Martin A. Völker für #kkl47 „Symbolik“
Zeichenzauber
Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Müsste er es, könnte das in Berlin und andernorts schwierig werden, weil wirklich gutes Brot eine Seltenheit geworden ist. Mit Wasser und Wein sieht es sehr viel besser aus, darüber ist keine Klage zu führen. Allerdings lebt der Mensch auch nicht von Wasser und Wein allein, zumindest sollte er es nicht. Wir leben von den Zeichen, die wir uns geben, leiden an den Zeichen, die wir unterlassen, uns zu geben, die wir aussenden ohne Kenntnis ihrer Beschaffenheit. Vielleicht erinnerst du dich an Friedrich Schillers Wallenstein, der gegenüber Terzky bekennt, dass er von sich „nichts Schriftliches“ gebe. Terzky antwortet mit der Frage, woran man aber den Ernst Wallensteins erkennen könne, wenn „auf das Wort die Tat“ nicht folge? Eine ganze Welt, eine mithin ganz unbekannte Welt liegt zwischen dem Gesprochenen und einer Handlung. Schiller öffnet uns die Tür einen Spaltbreit und lässt uns kurz hineinsehen in diesen Riesenraum, der ausgefüllt wird durch das, was weder geistig-luftiges Wort noch erdenschweres Tun als Konsequenz ist. Zeichen und Symbole füllen den Raum aus. Symbole zeigen eine Sache an, ohne diese oder eine andere Sache selbst zu sein. Ihr Einsatz bezeugt die menschliche Fähigkeit, sich von der Realität zu unterscheiden, ohne sich völlig loszulösen. Das ist die Attraktivität der wohltemperierten Distanz. Symbole bebildern und versinnlichen, Sinn und Sinnhaftigkeit schenken sie uns. Symbole weisen hin und deuten an, sie verdeutlichen, und lassen dennoch mehr als eine Deutung zu. Das ist viel in einer Zeit, die rote Linien zieht, die Fronten eröffnet, Schuldige benennt, die uns klare Bekenntnisse und Schulterschlüsse abverlangt. In verkleideter Form enthalten Symbole die Wirklichkeit sowie unzählbare Möglichkeiten, diese Wirklichkeit neu zu sehen und sie auf dieses Neue hin zu verändern. Einzig in der kunstvollen Verkleidung ist die gewordene Wirklichkeit zu ertragen. Entkleide sie daher nie ganz, nur so bleibt dir die Erotik der Welt erhalten. Die Symbole bilden die Melodie, welche über allen Wassern schwebt. Versuche es einmal selbst: Hinterlasse deinem geliebten Menschen am Kühlschrank einen Einkaufszettel mit Symbolen. Mit dem Zettelschreiben und Zettellesen bricht die Magie in dein Leben ein. Die Unterscheidung von Dingbenennung und Empfindungshorizont, von Kleinkariertheit und Weite darf gelernt werden. Der Wunsch und das Begehren enteilen dem Ding. Was wird am Ende des Tages gekauft sein? Was wird sich auf den Tellern befinden? Welten zeigen sich, wo vorher lediglich die eine alte Welt war. Bist du mutig genug, diese Welten zu betreten, dich in ihnen umzusehen, dich häuslich einzurichten? Das Symbol ist ein Sein für anderes, ein Unding gewissermaßen, das schönste Unding, das wir kennen. Nicht zu verwechseln mit dem Untier, das nämlich ist der Mensch, der noch nicht Symbol ist, um mehr zu sein, als es seine Herkunft verspricht. Legst du den Menschen auf seine Herkunft fest, nimmst du ihm jede geistige und soziale Variabilität, jede Gestaltungschance, jeden Spielraum. Ohne Spielraum, ohne das Spiel mit den Symbolen, hört der Mensch in einem höheren Sinn auf, Mensch zu sein. Dann steht er mit beiden Beinen in der Barbarei. Versperre dich einer Politik, die das von dir verlangt. Versperre dich danächst jeder Symbolpolitik. Das ist eine Politik im Zustand eines doppelten Missbrauchs: Sie gaukelt ein Tätigwerden für Menschen bloß vor, und ihre Symbole verzaubern und erweitern keinen Menschen, sondern halten ihn in seiner Sozialblase mit ihren antisozialen Bestrebungen und künstlichen Bedürfnissen fest. Symbolisiere sich, wer wahrhaft Mensch werden will.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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