Vernunftsdebakel

Jana Schultz für #kkl48 „Vernunft“




Vernunftsdebakel

“Durch Vernunft, nicht durch Gewalt soll man Menschen zur Wahrheit führen” – Denis Diderot

Ich lese den Satz wieder und wieder. In der Theorie hatte der gute Diderot ja recht, aber wie sieht die Praxis aus, die Realität? Offensichtlich ist es ja gar nicht so einfach, wenn man sich mal umschaut. Nehmen wir mich als Beispiel – und ich bitte Sie, nicht zu erschrecken, wenn ich von mir erzähle, denn es mag für das schwache Gemüt durchaus schwer zu verkraften sein. Ich bin ein Opfer Adolf Hitlers, wenn man es so sagen möchte, im Zweiten Weltkrieg als Soldat im Kampf gefallen. Seitdem wandere ich als Geist herum, um die Veränderungen der Menschheit im Auge zu behalten und eine schönere Welt zu sehen, als ich sie zu Lebzeiten gekannt habe. Drei Jahre nach meinem Tod und viele, viele Opfer später konnte die Welt aufatmen: endlich Frieden! Oder doch nicht?

  Mein Blick wandert aus dem Fenster des Klassenzimmers, in dem mein Enkel gerade seinen Deutschunterricht absolviert. Das Thema der Stunde steht groß mit einem schwarzen Stift an dem modernen Äquivalent zur alten Kreidetafel geschrieben: “Der Vernunftgedanke“. Draußen strahlt die Sonne, es ist ein warmer Frühlingstag, an dem die bunten Blumenblüten sich von ihrer besten Seite zeigen wollen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es sei alles in Ordnung, aber das idyllische Bild trügt. Jeder weiß, dass keine zweitausend Kilometer entfernt von uns täglich Bomben in der Ukraine einschlagen, die Folgen eines weiteren Mannes, der meint, ihm müsse die ganze Welt gehören. Nicht einmal hundert Jahre lang konnte diese verlorene Welt sich am Riemen reißen.

  Mit Vernunft hat das wohl nichts zu tun, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Und Wahrheit? Nun, dazu muss ich wohl nichts sagen. Wahr ist nur, was wir glauben wollen. Für die einen ist Gott wahr, für die anderen Zahlen und Statistiken und dann gibt es noch eine Gruppe von Menschen, die die Worte eines verrückten Diktators für wahr halten. Ich will nicht leugnen, dass auch ich damals auf die Lügen Hitlers hereingefallen bin, doch mittlerweile wurde ich eines Besseren belehrt. Wer Gewalt einsetzen muss, um eine alte Denkweise aufrechtzuerhalten, wird mit der Zeit untergehen oder für den Untergang der Welt sorgen.

  Was nützen uns all die Kriege, all die toten Menschen? Kriege fordern nur Opfer und zu welchem Zweck? Am Ende ist jede Seite ein Verlierer, ganz egal, ob jemand hinterher über mehr Land verfügt oder nicht. Kein Mensch sollte jemals das Recht haben, das Leben anderer aufs Spiel zu setzen, klingt das nicht vernünftig?

  Selbst als Geist spüre ich manchmal noch die Erschütterungen der Explosionen, als würden tausend Riesen auf einmal aufstampfen, und rieche das Schwarzpulver, das sich wie dunkle Schatten nicht nur ein Weg in unsere Lungen gesucht hat, sondern auch unsere Herzen bedeckte. Wir wurden zu eiskalten Mördern gemacht und dachten wirklich, wir würden unserem Land und unseren Familien damit etwas Gutes tun. Wie naiv wir doch waren.

  Vernunft führt uns also zur Wahrheit, aber zu wessen Wahrheit, zu unserer eigenen? Wie definieren wir Vernunft und wie kann sie alle Menschen in einem Punkt vereinen, wenn jeder nur seinen eigenen Blickwinkel erfassen will? Ich bin beinahe schon geneigt, zu behaupten, dass es gar keine Möglichkeit gibt, die ultimative Wahrheit zu finden, die Frieden und Gerechtigkeit garantiert. Es wird immer wieder Menschen geben, die mehr wollen und alles zu ihrem eigenen Vorteil. Sie setzen sich für ihre eigenen Überzeugungen ein, egal, ob sie anderen damit schaden. Sie schaden dem Klima, verschwenden streng begrenzte Ressourcen, sorgen für Gewalt und Kriege und was nicht sonst noch alles. Soll man diese Leute nun aber einsperren oder gar töten, nur, weil sie anderer Meinung sind, als wir selbst? Setzen wir uns damit nicht sogar eher auf eine Stufe mit denen, die wir so verabscheuen?

  Ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinaus möchte. Es wird keine Wahrheit geben ohne Vernunft, doch selbst mit Vernunft ist es nur schwer, eine einzige Wahrheit zu finden. Klingt das in Ihren Ohren logisch?

  Mein Blick wandert erneut durch das Klassenzimmer. Die Schüler sehen nicht begeistert aus und selbst die Lehrerin vor der Tafel macht nicht den Eindruck, als hätte sie wirklich Interesse an dem Thema. Mit einem für mein Umfeld stummen Kichern denke ich an meine eigene Schulzeit zurück. Wir durften damals noch geschlagen werden, wenn wir nicht gespurt haben, das ist mittlerweile zum Glück längst verboten worden, ein kleiner Gewinn der Vernunft, wenn man es so will. So ein Desinteresse zu zeigen, wie die jüngere Generation in diesem Raum, wäre damals undenkbar gewesen. Ein bisschen mehr Strenge würde dem einen oder anderen vielleicht trotzdem noch gut tun, aber ich bin nur ein alter Geist, was weiß ich schon?

  Aber mein Enkel und seine Mitschüler sind ja auch noch jung, in diesem Alter interessiert man sich für ganz andere Dinge. Trotzdem werde ich sie weiter im Auge behalten, denn ich bin mir sicher, dass eines Tages eine Generation kommen wird, die den Vernunftgedanken ganz neu interpretiert. Sie werden es sein, die die Welt zum Strahlen bringen und endgültig für Frieden sorgen, kein Zweifel. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis diese Generation sich erhebt, aber es wird passieren und sie werden alles erreichen können, was sie brauchen, um eine bessere Welt zu schaffen, ganz ohne Gewalt, sondern nur mit Vernunft. Vielleicht benötigen sie dafür auch gar keine Wahrheit, sondern einfach nur einen Kompromiss, einen gemeinsamen Nenner, der alle Wahrheiten zulässt und in einem Kern vereint.




Jana Schultz ist 22 Jahre alt und schreibt als freie Texterin und Ghostwriter vor allem Sach- und Kochbücher. Abgesehen davon widmet sie sich gerne der Belletristik und veröffentlichte im August 2024 ihre erste humoristische Erzählung „Sommer ist, wenn du beim Kacken schwitzt“ bei story.one, die seitdem im Buchhandel erhältlich ist. Einige ihrer Kurzgeschichten sind in verschiedenen Anthologien erschienen.

Die Autorin probiert sich gerne aus und experimentiert mit verschiedenen Genres, Themen und Schreibstilen.











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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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