welches Kartenspiel man nun eigentlich spielte. Mal war eine hohe Karte gut, mal war sie schlecht. Mal war eine zwei nichts wert, mal war sie spielentscheidend.

Müsste ich mein Leben mit irgendetwas vergleichen, so wäre es wohl eine Spielkarte. Meist von anderen ins Spiel geworfen, mal von sich selbst, ist man in manchen Kartenspielen spielentscheidend und in den meisten Kartenspielen nutzlos. Welche Karte man ist, befindet sich im stetigen Wandel. Es ist aber letztendlich egal. Es ändert nur die Tendenzen.

Oft frage ich mich, wie es wäre, meine Karte zu zerreißen und einfach aus dem Spiel auszusteigen. Dann denke ich mir, dass ich dafür bisher zu wenige spannende Partien erlebt habe. Der Hunger auf das was kommen könnte – das hält das Kartenspiel am Leben. Erwartung. Es steht mir frei, aufzustehen, doch ich bleibe lieber noch sitzen, vielleicht gerade deswegen.

Eine Spielkarte ist zum Symbol meines Lebens geworden. Wie ist es dazu überhaupt gekommen?

Der Stuhl knackt, als ich mich umdrehe und über die Lehne zurückblicke. Ich sehe mich selbst als Grundschüler, in der Vorbereitung zur Erstkommunion. Ich knie eingehüllt in einer warmen Jacke auf dem Kniestuhl in der kalten Kirche. Diese fanatische Energie, die vielen Menschen Hoffnung gegeben und mindestens genauso viele Menschen ins Unglück gestürzt hatte, dieser Glaube – er war von mir damals nicht in freudiger Erwartung auf Geschenke geheuchelt worden. Er war echt gewesen. Damals war mein Symbol das Kreuz gewesen. Was hatte ich darin gesucht?

Geborgenheit, Zugehörigkeit – möglicherweise auch die Hoffnung, das Nächstenliebe mehr war als ein theoretisches Konzept.

Doch die muffige Theorie des Kreuzes ging an meiner Realität mit jedem Jahr ein kleines Stückchen mehr vorbei. Schließlich zog ich einen Schlussstrich. Mein Geburtstagsgeschenk zu meinem neunzehnten Geburtstag an mich selbst war der Kirchenaustritt.

Rückblickend betrachtet befand ich mich in der Zeit davor in einem Käfig. Ich hatte mir damals nicht einmal die Mühe gemacht, die Karten zu betrachten, die ich auf meiner Hand hatte. Vielleicht wären sie ganz gut gewesen, wer weiß? Doch aus Angst vor der Ungewissheit hielt ich die Augen verschlossen, blieb passiv und wandelte blind auf einem Pfad entlang, den andere mir gesteckt hatten.

Heute also kein Kreuz mehr. Stattdessen eine Spielkarte.

Menschen klammern sich immer an ein Symbol, um ihr Dasein in einen Kontext zu stellen. Und sei es nur ein Stück wertlose Pappe. Es mag durchaus schönere Symbole geben. Erhabendere Symbole mit einer Historie und einer breiten Anhängerschaft. Doch dieses Symbol ist das meine. Das Leben ist ein Spiel.

Sie räuspert sich und ich drehe mich auf meinem Stuhl zurück zu ihr. Von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sie legt. Ich lege. Ich weiß nicht, ob meine Karten gut sind. Ich kenne die Regeln nicht.

Ich lege einen Pik Buben und weiß nicht, was er mir bringt. Ich genieße die Ungewissheit. Ich hasse die Ungewissheit. Es ist die altbekannte ewige Dochotomie. Das Leben ist ein Spiel.




Xaver Egert, geboren 2004, studiert Psychologie in München. Er ist interessiert an Psychologie, Literatur, Politik und Umweltschutz. Er ist Mitautor des Klimanewsletters der Gemeinde Unterhaching bei München und hofft, bald ein erstes Buch zu veröffentlichen.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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