Christian Wagner für #kkl48 für #kkl48 „VernunfT“
Später
Ich möchte eine Kurzgeschichte schreiben, setze mich zum Laptop und überlege. Leere. Tick-Tock, Tick-Tock. Schreiben möchte ich über das, was allgemeinhin als Sinnhaftigkeit und Vernunft verstanden wird.
Soeben erhalte ich eine E-Mail. Einer meiner Kunden bietet mir an, dass ich dreihundertfünfzig Worte vom Italienischen ins Deutsche übersetze. Oder, wie Karl Kraus das dereinst auf den Punkt brachte: Er übersetzte von einer Sprache in eine andere, die er auch nicht kann. Ja, ich bin im Brotberuf auch Übersetzer. Ein seltsames Wort, Brotberuf, und ich sollte mal Google bezüglich der Etymologie befragen, noch besser ChatGPT. Der weiß angeblich alles. Sei’s drum, ich sollte mich nicht verzetteln, sondern mit der Arbeit loslegen.
Gut, dreihundertfünfzig Worte sind an und für sich nicht viel, wenn es nicht gerade ein Marketing-Text ist. Knackig soll er sein, der Text, Südtiroler Bio-Apfelsorten werden angepriesen. Der Text soll den Leser/die Leserin zum Kauf verführen. Immerhin, grün und gesund. Ganz im Gegensatz zu einem englischen Kunden, von dem ich ausschließlich Werbetexte für Gaming-Seiten bekomme. Blink-blink und Spin, Mega-Win.
Ich bin offensichtlich nicht so ganz bei der Sache, aber nachdem ich den Auftrag aus Italien bestätigt habe – Deadline: Wenn möglich gestern – versuche ich mich zu einer gewissen Sinnhaftigkeit, besser gesagt Ernsthaftigkeit, aufzuraffen.
Witzig! Als ich mich im Sessel aufrichte, alle geöffneten Browser-Seiten schließe, ein höchst konzentriertes Gesicht zur Schau stelle, kommt schon wieder eine elektronische Nachricht. Ich bin in einem Forum Mitglied, in dem es um Witze geht. Manche sind gut. Zum Thema „Schwarzer Humor“. Eigentlich wollte ich nicht genauer nachsehen, tue es aber dann doch. Boah. Der ist arg! Er beschäftigt sich mit der Frage, wo Gott in Auschwitz war. Das bringt mich länger zum Nachdenken. Genau genommen, denke ich sehr lange darüber nach.
Ich bin unschlüssig, ob ich diesen Witz – er ist unsagbar makaber – hier aufschreiben soll. Da fällt mir mein Vater ein. Auch schon lange her.
Seinen Satz habe ich noch im Ohr: „Du lernst fürs Leben, nicht für die Schule!“
Klar, diesen Satz haben viele von uns gehört. Kurzfassung: Sinnhaftigkeit ist im Leben gefragt. Dieser immergrüne Klassiker aus der Schulzeit setzt sich später unerbittlich fort, denn Obacht: Im Leben gibt es eiserne Regeln, nach denen gespielt wird. Zwei mal Zwei wird nie fünf sein. Merk Dir das endlich!
Weil alles einen Sinn haben muss, findet die Trauung oft deshalb statt, weil dadurch das vermeintlich kleinere Übel – das Größere war das eigene familiäre, straffe Korsett – gewählt wurde. Doch Jahre später entbietet das kleinere Übel seine Grüße in Form eines Ehebruchs. Blöd gelaufen. Die Scheidung, Eingeständnis, dass Sinnhaftigkeit nicht alles ist, folgt aber nicht, da eine solche vor allem zu einem finanziellen Blutbad führen würde. Daher lebt man fortan weiter vor sich hin.
Sinnhaftigkeit oder Vernunft ist angeblich eine Tugend, doch eher ein Laster des Alters und nicht der Jugend. Der Hausbau, den man, sofern man nicht nach der Geburt auf der Sonnenseite des Lebens in der Welt aufschlägt, auf Kreide finanziert, ergibt Sinn. Denn, ich sag’s Dir, wenn Du die Miete, ein lebenslanger, schauriger Frondienst an Dir selbst, hochrechnest – bist Du narrisch, da hättest Du auch noch ein Swimmingpool dazu bekommen. Du musst auch bedenken, dass Du was für später hast.
Leider hat Dir aber niemand gesagt, wann später beginnen wird. Dieses dubiose und inflationär gebrauchte „später“ erhält eine fadenscheinige Bedeutung, die alles andere abwürgt, türmt sich für viele als scheinbar unüberwindbare Hürde auf. „Du sollst es später besser haben“, „Später wird alles gut werden“, „Denk an später“, „Später wirst Du etwas dafür haben“. Dieses Wort erweist sich aber als ein vermaledeiter, spöttischer Haderlump, denn es schiebt die Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – hinter eine Nebelwand. Oftmals für immer, bis wir nicht mehr wissen, was vorher war.
Das eigene Haus ohne Kinder ist schlicht und ergreifend öd. Nachgeborene verdichten die Sinnhaftigkeit zu scheinbar Greifbarem, denn irgendwann, mein Freund, hält die Erkenntnis Einzug, dass Materielles nicht auf die große Reise mitzunehmen ist. Diese letzte Reise ist für die meisten fragwürdig und wird höchst willkommen auf später verschoben. So mancher denkt gar darüber nach, wie er dem Unvermeidlichen vielleicht doch entkommen kann. Aber glaub mir, auch Du wirst dieser Fahrt ins Ungewisse nicht entkommen.
Doch Schlupflöcher gibt es: Schreibst halt ein Buch, malst ein Bild, komponierst eine Symphonie, stellst den Weltrekord im Weitsprung ein, stürzt dich für Red Bull aus zweitausend Meter Höhe einen Berg runter – alles festgehalten für die Nachwelt, die das noch ansehen und hören kann, wenn Du nicht mehr da bist. Dumm nur, dass die jeweils dafür notwendigen Eigenschaften und Fertigkeiten nur wenigen gegeben sind. Da ist die eigene Hütte mit Pool schon wesentlich besser. Kann man selbst bauen oder bauen lassen.
Der springende Punkt: Du hinterlässt was, dafür kriegst regelmäßig Blumenspenden, steht Dein Bild auf einem Nachttischchen, hast eine gute Nachrede.
Deal!?
Apropos Brotberuf: Die Branche versprach eine strahlende Zukunft, so richtig Deines war es nicht, aber sei‘s drum, damit konnte der Kredit für den Hausbau bedient werden, und zwei bis drei Urlaube im Jahr, inklusive Après-Ski, gingen sich auch aus.
Eine solide Strategie ist eine Ablebensversicherung, denn warum sollten andere für Dich zahlen? Andererseits: So könntest Du auch in Erinnerung bleiben. Stichwort Schlupfloch.
Ich sag‘s Dir: Freunde sind sehr wichtig, und stimmige Freundschaften sind zu pflegen, denn Du kannst nie wissen, wozu sie noch gut sein können.
Ja, selbst Witze können sich der Sinnhaftigkeit nicht entziehen. Die Nachhaltigkeit eines Witzes wird nach den eruptiven Ausschlägen auf der nach oben offenen Lachskala bestimmt.
„Hast Du ein Bad genommen?“ „Wieso? Fehlt eines?“
Ein klarer Fall, dieser Witz ergibt Sinn. Wir lachen oder auch nicht, es hängt davon ab, in welcher Rolle wir uns sehen.
Nicht, dass Du glaubst, dass ich das Streben nach Sinnhaftigkeit für verwerflich halte, darum gehts nicht. Hie und da kann sie Vorteile haben, und versprochen, sobald mir die Vorzüge einfallen, bist Du der Erste, den ich daran teilhaben lasse. Allerdings, wenn nicht, könnte es sein, dass Du am Ende daliegst – Betonung auf Liegen, denn wir werden in einem Bett geboren und die meisten gehen auch in einem Bett – und feststellst: Betrogen von der eigenen Lebensgier, festhalten und klammern, das geht sich nicht aus, und die Kinder hatten andere Pläne, das Haus beginnt vor sich hin zu modern.
Hier kommt die gute Nachricht. Ja, gute Nachrichten gibt es, sie sind aber meist dünn gesät, und wenn eine solche wirklich bei Dir eintrifft, mach nicht den Fehler, sie in Ketten zu legen.
Ich lag unlängst im Bett, nicht allein, auch nicht zu Hause, sondern in Prag, und so nebenbei: Schöne, Goldene Stadt. Um nicht zu sagen: Es macht Sinn, dorthin zu fahren.
Als ich entspannt im Bett lag, fiel mir ein Reim aus Kindertagen ein – ich gebe ihn hier allerdings nicht wieder, denn a) habe ich ihn vergessen, b) dieser Reim, das weiß ich noch ganz genau, ist völlig bedeutungslos, absolut sinnbefreit, ein Vers, der sich jeder Bewertung entzieht, nur des Reimes oder des Klanges wegen.
Wie etwa „Ri-Ra-Rutsch, wir fahren mit der Kutsch“.
Er löste bei uns beiden, sie war damals meine Angetraute in spe, ein ebenso sinnloses Gelächter aus. Das Schöne daran war, dass nie die Frage auftauchte: Überprüfen wir den Reim auf den Reinheitsgrad, logische Abfolge, Versmaß, ob er mitteilungskompatibel ist – unwichtig.
Das Gelächter erreichte bisweilen besorgniserregende Ausmaße und verblüfft stellte ich wieder mal fest: Dies, die Freude ohne Hintergedanken, Ausgelassenheit, dem Leben zu und nicht abgewandt sein, einfach Lebensfreude – und anstatt des Wortes Freude kann man jedes Beliebige einsetzen – ist eine der schönsten Arten, sich dem Leben mitzuteilen. Merks Dir endlich:
Zwei mal Zwei kann manchmal doch fünf ausmachen.
Christian Wagner
„Ich schreibe, wurde auch schon in der Zeitschrift „etcetera“ veröffentlicht, und fotografiere, lebe mit Frau und Hund in Wien und Griechenland.“
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