Michelle Fetka für #kkl49 „Ablenkung“
Der aufrechte Mensch
Ein kurzer Blick nach links oben zur Uhrzeit. 18:57. 18:58. Jedes Mal, wenn sich die Zahl am Ende der vollgepackten Statusleiste änderte, versuchte sie ihren Blick verkrampft wieder auf den Rest des Bildschirms zu lenken. Es ist eine Strategie, die sie sich vor allem in den letzten Jahren, wahrscheinlich aber schon ihr ganzes Leben zurechtgelegt und schließlich perfektioniert hatte. Wegschauen. Sich verbissen auf andere Dinge konzentrieren, die sie immer weiter weg bringen, an einen Ort, an dem sie nicht sein will, aber zumindest weit weg von dort, wo sie nicht sein kann. Es war ein Montagabend, an dem sie sich zum ersten Mal dieser Strategie bewusst wurde. Der Zeitpunkt war eigentlich viel zu banal für die Erkenntnis, die sie aus diesem Ereignis zog. An einem Montagabend hatte sie noch nie viel Zeit für tiefe Einsichten. An einem Montagabend war ihr Kopf normalerweise voll mit Plänen, Hoffnungen und Ängsten der nächsten und vergangenen Tage. Nicht, dass dieses Gefühl nur an Montagabende geheftet war. Es war ein ihr vertrautes Gefühl. Sie würde es fast als heimelig bezeichnen, weil sie diesen Begriff nie mit anderen Attributen hatte anreichern können.
An einem Montagabend hatte sie noch nie viel Zeit für tiefe Einsichten. Die Zeit, die sie hatte, füllte sie mit geistlosen Starren auf Bildschirme, bis ihre Augen brannten, sodass sie sie für eine Weile schließen musste. Sie hasste diese Momente, denn wenn sich eine Lücke zwischen den witzlosen Witzen und nutzlosen Tipps entwickelte, erwachte ihr Inneres. Ihr „Inneres“ – so bezeichnete sie es erst seit kurzem. Im Laufe der Jahre hatte sie viele Namen dafür gefunden: von lieblichen wie „Quälgeist“, über boshaften wie „Monster“, bis hin zu neutral-fachlichen wie „Über-Ich“, obwohl sie sich nicht sicher war, ob diese Zuschreibung wirklich korrekt war, und zu neutralen Bezeichnungen konnte sie auch nie wirklich einen Zugang finden. Viel zu nah, zu vereinnahmend und beängstigend war dieser Zustand, um ihn mit wissenschaftsgeschichtlichen Begriffen zu besetzen.
An einem Montagabend hatte sie noch nie viel Zeit für tiefe Einsichten. So auch nicht an diesem. Denn als sie ihre Augen zum vierten Mal kurz ausruhen wollte, erschlich sie ein kurzer Anflug von Schwere. Dies war der Augenblick, nach dem sie sich jeden Tag ab dem Zeitpunkt des Aufstehens gesehnt hatte. Endlich gab ihr Körper nach und gewährte ihr eine kurze Pause. Endlich konnte sie den aussichtslosen Kampf für eine Weile aufgeben und sich in die wohlwollenden Arme des Schlafes schmiegen. Ihre Einstellung gegenüber den Nachtstunden hatte sie über die Jahre nie verändert, selbst wenn sie mit ihren jungen Jahren bereits ein Repertoire an Albträumen angesammelt hatte, das seinesgleichen suchte. Aber die Verlockung war einfach zu groß. Einmal noch zu fliehen, sich einmal noch zu entziehen. Selbst wenn sie oft schweißgebadet aus den grauenhaften Vorstellungen ihres Traumkinos aufgewacht war, konnte sie sich doch stets in Sicherheit wissen, dass dies alles nicht real war, und es gelang ihr ihren Körper bald wieder auf Normalbetrieb zu regulieren. Was ihr tagsüber beim Eingang einer E-Mail oder einem Anruf nicht gelang, ging nachts nach dem vollkommenen Verlust ihres Skeletts und dem Dasein als bluttriefende, menschliche Hülle mühelos. Nicht einmal das beklemmende Gefühl in der Brust, das sich in der Früh, mit jedem Augenaufschlag mehr und mehr auf den ganzen Körper ausbreitete, hinderte sie daran das Risiko für ein paar Momente der Ruhe erneut einzugehen. So fand sie sich jeden Morgen in einem scheinbar unaufhörlichen Kreislauf des Erwachens und Verschließens wieder. Und mit jedem Wachzustand wuchs die Enge, die Geschwindigkeit der Gedanken und das Verlangen diesem unaushaltbaren Zustand wieder zu entfliehen. Selbst wenn ihr die Stimmen in ihrem Kopf Linderungsvorschläge entgegenbrüllten, war es einfacher die Augenlider erneut fest aneinanderzupressen.
Sie hatte schon öfter gehört, dass ein alleiniges Aufrichten viele der von ihr erfahrenen Beschwerden lindern könnte. Auch ihre Therapeutin hatte ihr nahegelegt wider jeden Widerstand aufzustehen, um nur ein einziges Mal zu erfahren, wie sich viele der Symptome mit einer aktiven Entscheidung zu einer vertikalen Körperhaltung legen. Doch sie blieb liegen. Verkrampft und zornig schlug sie alle sich ihr aufbietenden anderen Wege aus und schmiegte sich in die wohligen Arme ihres vertrauten Freundes. Immer, und immer wieder.
Es war ein Montagabend, an dem ihr Smartphone ein Video ausspuckte, das ihre Aufmerksamkeit länger als die gewohnten 2,5 Sekunden an sich binden konnte. Ihr Algorithmus hatte schon länger Wind von ihren mentalen Problemen bekommen und trug mit angepassten Inhalten Seiniges zum Erhalt derselben bei. Doch diesmal fand sie sich nicht in einer Endlosschleife an Symptombeschreibungen wieder, die sie an sich selbst täglich fünf weitere psychische Erkrankungen erkennen ließ. Diesmal redete eine Frau, etwa in ihrem Alter, vom aufrechten Menschen. Während sie im ersten Moment eine Ultrakurzzusammenfassung – weil ja heute alles ultrakurz zusammengefasst wird – der menschlichen Evolution erwartete, wurde schnell klar, dass hier etwas anderes beschrieben wurde. Der aufrechte Mensch sei, laut der sympathischen, für ihren Geschmack jedoch etwas zu extrovertierten – das war allerdings kaum ein Maßstab – jemand der mutigen Schrittes einfach nach vorne geht. Klingt banal, meinte auch die Moderatorin des geschickt geschnittenen und auf Dopamin-Freisetzung ausgelegten Videos, doch ein bedeutungsvolles Leben sei im Prinzip so einfach. Zuerst wird man sich klar, was man will, wie man leben will, dann probiert man es umzusetzen und wenn etwas nicht funktioniert, verschiebt man den Fokus darauf die Hindernisse zu akzeptieren und daraus etwas Neues zu kreieren. Versagen sei nicht das Problem, Stillstand und das Sich-Verkriechen sei es, was Menschen die Lebenslust und ihre Träume raubt. Und da war es. Das Wort, das ihre Laune mit einem Mal auf einen Tiefpunkt bringen konnte. Sie konnte viele Regungen ihres Inneren verbergen, sich verstellen, sich verschließen. Doch wenn ihre Gedanken zu dem Ort schweiften, wo ihre lang gehegten Träume begraben waren, übermannte sie ein Gefühl der tiefen Reue und Unruhe. Nicht, weil diese Träume so besonders und märchenhaft waren, sondern weil sie es eben genau nicht waren. Keine ihrer Lebensentwürfe wäre je unerreichbar gewesen. Keine ihrer Wünsche zu fantastisch, als dass sie nicht mit etwas Mühe in die Tat umgesetzt hätten werden können. Das Einzige, was zwischen ihr und ihren Sehnsüchten stand, war sie selbst und der ihr so vertraute Zustand des Verharrens, des Vermeidens. Sie flüchtete sich mit der Zeit immer öfter dorthin, weil sie diesen Ort als sicheren Hafen kennengelernt hatte. Ein Hafen, der sich aber mit der Zeit als heimtückische Falle herausstellte. Denn während sie damit beschäftigt war gegen die Stürme in ihrem Kopf anzukommen, wurden draußen Kämpfe ausgefochten, in denen sie schrecklich fehlte. Sie wusste, verletzt werden konnte sie an beiden Orten, doch wenn sie ihr Dasein als Mensch mit offenem Herzen hinterfragte, kam sie zum Entschluss, dass mehr Sinn darin steckte, ihre Qualitäten nach draußen zu tragen, als sie darauf zu verwenden sich selbst zu quälen.
Während sich ihre Augen also wieder auf die gewohnte Bewegung des verkrampften Fokussierens auf einen Bereich des Bildschirms vorbereiteten, machten ihre Hände diesmal etwas Unerwartetes. Sie betätigten den Standby-Knopf und legten das Smartphone auf den kleinen Beistelltisch daneben. Ihr Oberkörper erhob sich und für eine Weile starrte sie auf ihrem Bett sitzend in die Leere des Raums, wissend, dass der Schlaf nun vorbei war.
Michelle Fetka wurde am 24. Juni 1995 in Judenburg geboren und lebt derzeit abwechselnd in der Steiermark und Kärnten. Sie absolvierte Studien der Medien- und Kommunikationswissenschaften und befindet sich derzeit zudem im Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Klagenfurt.
Bereits während des Studiums war sie im Marketingbereich in der Text- und Videoproduktion tätig. Derzeit liegt ihre Haupttätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus.
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