Tanna Künemund für #kkl49 „Ablenkung“
Konzentriertes Lauschen
Du Vogel, Du
Ich versuche Dir zuzuhören, immerzu zu lauschen, weil Du mir wichtig bist, zu verfolgen, was Du sagst, doch ich sage nicht, dass es mir gelingt, doch ich gebe mir Mühe und konzentriere mich auf Dich.
Während Du erzählst und ich Dir aufmerksam lausche, frage ich mich, ob Du auch alles so bunt siehst, so deutlich und klar im Sonnenschein, sogar überdeutlich die feinen Härchen auf den Grashalmen und finde, wie die vielen Blütenwürstchen der frühlingshaften Birken an den Ästen sich wiegen im zarten Wind vor klarstem, blauen Himmel, sehen sie niedlich aus und als sie baumelnd tanzen, während Du sprichst, höre ich Dir nur halb zu, weil eine Hälfte, mindestens eine Hälfte gefesselt wahrnimmt, als wäre Wahrnehmung etwas Niedagewesenes und als hätte ich es noch nie zuvor gesehen, das Blau hinter dem Rosa der Pfirsichblüten oder das Rosa der Blüten vor diesem Blau, das sich auch wirklich rar gemacht hatte während des Winters, so dass ich es vermisst hatte und es mir nun blauer als blau zu sein schien und dazwischen summen die puscheligen Pelzbienen, von Blüte zu Blüte fliegend, fast hummelbrummend wie kleine Braunbären. Ich höre den Kompost nicht, wie er sich zersetzt, weil ich wohl nicht gut höre, als auf meiner Netzhaut regenbogenfarbene Muster tanzen, sich anmutig bewegen und die Gräser vor mir, der Hirtentäschel und das Frauenhaar fast grüner als grün grünen, zwei Rebhühnchen laut rufend aufstehen, als der Storch etwas zu tief über uns fliegt und ich fast denke, Du würdest all dies nicht sehen oder nicht hören, wie das Flugzeug über uns hinweggleitet als die Mönchsgrasmücke singt und immer ein wenig lauter klingt als Deine Worte an mich, dabei ist dein Mund doch so groß, so viel größer als das zarte mit lautem Gesang beflügelte federplüschige Etwas, das denselben Gesang singt, den sie alle singen, alle Mönchsgrasmücken, ob sie sich kennen oder nicht. Sie singen alle dasselbe und sagen wahrscheinlich „unser Lied“ dazu mit spitzem Schnabel, während Dein Mund rund ist und so groß, dass sie darin nisten könnten und wenn sie dann innerhalb Deines runden Mundes spitzschnäbelig zwitschernd sängen, würdest Du nicht reden, um sie nicht zu stören oder gar zu verletzen, aber Du würdest denken und sie könnten mir Deine Gedanken übersetzen ins Mönchsgrasmückige oder Trauerschnäpprige und dann wäre es weniger disonant Euch zuzuhören, wenn Ihr Eure Gedanken, Worte und Geschmetter zu einer Einheit verbinden könntet, die farblich zu meinem sechsfachen Tinnitus passend durch mein bebendes Trommelfell ambossgehämmert Eingang in mein Innenohr fänden und erst dort decheuffriert würden, so wäre das in meinem Auditivwahrgenommenen harmonischer als Euer battle oder Stimmenkampf gegeneinander, der selbstverständlich auch schön ist, obgleich unverständlicher für mich, doch ging es darum, dass ich zuhörte und verstand, oder ging es mehr um lautmalerisches Silbenspiel beim Bilden Deiner Worte?, denn nur als bunthalbgepuzzelt kamen sie hier an, Deine hübsch betonten, zungengeschnalzten Silben, wobei Du meine Augen kurz gefangen nahmst, als Du witzigerweise Deine Lippen spitztest, so dass die Grasmücken wahrscheinlich dachten, Du würdest ihre Schnäbel auch schicker finden und Dir einen wünschen oder schon mal üben, einen zu haben und so vor Dir herzutragen zwischen Nase und Kinn, was sie etwas lächerlich fanden, da ihrer doch Nase, Mund und Kinn vereinte und sie Deinen Schnabel als doppeltgemoppelt empfanden, denn all dies NaseMundKinnDing war ihr harter Schnabel voller weicher Töne oder weicher Würmchen oder harter Kerbtiere, die sie damit zerkleinerten und weich machten, vor dem Schlucken und mal ehrlich, wie würdest Du Wein trinken wollen mit einem langen Schnabel und wie küssen, wie etwas von Deiner oder meiner Haut lecken? Ob Du noch lachen könntest und lächeln von Ohr zu Ohr (die man bei Vögeln nicht sieht) und würdest Du denn dann alles wie die Vögel machen ?
Tanna Künemund
6.6.69
Als sie zehn Jahre alt war, reichte Tannas Lehrerin heimlich ihren Text über den Zerfall von Körpern und Tod durch Krebs ein. Dass dieses Gedicht abgedruckt wurde, rief das Entsetzen ihrer Mutter hervor. Nie wieder sollte sie „so etwas tun!“. Schon sechs Jahre zuvor war ihre Mutter von der vierjährigen Tanna peinlich durch deren kindlichen Auftritt eines Gedichtes sowie eines Liedchens blamiert worden. All dies hätte sie nie wieder zu tun.
Danach war Schluß mit der Kunst. Bemüht hat sie sich nie.
Sie hat etwas studiert und spät erst eine ordentliche Ausbildung mit Staatsexamen gemacht. Lieber schreibt sie und macht Kunst.
In freien Blättern und im Internet hat sie hie und da ein Gedicht abdrucken lassen oder Prosa / Erzählungen. Der Ort der Augen hat eine ihrer Geschichten im Dr. Ziethen Verlag verlegt. (Ort der Augen ODA ist die offizielle Literaturzeitschrift des Landes Sachsen-Anhalts des Friedrich-Bödeker-Kreises).
Im Konkursbuchverlag wurde in einem Sammelband eine ihrer Kurzgeschichten (Der Plüschfrosch) mit selbstinszenierten Photos von ihr verlegt.
Eine Kurzgeschichte ist in der Gorleben Rundschau, eine wurde im Zero gedruckt.
Im KunstKulturLiteratur #kkl 2024 wurde Prosa und einige Gedichte und Skulpturen von ihr veröffentlicht ( in den Sammlungen Heft 7/24 und 10/24)
Sie hat im Theater der Stadt Stendal beim Poetry Slam Texte gelesen und ebenso beim Wendland Poetry SlamJam, in der Stadtbibliothek Salzwedel im Rahmen der Literaturtage Sachsen-Anhalts, beim Poetry Slam in Uelzen, und im Raum2 in Neu Tramm, beim Kampf der Künste im Salon Hansen Lüneburg und beim KdK in Hamburg, auf dem roten Stuhl der Lesungen in Uelzen, im Schlachthof in Bremen, an der Oberlahn, bei einigen Festivals wie der Fusion, dem Simsalaboom … war sie auf Slam Bühnen, zur kulturellen Landpartie im Wendland ist sie schon 15 Jahre lang literarisch aktiv.
Sie veranstaltet Lesungen und oder Lesungs Jams: im Kulturverein Raum2, Neu Tramm, in der Sofaauffangstation Kriwitz, im Kuhdamm Kaulitz und dort in der Dub Station.
Sie hat einen Poetry Slam für Wagen und Winnen im Bahnhof Salzwedel veranstaltet und einen Friedensslam 2018 im Rathaussaal der Stadt Uelzen, mehrere Slams und Lesungen am Zwischenlager Gorleben, 2 Poesie Jams am Peckfitzsee zu 2 Solarfestivals und Lesungen in ihrem Arbeitsumfeld.
Poetry Slams, Poetry Jams und Lesungen organisiert sie seit 2010.
Sie stellt auch ihre queerfeministischen Skulpturen und „Zahn der Zeit Installationen“, „weiche Betonteppiche“ und „Flickwerk“ aus.
Oft thematisiert sie das Thema Tod und die immense Freude, am Leben zu sein.
Tanna Künemund ist nicht nur Schriftstellerin und bildende Künstlerin, sowie Organisatorin von Literaturveranstaltungen. Sie arbeitet auch als Ergotherapeutin, wo sie Menschen zur Kunst und Schreibkunst inspirieren konnte, auch im Ausland.
Zur kulturellen Landpartie betreibt sie den Literaturpunkt Kriwitz. Dort fanden bislang 3 Jahre lang Schreibworkshops und andere Workshops statt.
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