Harald Birgfeld für #kkl47 „Symbolik“
100 Jahre Buße, Brief an eine Redaktion
In unsrem „Kircheblättle“ las ich die Einleitung oder das Vorwort mit der Überschrift „Grüß Gott“. Ich wäre nicht daran hängen geblieben, wenn mir eine derartige Überschrift nicht besonders naiv vorgekommen wäre, also ich fühlte mich sofort in eine hinterwäldlerische Zeit versetzt und persönlich verunglimpft, eigentlich betroffen. Der Autor brüstete sich noch in einigen Passagen mit vergangenen Zeiten. Die waren mir nicht nur nicht mehr gegenwärtig und in Erinnerung, sondern in keiner Weise erhellend oder gar prägend geblieben und gewesen. Er schrieb: „…tatsächlich zurückblicken und staunen über das Gelungene und Geschaffene, über das Schöne und Erfüllte.“ Der Autor musste meiner Meinung nach im Keller gelebt haben, wenn alles, was mich derzeit aufwühlte, so spurlos an ihm vorbei gegangen war. Sein Text ging dann hurtig weiter:
„…denn jetzt blicken wir öfter über den Tellerrand der Seelsorgeeinheit, ja unserer unmittelbaren Heimat hinaus und versuchen für Sie ein Magazin in Form einer Wundertüte zu machen: überraschend, ausgefallen, abweichend, anders.“ So viel Langweiligkeit und Überheblichkeit können mich sehr verärgern, und eine gewisse Zeit möchte ich alle unguten Gefühle unterdrücken. Es kommt dann aber immer wieder in mir hoch, und ich denke, dass der Autor zu mindesten eine Antwort verdient, die ihn zwar freundlich, aber bestimmt in die Wirklichkeit zurückzuholen versucht. Ich warte also zwei Tage und hoffe, dass sich meine Wut oder mein Ärger gelegt hat. Doch ich kenne mich nur zu gut. Ich kann warten und warten, aber es baut sich ein immer größerer Druck auf. Dann habe ich einen Einfall, der mich zu milden Worten befähigt. Mit der Bitte, meine E-Mail an die Redaktion weiter zu reichen schreibe ich also:
Sehr geehrte Redaktion,
danke für Ihren nachbarschaftlichen Gruß durch das Verteilenlassen des „Kircheblättle“. Neugierig habe ich Ihren Beitrag „Grüß Gott“ gelesen. Dazu muss ich gratulieren. Es ist für mich bemerkenswert, dass Sie es mit vielleicht schönen Worten fertigbringen, Ihr Blättle als überraschend, ausgefallen, abweichend, anders darzustellen. Alles, was geschrieben wurde, würde meiner Meinung nach dem Anspruch gerecht werden, wenn die Überschrift wäre: „Die Gabe mit Zungen zu reden, und nicht die Gabe der prophetischen Rede.“ Ein kleiner Text von mir soll wie ein Gleichnis sein:
Opi, glaubst Du an #Gott?
Die siebenjährige Enkelin war mit ihrer vierjährigen Schwester aus der Großstadt in dem 7000-Seelenstädtchen bei ihren Großeltern zu Besuch. Der Großvater und die Enkelinnen, gingen gemeinsam spazieren. Die jüngere der beiden klebte mit der Nase an einem mit Kinderschuhen gefüllten Schaufenster und fand helle Begeisterung an Figuren und der kindlichen Deko. Der Großvater und die ältere Enkelin kamen nun an ein Wegkreuz. So etwas kannte sie nicht. Sie fragte:
„Opi, was ist das“.
Der Großvater: „Das ist eine Stelle, an der man beim Spazierengehen anhalten und Luft holen und an Gott denken kann“.
Sie, nach einem Augenblick des Nachdenkens: „Opi, glaubst du an Gott“?
Bei Kindern ist man eigentlich auf eine Frage vorbereitet, die mit „Warum“ beginnt. Dann hat der oder die Gefragte noch einen winzigen Augenblick Zeit zur Besinnung. So aber antwortete der Großvater spontan: „Ja“. Jetzt kam ihre eigentliche Frage, die lautete natürlich: „Warum“? Nun war der Großvater aber nicht verlegen, sondern sogar ganz froh und antwortete spontan: „Weil ich so nie alleine bin“.
Tatsächlich wurde meine E-Mail an die Redaktion weiter gereicht und mir das auch bestätigt. Es ließ mich aber unzufrieden zurück, und ich erkannte, dass nicht die Redaktion mein Problem war, sondern dass die Umstände, in denen ich und viele andere Menschen leben, das Problem zu sein scheinen, und komme schnell zu der neuen Erkenntnis, dass auch die Umstände nicht das Problem sind, sondern, dass mein Verhalten unter den herrschenden Umständen für mich zu einer unlösbaren Aufgabe geworden ist.
Inhaltlich war das Kircheblättle bemüht, einen Abriss von Selbstdarstellungen „guter“, „braver“ Bürgerinnen und Bürger und vor allen Dingen der wohlmeinenden Institutionen des Gemeindewesens sowie deren allgemeine Anerkennung und Akzeptanz wiederzugeben. Das war für mich aber ohne wesentliches Interesse. Mir fiel in dieser Not ein Zeitungsartikel in die Hände. Der Mann und die Frau, die sich darin äußern, haben einen Weg gefunden, den ich beschreiten möchte. Er kann sicher kein Rezept sein, aber vielleicht die Richtung vorgeben.
100 Jahre Buße
In jener Nachricht las ich den Bericht des Mannes und der Frau. Sie riefen laut zu 100 Jahren Buße auf. Sie schworen reine Wahrheit, und in ihrer Not beriefen beide sich auf Gott.
Sie schrieben: „Alle kirchlichen Gemeinden, ihre höchsten Obrigkeiten und die Allerniedrigsten und die davor, davor und die davor, verstießen und verstoßen endlos gegen die Gebote Gottes, ohne Wissen oder ganz absichtlich, immer schweigend als ein Schattenchor.
Nun soll es 100 Jahre Buße geben mit den Bitten um Vergebung und Versöhnung. Alle reden nur mit eigenen Worten, um sich zu erbauen, keine, keiner spricht bekennend und baut die Gemeinde auf.
Männer wie die Frauen sollen gleich sein vor dem Herrn, denn sie verstießen gleichermaßen, und als Zeichen ihrer Buße sollen beide 100 Jahre jeden Prunk und jeden Reichtum von sich weisen, sich in Demut hüten vor Begünstigung und Willkür.
Nur die Liebe sollen sie behalten, denn der Mensch ist ohne Liebe nichts. Er wäre nur ein tönendes Erz, ohne Herz, und eine klingende Schelle an einer Schwelle“. Von meiner Redaktion wünsche ich mir nicht unbedingt eine Antwort, aber eine aus meinem Herzen.

Harald Birgfeld, geb. 1938 in Rostock, lebt seit 2001 in BW, 79423 Heitersheim. Von Hause aus Dipl.-Ingenieur, befasst er sich seit 1980 mit Lyrik, Prosa und Malerei.
Veröffentlichungen
„Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. e.V.“ Leipzig, ISBN: 3-937264.
Weitere Veröffentlichungen auch in Druck und Herstellung bei BoD, Norderstedt.
Es erschienen mehr als 27 Gedichtbände, 2 Epen, mehrere Sachbücher.
Harald Birgfeld ist in über 40 Anthologien vertreten, z.B.
Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München,
„Ausgewählte Gedichte“:
2008, 2009, 2010, 2012, 2013, 2014, 2015, 2017, 2019, 2021.
Lorbeer Verlag, Bielefeld, 2017, 2019, 2020, 2021.
experimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Bingen, 2020.
Quintus-Verlag, Berlin, Ulrich Grasnick Lyrikpreis, 2022.
#kkl, Magazin und Initiative für Kunst, Kultur und Literatur 2022, 2023 (2x) und 2024 (2x).
Geest-Verlag, “Poets of the New World”, 2024.
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