Clara Lefering für #kkl49 „Ablenkung“
Vergessen
Der Tag, an dem ihr alles zu viel wurde. So hätte dieser Tag ihr in Erinnerung bleiben sollen. Nach jeder möglichen Perspektive, die sie gelernt hatte einzunehmen, brach ihre Welt an diesem Tag zusammen.
Eigentlich hatte alles schon viel früher angefangen. Wie alles eigentlich schon viel früher anfängt. Ihre müden Glieder schmerzten beim Aufstehen so sehr, dass man unmöglich nur der letzten unruhigen Nacht die Schuld dafür zuschreiben konnte. Sie fand schon lange keine echte Ruhe mehr. Die klägliche Sammlung von Duftölen auf ihrem Nachttisch, die beim Einschlafen helfen sollten, zeugte von ihrer halbherzigen Suche nach Linderung. Die neue, teure Matratze war eine lahme Entschuldigung an ihre Knochen. Sie konnte sich tatsächlich kaum noch daran erinnern, wie es war, ohne Rückenschmerzen aufzuwachen. Oder ohne die tiefen Augenringe, die sie vorwurfsvoll im Spiegel anstarrten. Wie sah ihr Gesicht ohne sie aus? Auch das unbarmherzige Kreischen ihres Weckers störte sie nicht erst seit heute. Es war nicht der erste Tag, an dem sie den Impuls verspürte, ihn gegen die Wand zu werfen.
Doch an diesem Tag tat sie es einfach.
Kurz danach stand sie selbst zutiefst erschrocken in ihrem sonst so ordentlichen, da kaum bewohnten, Schlafzimmer. Das billige Gerät war an der Wand zerschellt wie ein morsches Boot an einer steilen Klippe. Doch der Sturm in ihr ebbte so schnell wieder ab wie er aufgeheult war. Was war da passiert? Sie zitterte leicht, verwirrt durch die wilde Freude, die durch ihre Adern schoss. Eine Grenze war überschritten. Es war elektrisierend. Und angsteinflößend.
Auf dem Weg zur Arbeit scrollte sie durch grelle Bilder im Netz. Das tat sie jeden Morgen. Die Zeit nutzen, in der sie dem Zucken ihrer Hand, dem automatischen Reflex, der nach leichter Ablenkung verlangte, nicht widerstehen musste. Auf dem Weg zur Arbeit war das doch eine erlaubte Schwäche. Obwohl sie die Empfehlungen kannte zu Bildschirmzeiten. Man sollte nicht zu viel Zeit auf diesen Plattformen verbringen. Wenn man davor gewarnt wurde, musste das doch heißen, dass man am liebsten endlos lang im Schein dieser Fotos bleiben würde. Oder? Tief in ihrem Innern spürte sie ein Ziehen. Auch das schon lange. Sie war ausgehungert. Seit Jahren hielt sie sich mit kleinen Appetithäppchen über Wasser. Ihr Auge zuckte, selbst wenn sie vom Bildschirm aufsah. Wann hatte sie zuletzt etwas richtig lange angeschaut?
Doch an diesem Tag wandte sie den Blick ab.
Ihre Augen fühlten sich müde an beim Anblick des Handys. Ohne sich bewusst dafür zu entscheiden, wanderte ihr Blick über die anderen Fahrgäste der Straßenbahn und blieb an einem Jungen hängen, vermutlich ging er noch zur Schule. Auf seinen Beinen lag ein Zeichenblock und mit so feinen, schwungvollen Bewegungen, wie sie sie noch nie gesehen hatte, flog seine Hand über das Papier. Sie versuchte nicht einmal zu erkennen, was er da zeichnete, es reichte ihr vollkommen aus, die Sanftheit seiner Gestik zu bewundern. Die Intensität seines Blickes. Wie sich die Sehnen an seinen Unterarmen spannten. Wie er selbstvergessen, verzaubert von seinem eigenen Schaffen, im Meer fader Mittelmäßigkeit saß. Jede feindliche Eintönigkeit hatte er ausgesperrt. Die schlaffen Muster auf den immergleichen Sitzen konnten ihm nichts anhaben. Wie ein Schwert erhob er seinen Stift gegen die Anonymität dieses unerträglich alltäglichen Ortes. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie den Atem angehalten hatte, und schnappte nach Luft. Wann hatte ihr zuletzt etwas so den Atem geraubt?
Sie vergaß, an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Oder blieb sie absichtlich sitzen?
Natürlich war sie zu spät. Sie spürte die abschätzigen Blicke und hörte das unruhige Rascheln, als sie in Büro kam. Von allen Seiten drückte die stumme Unzufriedenheit auf sie ein. Ihre Vorgesetzte war nicht mit ihr zufrieden, doch sie hatte ihr eine Mail geschrieben, anstatt mit ihr zu sprechen. Zu wenig Zeit. Was hätte sie auch sagen sollen? Manche Dinge müssen eigentlich gar nicht ausgesprochen werden, damit wir von ihnen wissen, sondern nur, um ihnen mehr Kraft zu verleihen. Und in diesem Raum drückten tausend kleine Konflikte gegen ihre Schläfen, doch keiner traute sich ins Rampenlicht. Das nagte schon lange an ihr. Tausend kleine Nachrichten auf dem Bildschirm, doch keine wichtigen Gespräche mehr. Als wären ihre Hände von Papier aufgeschnitten, es blutet noch nicht, es brennt nur langsam. Für einen winzigen Augenblick erlaubte sie sich, ihren Bildschirm zu vergessen, und sah auf. Konnte es sein, konnte es wirklich sein, dass jedes einzelne Gesicht, das ihr entgegenkam, ernst, betrübt und freudlos war? Was für ein elender Ort. War das nicht der gleiche Ort, der Schauplatz ihrer Karriere werden sollte? Der Ort, an dem sie ihre Berufung finden sollte? Ein Ort, um mit Leidenschaft zu arbeiten, Großes zu leisten, um dann zufrieden mit sich sein zu dürfen? Wieso musste man so viel tun, um mit sich zufrieden sein zu dürfen? Ihre Kehle schnürte sich zu. Auch das passierte nicht zum ersten Mal. Doch endlich drängte sich die Frage nach vorne, die vorher so lange in ihrem Hinterkopf versteckt geblieben war. Sie hatte sie in Schach halten können, doch an diesem Tag nicht mehr. Irgendein Kontrollmechanismus hatte versagt und ein alles zerrüttendes Nichts, die Frage nach allem, lag ihr plötzlich auf der Zunge. Sie war so sehr daran gewöhnt, das zu machen, was man ihr sagte, dass sie kaum noch wusste, was sie wollte. Etwas war zu Bruch gegangen.
So oft hatte sie davon geträumt, einfach zu gehen. An diesem Tag tat sie es einfach. Ohne ihren Computer auch nur auszuschalten, stand sie auf und verließ das Büro. Niemand rief ihr nach.
Ihr Herz pochte heftig gegen ihre Rippen. Angst und Aufregung lagen in der kühlen Luft. Ganz automatisch trugen ihre Füße sie in die Einkaufsstraße. Neue Dinge, das war ein schneller und einfacher Weg, ihre Laune wieder aufzuhellen. Ihr Leben geriet aus dem Fugen, an den Rändern ihres Blickfeldes verschwammen die Regeln. Irgendetwas Bekanntes musste her. Sie zwang sich zu einem entspannten Tempo, leichte Schritte. Betont genüsslich betrachtete sie die Auswahl in den Schaufenstern. Doch nach einigen Metern wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie sich nichts wirklich angesehen hatte. Nichts regte sich in ihr. Wo blieb der kurze Freudenjubel beim Anblick einer schönen Tasche? Wo blieb die Spannung bei der Suche nach dem Preis? Ihre Augen brannten, sie konnte kaum noch atmen. Jede Orientierung hatte sie verloren. Ein Schrei steckte in ihrem Hals, doch sie konnte ihn nicht freilassen. Panisch stolperte sie weiter, flüchtete, weg von all den neugierigen Augen.
Sie fühlte sich ausgelaugt, ausgesaugt von einer undankbaren Welt. Sie wollte so gerne rebellieren, sie wollte so gerne ausbrechen, ihre Flügel spreizen und endlich fliegen. Doch sie wusste doch nichts. Alle Regeln, alle Weisheiten, die sie jemals gelernt hatte, waren plötzlich in Frage gestellt. Doch wenn man an nichts mehr glaubt, wo soll man dann anfangen?
Sie fand sich weinend auf einer Parkbank wieder. Sie wollte doch vergessen. Aber was, wenn sie sich dann selbst auflöste? Was bliebe von ihr, wenn sie das alles aufgab? Erschöpft sah sie zum Himmel. War es etwa Frühling? Sie schloss die Augen, die Sonne schien ihr entgegen. Was für eine herrlich angenehme Wärme. Die Sonnenstrahlen streichelten ihre Haut. Sie ließen sie tief durchatmen. Ihre Augenlider färbten sich tiefrot. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht.
Die Mächtigen der Erde wären entsetzt, wenn plötzlich alle Menschen damit zufrieden wären, mit geschlossenen Augen in der Sonne zu sitzen und die Wärme zu genießen. Was für eine friedliche Rebellion.
Clara Lefering war sie schon immer eine begeisterte Musikerin. Anschließend an ihre Schulzeit studierte sie zunächst Mathematik und Musik auf Lehramt mit Hauptfach Trompete an der Universität Münster. Zusätzlich engagierte sie sich in vielen musikalischen Ensembles. Nach ihrem Abschluss begann sie ein weiteres Studium im Fach Philosophie. Neben dem Studium arbeitet sie unter anderem als Instrumentallehrerin, Trompeterin und Dirigentin.
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