Sonja Henkel für #kkl48 „Vernunft“
DER KOMET
Gregor schnaubt laut und verdrossen, Nässe dampft aus seinem Fell zu mir herauf und das Sattelleder knarzt unter seinen unwilligen Bewegungen. Er will nicht stillstehen, er will laufen und kämpft gegen den festen Zug der Trense, doch die Zügel in meinen Händen geben nicht nach. Vor uns dehnt sich der sanft geschwungene Küstenbogen wo ganz oben einsam der alte Leuchtturm steht. Die steilen Klippen triefen vor Nässe, unaufhaltsam strömt der Regen aus einem bleifarbenen Himmel über den, vom Sturm getrieben, schwarze Wolkenfetzen jagen. Wir stehen hoch oben auf den Kreidefelsen die steil zum Meer abfallen. Ich hebe mich in den Steigbügeln und blicke in das schwarze tosende Wasser das sich unter der Kraft des Sturmes laut an der Küste bricht. Hinter mir liegt eine schlaflose Nacht, durchwoben von quälenden Gedanken, überschattet von den Gewittern der Vergangenheit und bedroht von den Stürmen der Zukunft. Ein stählerner Ring aus Nebel zieht sich um meinen Kopf und ein tonnenschwerer Panzer umschließt meinen Körper. Nichts dringt mehr durch, keine Kälte, keine Nässe, die Rippen haben Mühe sich unter den Atemzügen zu dehnen und Luft in die Lungen zu pumpen. Grau und Schwarz liegt mein Leben vor mir ausgebreitet mit all seinen erinnerungsschweren Bildern. Tode und Verluste, Kämpfe, Siege und Niederlagen, Hoffnung und Enttäuschung, die vielen rasch wechselnden Partner, von denen ich zum Teil nicht einmal die Namen mehr weiß, die darauffolgende Flucht ballen sich zu einem schemenhaften Nichts zusammen, auf dem Weg ins Nirgendwo. Was hätte ich noch zu beklagen, was könnte ich noch versäumen außer Nichts? Gregors weiche Nüstern versuchen meine Stiefelspitze zu erreichen, er stampft unruhig mit den Vorderbeinen, er spürt, dass etwas mit mir anders ist, dass etwas überhaupt nicht stimmt und das beunruhigt ihn. Wir sind Freunde, die besten die es gibt und so versuche ich ihn mit beschwichtigendem Klopfen auf seinen Hals zu beruhigen, aber genauso wenig wie mich selbst, kann ich ihn täuschen und das unruhige Tänzeln geht weiter. Mit blinden Augen suche ich den Himmel nach einem Zeichen ab, doch der Nebel verstellt mir die Sicht und der Himmel bleibt grau und schwarz. Magnetisch wird mein Blick von dem tosenden schwarzen Wasser tief unter mir angezogen und mir ist es als griffen silberne Arme nach mir, die mich nach unten geleiten wollen.

Also weiß ich was ich zu tun habe, was noch zu tun bleibt. Sanft drücke ich dem Pferd meine Ferse in die Flanke und gebe, ihn nach rechts dirigierend, die Zügel frei. Wir gehen in einem weiten Bogen zurück, weg von der Klippe. Dann wenden wir und halten an. Ich versuche noch einmal tief zu atmen und alles Verbliebene in mich aufzunehmen, den salzigen Geruch der Luft, das Schnauben und Stampfen des Pferdes, die Geräusche des Leders die Wärme des Körpers unter mir. Dann drücke ich die Fersen fest in die Flanken und gebe die Zügel frei, scharf auf die Klippen zuhaltend. Aber Gregor reagiert nicht in der gewohnten Weise, seine Sprünge werden nicht länger, obwohl kein hemmender Zügel ihn zurückhält, bleiben sie zaghaft und unsicher. Unwillig schüttelt er den Kopf, die nasse Mähne peitscht mir ins Gesicht. „Lauf Junge, lauf und spring“, denke ich, „du musst weit und sicher springen direkt in die samtene Schwärze des Wassers hinein, sonst zerschmettert uns der Wind an den Felsen. So weit wie du kann ich nicht alleine springen, du musst mir dabei helfen, vertrau mir wie immer“. Als hätte er meine Gedanken gehört, brach er seitlich aus und stemmte die Vorderhand fest in den Boden. Fast wäre ich aus dem Sattel geschleudert worden, in letzter Minute konnte ich mich noch an der Mähne festhalten und blieb oben. Das Tier unter mir zitterte heftig, seine Flanken flogen, Schaum stand vor seinem Maul und troff den Zügel hinunter. Zum ersten Mal, seit wir uns kennen, hatte er mir Gehorsam verweigert, war sein Vertrauen, das uns bei Turnieren über die schwierigsten Hindernisse hatte fliegen lassen, erschüttert. Was aber, wenn der beste Freund sein Vertrauen in mich verliert? Damit verliert meinen Leben seinen letzten Sinn. Wie eine Keule traf mich diese Erkenntnis und neuer Schmerz durchzitterte mich bis ins Innerste. Ich schlang die Arme um seinen Hals und vergrub mein Gesicht in der dichten schwarzen Mähne. Was hatte ich hier nur tun wollen, wie hatte ich so egoistisch sein können? Dieses Pferd strotzte vor Gesundheit und Lebensfreude, es wollte leben, es wollte laufen und es hatte mir mit seinem Lebenswillen und seiner Verweigerung eine Entscheidung einfach aus der Hand genommen. Ich war zwar noch nicht dankbar dafür, aber ich nahm es hin. Plötzlich fiel mir ein, dass ich den Himmel kurz vorher nach einem Zeichen abgesucht hatte und nun war Gregors Verweigerung wie ein Komet am Himmel als Zeichen erschienen. Ich richtete mich auf, meine Augen suchten den alten Leuchtturm auf der Spitze der Klippen. In weitem Bogen lag sattgrün der Weg durch üppiges Weideland sanft ansteigend vor uns. Das Pferd spürte meine Veränderung, die kleinen Ohren richteten sich straff nach vorne, die Nüstern waren gebläht, der Körper unter mir spannte sich an. Ich hob mich in den Steigbügeln, lehnt mich weit nach vorne und mit einem „lauf Junge, lauf“ gab ich ihm den Kopf frei. Wie von einem Katapult abgeschossen startete er los, dem Leuchtturm entgegen, In gewohnter Weise streckte sich sein Körper unter mir wurden die Sprünge immer raumgreifender und schneller. Die gewaltigen Muskeln zwischen meinen Beinen arbeiteten in gewohnter Manier, die Hufe berührten den Boden kaum mehr. Ich lag mit meinem Oberkörper dicht über der flatternden Mähne, der stählerne Ring um meinen Kopf verlor seine Kraft, der Druck auf mir wurde leichter und leichter, bis er schließlich abfiel. Die mir angeborene innere Sonne erkämpfte sich ihren Weg nach außen zurück, brach aus meinen Augen und Poren und umschmeichelte die Anmut des Körpers so hingebungsvoll und stürmisch wie ein zärtlicher neuer Liebhaber. Der Nebel in meinem Kopf zerfloss in silberne Schleier, die Vernunft gewann wieder Überhand und ich erkannte, dass ich immer die Wahl in meinem Leben habe, immer die Freiheit der Entscheidung. Es liegt an mir und nur an mir ob es grau und schwarz oder silbern und goldfarben ist.
Offen war plötzlich der graue Himmel rosa und weiße Wolken zogen unter mir dahin und ich war Bastian, der auf dem Rücken des weißen Glücksdrachen Fujur am azurblauen Himmel über das Land Phantasien flog. Und dieser Flug brachte mir die Gewissheit, dass das Leben nichts anderes ist, als eine „unendliche Geschichte“ in der ich selbst der Autor bin.
Sonja Henkel, geboren 08.10.1956 in Wien, seit 2015 wohnhaft in Niederösterreich.
Seit über 20 Jahren journalistisch tätig, Verfasserin verschiedener themenbezogener Artikel in den Bereichen Kunst, Naturwissenschaften, Biologie, Tierschutz und Rechtswesen.
2012 erweitert auf Kurzgeschichten, literarische Texte, Romane, 1 Kinderbuch verfasst, weitere sind in Arbeit.
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