Anna Ludwig für #kkl47 „Symbolik“
Das Herz
Eine Schachtel Pralinen in knallrote Herzform symbolisiert einen innigen Gruß zum Valentinstag. Ein Mann oder eine Frau verschenken es in der Hoffnung, dass der Empfänger errät, was der Schenker empfindet.
Tatsächlich handelt es sich um den puren Zucker, dessen ungezügelter Verzehr das echte Herz in der Brust schneller schlagen lässt. Aber die Kalorien und den Bluthochdruck nimmt man gerne in Kauf.
Hand aufs Herz, jeder von uns hat schon mal im Leben solche sündige Box verschenkt oder in Empfang genommen. Hat Ihr Gegenüber es wertgeschätzt oder Sie selbst?
Warum sagt man das nicht einfach, dass man jemanden gernhat oder sogar liebt?
Achtung, ab jetzt beginnt der unlogische Teil und übertragener Sinn, der anscheinend mehr Gewicht hat, als eine direkte Anrede.
Die nette Gäste soll ausdrücken, dass die Sympathie entweder geheim oder unerwartet ist. Anscheinend empfindet der Schenker sehr viel Unsicherheit und hat die Sorge, dass die herzförmige Kalorienbombe entweder ungenügend gepriesen oder völlig überschätzt wird. Anders kann ich mir das nun wirklich nicht erklären.
Warum muss die Schokolade ausschließlich in Form eines Herzens sein? Ich zum Beispiel liebe Tiere und wäre mit einer ordentlichen Schokolade in 3D-Form einer Katze wesentlich dankbarer als eines Herzens. Buchstäblich kann ich mir vorstellen, wie ich genüsslich zuerst die kleinen mit der weißen Schokolade filigran verzierten Öhrchen abschlecke und mich voller Zufriedenheit fühle. Fast so, wie ich das kuschelige, weiche Fell einer echten Katze langsam streichele und ein dankbares, summendes Schnurren zurückbekomme.
Im Alltag haben wir es oft mit den Herzen zu tun. Achten Sie die nächsten 10 Tage darauf und es wird Ihnen auffallen, dass wir von Herzsymbolen umgeben sind! Ich habe mich auf das Herz-Beobachtungs-Experiment die letzten zwei Wochen eingelassen und wurde beinahe von der Abbildung des „emotionalen Organs“ überschüttet.
Es fing damit an, dass ich von meinen Familienmitgliedern und einigen Freunden immer wieder die Herz-Emojis in den Nachrichten bekam: „Guten Morgen mein Schatz <3“, „Wünsche Dir ein schönes Wochenende <3“, „Viel Spaß bei deiner Lesung <3“, usw. Ich denke, damit möchten die Absender, mir nah stehenden Menschen, ausdrücken, dass ich eine gewisse Bedeutung für sie habe, einen bestimmten Platz in ihrem Leben einnehme und sie zeigen mir damit ihre Zuneigung.
Vergangenen Samstag, als ich bei meiner Freundin zum Frühstück eingeladen war, sah ich, wie meine Freundin für ihren Ehemann ein Wurstbrot zum Mitnehmen auf die Baustelle machte. Auf dem weißen Butterbrotpapier malte sie mit ihrem blauen Kugelschreiber ein Herz. Ihr Ausdruck der Liebe wunderte mich. Zum einen ist das Brot nicht süß, sondern salzig und zum anderen liebt ihr Mann über alles jegliche Fahrzeugarten. Warum malt sie ihm nicht einen Traktor oder einen Kipplader stattdessen? Vermutlich erfordert das Malen eines Fahrzeugs wesentlich ausgeklügelte, künstlerische Fähigkeiten als das Kritzeln eines Herzens…
Wobei auch das Zeichnen muss gelernt sein. Als ich vergangenen Sonntag mit dem Zug an einem kleinen Ort vorbeifuhr, fiel mir ein Graffiti auf. Wen wundert es, mitten im Bild ein riesiges Herz in der blutroten Farbe! Diese bildliche Darstellung des Herzens war völlig deformiert, beinahe dreieckig. Das „kulinarische“ Herzchen meiner Freundin dagegen war völlig symmetrisch. Gibt es einen Unterschied zwischen der geraden, geschwungenen, am Ende offen, geschlossen, überkreuzt, einfachen oder doppelten Abbildung des Herzens?
Zum einen könnte es an der Hornhautverkrümmung liegen, so dass manche Menschen einfach keine gerade Linie ziehen können. Zum anderen musste ich meine Freundin, die Psychologiestudentin anrufen, um zu erfahren, was die unterschiedlichen Malstile auf sich haben.
Meine Freundin, die halb ausgebildete Psychologin erklärte mir, dass hinter jedem Malstil nicht nur die gelernte Handfertigkeit, sondern vielmehr die individuellen Charaktereigenschaften und kraftvolle Gefühlsbotschaften liegen. Ein symmetrisches Herz deutet auf einen Perfektionisten hin. Wenn Sie zuerst die Hilfslinien malen, dann nachkorrigieren und erst zum Schluss ausmalen, dann wissen Sie Bescheid. Dagegen das Herz mit zwei ungleich großen Herzhälften und geschwungenen Linien deuten auf einen hochsensiblen Menschen, in dem die Gefühle das Rationale überwiegen. Das leere Herz könnte mit der Unentschlossenheit oder mit einer simplen Ungeduld zusammenliegen. Zum offenen versus geschlossenes Ende kamen wir leider nicht, weil meine Freundin für die anstehende Prüfung lernen musste und wir aufhörten zu telefonieren.
Es hat nicht allzu lange gedauert, bis auch diese offene Frage geklärt war. Letzten Dienstag sagte meine Yoga-Lehrerin vor dem Beginn der wöchentlichen Stunde: „Heute machen wir die Übungen für ihre Herz-Chakra, um ihr Herz zu öffnen“. Nach dieser Ansage war ich die erste Viertelstunde gedanklich damit beschäftigt mir genau vorzustellen, wie genau denn mein Herz „geöffnet werden soll.“ Zwar etwas irritierend, aber wer daran glaubt, dem gelingt es auch. Nach der Stunde fragte ich die Lehrerin, wie man nun ein „offenes“ Herz malen würde. Sie wunderte sich zwar über meine Frage, dennoch lächelte sie zurück und antwortete: „Ganz einfach, mit einem offenen Ende!“
Gestern Abend holte mich die „Herzangelegenheit“ wieder ein. Wie jedes Jahr nehme ich an der Weihnachtsaktion im Schuhkarton teil. Zunächst renne ich chaotisch im „Random Walk“ der Liste nach im Supermarkt und kaufe von Mini-Nutella bis Zahnbürste und von Haarschmuck bis Shampoo alles ein. Dann packe ich das liebevoll in ein möglichst breiten Schuhkarton von meinen Winterstiefel ein und male fleißig nach Vorlage mit einem dicken Eddinger das große rote Herz auf den Deckel des Schuhkartons, bevor es auf die große Reise in den Osten geht. Warum darf ich nicht einen Weihnachtsstern oder einen Tannenbaum drauf malen?
Langsam begreife ich es…Das Herz ist das Symbol für unsere guten Gefühle: Liebe, Hoffnung, Geborgenheit und Freude. Das scheint einen festen Platz in unserem Leben eingenommen zu haben und jedes Mitglied unserer Gesellschaft führt diese wunderbare Tradition mit jedem weiteren Herz fort: sei es auf einem Butterbrotpapier oder einem Schuhkarton.

Anna Ludwig ist Wirtschaftswissenschaftlerin, die ihre 40-jährige Lebenserlebnisse mit der Welt teilen möchte. Anstelle von Spielzeug hatte sie Unmengen an Büchern in Kinderzimmer. Internationale Arbeitseinsätze bescherten ihr neue Denkweise.
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