DER VORHANG FÄLLT

Sonja Henkel für #kkl47 „Symbolik“




DER VORHANG FÄLLT

Fünfzehn Jahre – fünfzehn lange und doch so kurze Jahre, eine halbe Ewigkeit oder nur ein Augenblick. Wer kann diese Frage beantworten?

Er wußte es nicht. Er saß in einer grenzenlosen Verwirrung und versuchte krampfhaft die Gedanken des rasenden Karussells in dessen Mitte er stand zu einer für ihn faßbaren Ordnung zu formieren. Doch der Karussellbetreiber ließ das im Augenblick nicht zu, sondern verstärkte die Drehbewegung immer mehr, sodass nur mehr diffuse Schatten ähnlich Herbstblättern in einem tobenden Sturm, in provokant neckischem Tanz an ihm vorüberwischten.

Was war denn nur geschehen? Warum nur, zum Teufel warum, ließ sie ihn allein?  Allein nach fünfzehn Jahren gemeinschaftlichen Strebens, fünfzehn Jahren Kampf, Leidenschaft, Verliebtheit, Verrücktheit, Hoffnung und Enttäuschung, fünfzehn Jahre flammende Zukunft, die in einem Augenblick zu vergangener Asche zusammenfiel. Vergeblich durchwühlt er den Aschenhaufen um vielleicht doch noch ein glimmendes Holzstück zu finden. Indes, alles was er fand, war bis zur Unkenntlichkeit verkohlt und verrußte seine Hände ebenso wie seine Gedanken verrußt waren.

Und so bange er auch jedem in den Schlund der Nacht versinkenden Tag nachblickte, er konnte den neuen heiteren mit seinem Lachen – den trüben mit seinen Tränen nicht aufhalten. Jedes Weiterschreiten der Zeit drohte ihn in eine bodenlose Leere zu entführen.

Wann war er wohl aus diesem Spiel ausgestiegen? Wenn er ihn nur finden könnte, den Moment, wo dieser Zug an ihm vorübergefahren war, dann, ja dann könnte man vielleicht doch noch alles umdrehen und ungeschehen machen. Und so wühlte er weiter und weiter, ähnlich einem Terrier, der die Spur eines toten Hasen wütend verfolgt. Doch alles was durch seine Finger rieselte war Asche, lautlos wie ein silbergrauer und unaufhaltsamer Regen.

Und während er mit blinden Augen den Aschenregen verfolgte, kam die dunkle Gestalt der Melancholie lautlos auf ihn zugeschwebt und nahm an seiner rechten Seite Platz. Sie ergriff seine Hand, legte seinen rechten Arm um sich und schmiegte sich eng an ihn. Ihre anthrazitfarbigen umwölkten Augen tauchten in die seinen, die dunkelrot glimmenden Hände faßten in sein Inneres und überzogen es mit einer matt schimmernden schwarzen Lackschicht. Dann neigte sie sich in einem lähmenden Kuß über sein willenloses Gesicht, zwang seinen Blick nach innen und in die Vergangenheit und löschte jeden Gedanken an morgen aus, indem sie ihren Schattenvorhang zwischen ihm und seiner Zukunft schleichend doch unaufhaltsam zuzog.

Auch sollte sie nicht sein einziger Gast bleiben, denn wässrig, form- und farblos, glitt das Selbstmitleid an seine andere Seite, umschmeichelte ihn fordernd und drängend und träufelte auf die schwarze Lackschicht des Geistes noch den trügerischen Balsam der sich nicht entladenden falschen Trauer. Hilflos pendelte sein Kopf zwischen den beiden hin und her, bis sie ihn in stillem Einverständnis festhielten und seinen Blick auf den dritten Gast lenkten.

Als faunisch grinsender leichtfüßiger Narziss tänzelte die Selbsttäuschung mit einem gleißenden Spiegel auf ihn zu. Dieser Spiegel zeigte ihm eine Figur, von der sie ihn glauben machten, daß er wünschte, sie zu sein. Es war die Figur eines dressierten Affen in menschlicher Gestalt, unverletzbar, rücksichtslos und selbstgefällig, aber leicht zu durchschauen, unnatürlich, bar jeder Realität, synthetisch, absolut lächerlich und von seinem wahren Selbst so weit entfernt wie Mars von Jupiter.

Seine drei Gäste rangen ihm seine Zustimmung ab und zwangen ihn in den Spiegel bis er glaubte, was sie ihm zeigten und als zweidimensionales Bild ohne Tiefe an unsichtbaren Fäden gezogen wie ein Hampelmann darin herumhüpfte.

Ein sehr gefährlicher Zustand, wäre er nicht als Wesen so groß. Er kannte die Wahrheit und er kannte sich selbst, so konsequent er dies auch vor sich selbst und vor anderen zu verleugnen suchte. Er war sehr wohl fähig, seine drei Gäste mit einem Fingerschnippen in die eisigen Weiten des Universums zu verbannen und wieder er selbst zu sein.

Dann wußte er, was geschehen war, was er getan hatte und warum er gescheitert war. Er wußte um seine Schwächen und er kannte seine Stärken. Dann war alles wieder da, die Tiefe seiner Gedanken- und Gefühlswelt, die Leidenschaft zu leben und zu lieben, der unbezwingbare Wille zu erschaffen, etwas zu schaffen, daß die Zeit überdauert und ihn unsterblich macht – der Wille, der jedem Künstler zu eigen ist. Und wie Phönix aus der Asche entstand er wieder, der Glaube an das Morgen und die Lust am Dasein.

Und auch der Schmerz kam zurück, der Schmerz des Verlassenwerdens, doch nun war dieser Schmerz echt und nicht verfälscht. Er wußte um die Ursachen und sah seine Rolle darin klar und deutlich, sah sein eigenes Verhalten das eine Trennung indirekt erzwungen hatte. Er sah einfach die Wahrheit und die Wahrheit macht alles erträglich.

Noch einmal durchlebte er den Moment, als er durch die Fenster seines Geistes der sich immer mehr entfernenden Gestalt nachschaute und seine Augenlider wie Vorhänge herabfielen, so wie der Vorhang auf der Bühne fällt, und ihn allein in der stickigen Dunkelheit dahinter, getrennt von Licht und Leben zurückließ. Mit brutaler Heftigkeit brandete der Schmerz hoch und durchglühte die alte Wunde, doch indem er diesmal echt und nicht verfälscht war, wurde ihm die Möglichkeit eingeräumt sich zu entladen und abzuebben und der schmale Lichtstreifen des Trostes begann sich am Ende des Tunnels zu zeigen.

Der Vorhang fällt auf der Bühne zwischen dem Künstler und seinem Publikum und der Vorhang fällt zwischen dem Menschen und seinem Leben.

Und der große Geist erkennt, daß er allein die Kordel in den Händen hält, die den Vorhang heben oder fallen lassen kann.





Sonja Henkel, geboren 08.10.1956 in Wien, seit 2015 wohnhaft in Niederösterreich.

Seit über 20 Jahren journalistisch tätig, Verfasserin verschiedener themenbezogener Artikel in den Bereichen Kunst, Naturwissenschaften, Biologie, Tierschutz und Rechtswesen.

2012 erweitert auf Kurzgeschichten, literarische Texte, Romane, 1 Kinderbuch verfasst, weitere sind in Arbeit.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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