Prokrastinatio

Frederik Durczok für #kkl49 „Ablenkung“




            Prokrastinatio

Ich habe bestimmt noch nicht von meinem alten Freund Prokrastinatio erzählt. Er ist ein unglaublich weitgereister und vielbekannter Kerl. Ich bin ganz offen neidisch, wie er gerade bei jungen Frauen immer wieder spontan mit in die Wohnung gehen darf. Manchmal auch nur für ein Treffen zum Netflix-Schauen. Und bei lässigen Jungs geht er auch ein und aus. Er sucht nie lang, wenn er mal ein entspanntes Bierchen trinken möchte.

Prokrastinatio ist uralt, im Grunde steinalt. Aber, wenn eine gewisse Stimmung in der Luft liegt, ist er immer angesagt und dominiert den Abend, mitunter auch in großen Runden.

Einmal saß Prokrastinatio bei einem um die vierzig Jahre alten Realschullehrer. Ein früher fesher Typ, der sich aber aufgegeben hatte, den Anstand bei Schülerinnen-Beleidigungen aufgegeben hatte, den in einem sehr ärgerlichen Falle schließlich auch das Schulamt aufgegeben hatte.

Auf einem herbstlich anmutenden Berg sammelten sich in seiner 1,5-Zimmer-Wohnung die Briefe. Zuerst die vom Schulamt, dann die von der Arbeitsagentur. – Als er bei einer „klassischen“ Folge von „Dark Mirror“ an ein frisch geöffnetes Bier der Marke Oettinger gelehnt eingeschlafen war, fragte seine wahrscheinlich zehnjährige Tochter im Dreitagepyjama Prokrastinatio voller Neugier: „Wie alt bist du?“

Prokrastinatio wandte sich der Kleinen zu und fing unpassend ausschweifend an: „Manche würden sagen, dass ich ein klassisches Kind der spätmodernen Gesellschaft sein muss, hingegen– „

Das interessierte das Kind nicht (im Geringsten) und sie fragte gleich weiter:

„Also, bestimmt mehr als zwölf, oder?“

Prokrastinatio rutschte etwas nervös auf dem abgeliebten Ledersofa hin und her. Auf Kinder hatte er keine besondere Wirkung. Etwas war bei ihnen anders.

„Nun ich“, er räusperte sich, „habe alle Zeit der Welt. Und mit mir hast du keine Zukunft.“

„Ist dir dein Alter egal?“

Die Kleine hüpfte vergnügt durch das miefig-finstere Wohnzimmer, nahm dem Vater die Flasche aus der Hand und trank einen Schluck Bier.

Jetzt sank Prokrastinatio ein paar Zentimeter tiefer in das Sofa.

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

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Ich habe bestimmt noch nicht von meinem alten Freund Prokrastinatio erzählt.

An einem Fronleichnamstag mit perfektem Badewetter ohne übermäßige Hitze führte er einmal ein sehr intensives Gespräch in einem zwölften Betonstockwerk mit wenig durchdringender Frischluft.

„Digger, wir machen das nicht.“

„Ich sage, wir tun es“, sagte Prokrastinatio.

„Ja gut, aber die Sache ist mir doch ein wenig heiß.“

„Naja, es gibt Mutproben und es gibt …“

„Mutproben. Ja, Mann. – Es könnte natürlich sein, dass sich im Laufe der Zeit, die eine …“

„Die eine unbestimmte ist, weil hart vergessen, Digger, wann …“

„… sich irgendwelche lebensbedrohlichen Substanzen gebildet haben.“

„Und wir sind beide alles, nur keine Chemiker.“

„Keine gottverdammten Breaking-Bad-Chemikantonistiker, Bro.“

Prokrastinatio und Björn wägten über den Flaschenrand zweier, von ihnen aus einer wie neu entdeckten Ecke des Balkons aufgefundenen, Welde-Bierflaschen hinweg auf das Objekt der zweifelhaften Begierde.

„Ich kannte mal einen“, Björn wippte wie zur Bestätigung mit der Flasche, „der hat eine noch nach siebzehn Wochen gegessen.“

„Okay, okay. – Gorgo-Cheezy-Crust?”

„Gorgo, Digger. – Gorgo-fucking–“

 „Nein.“

„Doch.“

„Sag es nicht.“

„Gorgo. Fucking. Cheezy-Crust!“

„Aaaaalter!“

„Siebzehn Wochen.“

„Siebzehn Wochen.“

„Siebzehn. Gorgo.“

„Cheezy-Crust.“

„Puh.“

„Ja, Mann.“

Bierflaschen wippten, Köpfe nickten. Sprachanfragen auf/für F[…] leuchteten auf und erloschen. Und sogar Anfragen für die Party des Jahres, drüben am See, schienen auf und erloschen.

„P., ich habe eine Vision.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Diese Dominos-Pizza Gorgonzola mit Cheezy-Crust existiert jenseits von Zeit. Und Raum.“

„In einer Art Myzel-Netzwerk. Dieses Pilze-Netz-Zeug.“

„Keine Ahnung, was soll das sein? – Ach, ist egal. – Ja, Mann.“

„Jenseits von Zeit und Raum.“

„Jenseits.“

„Jenseits.“

Wäre es nun an der Zeit zu erzählen, wann und ob Björn und Prokrastinatio die Uraltpizza-Essen-Challenge doch geknackt haben?

Nein. Ist doch noch faszinierender, wie lange mein alter Freund Prokrastinatio und der gute Björn in eine philosophische Betrachtung versinken konnten.

Mit schimmelnder Pizza.   

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Ich habe bestimmt noch nicht von meinem alten Freund Prokrastinatio erzählt. Er ist ein unglaublicher Kerl.

Er ist erstaunlich oft in Bars unterwegs und kennt tausend Leute. Mit dieser Ariane hatte er sich quasi dienstlich in diesem Neonbär verabredet. Wegen ihrer Bachelor-Arbeit. Um nicht über diese zu sprechen.

„Und dann habe ich noch eine Tante, die Neonreklame im Kosovo aufkauft um diese künstlerisch zu verarbeiten.“

Ariane hielt einen schlanken linken Zeigefinger so aufrecht sie konnte und fuhr nach kurzem Überlegen fort: „Das ist eine Tante mütterlicher. Nein, väterlicher. Warte – mütterlich-väterlicher – sagt man dann großväterlicherseits?“

„Ich liebe Tante Priština schon jetzt.“

Prokrastinatio hob kurz sein Glas und trank einen genüsslichen Schluck Gin.

„Diese Neonreklamen gibt es ausrangiert in sehr großer Zahl da unten. So weit, so ökologisch, aber viele ehemaligen oder mutmaßlichen Besitzern fällt dann erst ein, dass sie die Reklame doch noch ganz dringend brauchen können.“

„Jetzt wird es spannend.“

„Tante Prisca–“

„Doch nicht Priština?“

Beide lachten schmunzelnd.

„Also! Tantchen wurde schon verfolgt. Sie wurde schon des Diebstahls bezichtigt. Der Verleumdung. Und an der albanischen Grenze wurde sie einmal zu einer Verlobung gedrängt, weil man eine völlig verkratzte Coca-Cola-Werbung zum Objekt der Brautwerbung erklärte.“

Prokrastinatio schwenkte weingleich seinen Gin. Ariane stütze theatralisch ihr Kinn auf zwei Finger: „Hm.“

„Hm“, antwortete er, „langsam wird deine Geschichte doch unglaubwürdig.“

Jetzt grinste Ariane breit und wie eine Füchsin.

„Ich hab die letzten fünf Tanten komplett frei erfunden. – Nein, Warte, die letzten sechs waren erfunden.“

„Zwei. Oder drei. Niemals so viele.“

„Oh ja.“

„Unmöglich.“

„Wir können meine drei echten Tanten anrufen.“

„Aber Tante Babsi! Sie darf nicht erfunden sein.“

 „Ich bin untröstlich.“

„Alle neun Jobs?“

„Alle neune. – Komm, wer hat so viele Berufe?“

„Das war ja das schöne für eine Mitteleuropäerin.“

„Siehst du, Tante Babsi wäre einfach nicht dieselbe, wenn ich sie nicht erfunden hätte.“

„Ich werde trauern.“

„Und das auch nur, weil du diesen ganzen langen Abend mit mir im Neonbär sitzt.“

„Eine Ehre.“

Ich glaube, Prokrastinatio schlief auch mit vielen Frauen. Ich behaupte mal, er schlief auch mit Ariane. Das entscheidende zwischen ihnen beiden war jedoch etwas anderes. Ariane rannte vor ihrem Leben weg. Aber mit ihm schuf sie auch ein neues.

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Fortsetzung folgt …




Frederik Durczok (*1986) ist Musiker, Historiker, Pädagoge und Autor. Der gebürtige Mann-heimer ist in der Kurpfalz (neudeutsch Metropolregion Rhein-Neckar) und Rheinhessen aktiv. Lesungen führten ihn darüber hinaus auch nach Soltau, in die Wesermarsch, nach Berlin (Brotfabrik Weißensee) oder auch Steinfurt (Westfalen).

Durczok arbeitet in den Bereichen Lyrik, Kurzprosa, Glosse und Erzählungen. Veröffentlicht wurden bislang Kurzprosa, Gedichte und Erzählungen in mehreren Anthologien. Im Mai 2021 gründete Durczok den Verlag „Innenseiten“.

Im Oktober 2022 war Frederik Durczok schriftstellerisch in der Künstlerwohnung Soltau, Niedersachsen tätig. – Nach Aufnahme auf die „A-Liste“ (17 von gut 100 Einreichungen) begann er im Herbst 2022 auch ein Schreibstudium an der „Schreibhain“ Schule, Berlin. 2024 erschien im Baltrum Verlag ein Band mit vier Erzählungen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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