Jenny Julind für #kkl48 „Vernunft“
Die Offenbarung
1
Der Tag, an dem der Brief kam, markierte die Wende in seinem Leben. „Menschen dieser Erde!“ stand darin. „Wir haben uns entschlossen, Euch die Wahrheit zu sagen.“ Jeder Haushalt erhielt diesen Brief, jedoch nicht alle am selben Tag, denn es kam schon seit längerem zu Verzögerungen in der Post. So erfuhren manche als erste von der Wahrheit, andere später. Das Interessante war jedoch, dachte er, dass Diskussionen größtenteils ausblieben. Er vermutete, dass dies am Zeitpunkt der Offenbarung lag. Sie kam nach Jahren der Vorbereitung, der Drangsal und der stillen Entrechtung. Es hatte keinen Aufschrei gegeben, vielmehr hatten die Menschen allem zugestimmt. Sie vertrauten – sie hatten jene, die sie beherrschten, anerkannt und akzeptierten alles, was diese taten. Niemand dachte mehr nach, sondern empfing täglich die Nahrung, die ihm gegeben wurde. Sich selbst hatten die Menschen vergessen. Jegliche Macht und auch jegliche Verantwortung hatten sie von sich gewiesen. Wer sich nun gegen die Herrscher und für die Menschen aussprach, wurde verhöhnt und ausgestoßen.
„Wir kamen her, um Euch auszubeuten. Die Energie, die wir von Euch bekamen, haben wir gespeichert. Nun brauchen wir Euch nicht mehr. Wir fanden Wege, uns selbst zu erhalten und ohne Euch zu existieren. Wir haben daher mit Eurer Auslöschung begonnen.“
2
Als er tags darauf zur Arbeit ging, sprach niemand über diesen Brief. Man verhielt sich wie sonst. Am übernächsten Tag konnte er nicht länger an sich halten und fragte seinen Chef, ob er „diesen Brief“ erhalten habe. Der lachte ihn an und meinte, es sei doch bloß ein Werbegag, ein Trick. Er wisse nicht genau, welcher, gab er zu, aber ein Werbegag sei es offensichtlich. Die kommenden Wochen waren geprägt von einer seltsamen Atmosphäre. Nur seine Kollegin aus dem Marketing lachte einmal kurz auf, als sie beiläufig “dieses Schreiben“ erwähnte. Sie machte sich gerade Gedanken über eine neue Verkaufsstrategie, und dieser Gag hatte ihr besonders gut gefallen.
3
In den darauffolgenden Monaten geschah es, dass plötzlich der ein oder andere Nachbar aus dem Haus, oder ein Kollege aus der Firma, überraschend verstarb. Auch der junge Mann aus der Wohnung oben, der immer so freundlich gegrüßt hatte. Die Anteilnahme war aufrichtig. Im Haus erzählte man sich, er habe „ja solch ein Unglück“ gehabt. Für den Kollegen Folkmann wurde sogar eine Betriebstrauerfeier abgehalten. Viele der Anwesenden bedauerten, dass sein Tod zwar völlig unerwartet gekommen, er aber auch „nicht der Jüngste“ gewesen sei. Kurz darauf musste die Bäckerei an der Hauptstraße schließen, nachdem der Inhaber im Verkaufsraum überraschend einen Herzstillstand erlitten hatte.
4
Die Menschen sprachen von Schicksal und dass man ihm nun einmal nicht entkommen könne. Doch den Brief konnte er nie vergessen. Seit seinem Erhalt hatte er das Gefühl, sich in einem anderen Raum zu bewegen: Als hätten die Menschen jegliche Vernunft abgelegt und er schaute dem ganzen Geschehen zu. Warum hielt niemand inne? Tatsächlich gab es in der Öffentlichkeit keine Debatten. Überhaupt sprach man nur noch sehr wenig miteinander. Das Gelächter auf den Straßen war verstummt. Schließlich wurden in der Firma – eine der wenigen, die noch mehrere Jahre bestehen blieben – drei Abteilungen zusammengelegt. Es gab schlichtweg keine neuen Bewerber, die die Lücken hätten schließen können, und der neue Chef war in der zerrütteten Wirtschaft auf ein möglichst langes Überleben aus.
5
Er hatte den Eindruck, niemand erinnerte sich überhaupt noch an das Schreiben. Er sammelte ein wenig halbverdorbenes Gemüse auf, das Leute neben dem ehemaligen Rathausgebäude in einen Pappkarton gelegt hatten. Heute war er allein hier, doch nicht selten wurde er in Streitigkeiten verwickelt. Die mittlerweile wenigen Stadtbewohner teilten ungern, was für sie abfiel. Er würde nun in sein kaltes Zuhause zurückkehren und überlegte, auf der Terrasse ein Feuer zu machen. Ein paar mehr oder weniger trockene Zweige ließen sich unterwegs sicher finden. Die Streunerkatze, der er öfters zu essen gab, wartete sicher schon. Er machte sich auf den Heimweg. „Die Herrschenden“, hatte unter dem Brief gestanden.

Jenny Julind lebt in NRW und schreibt deutsche und englische Lyrik. Neben Veröffentlichungen (vox poetica, #kkl Kunst – Kultur – Literatur Magazin) entstanden bislang zwölf Privatdrucke mit Gedichten, Kurzgeschichten und anderen Texten in limitierter Kleinstauflage.
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