Lina Charlotte Stenzel für #kkl „Ablenkung“
Dopamin-Wrack
Mit unverwandter Eleganz gleitet der Dreimaster lautlos
aus der Wetterfront aus Dopamin,
in der er mühelos seine Kreise zu ziehen schien,
mit goldenem Mast, herrlicher Pracht, ohne Zwietracht in der Mannschaft.
Bezwungen hat er das Blitzgewitter, mit gesetzten Segeln und verwegenen Manövern,
stolz grüßt er nun die Sonne, bereit, seiner Erscheinung zu frönen.
Keine Welle stört die Stille, kein Sturm baut einen Brecherturm, keine Möwe schreit,
nicht einmal den Regen scheint es noch zu geben.
Die Mannschaft fläzt auf den Planken, so manche Gedanken noch beim Dopamin,
denn nur wenn es hagelt in der Wetterfront glänzt das Schiff in aller Pracht,
strahlt in den Segeln, singt mit den Planken, nichts bringt es ins Wanken
seine unendliche Macht und Schaffenskraft –
Kaptitän, zu Hilfe!
Drohend grinst der Totenkopf in der Flaute auf hoher See,
doch der Angreifer ist kein fremder Kutter,
es ist kein geringerer als der eigene Dreimaster,
der sich schier bis zum Erbrechen biegt, gnadenlos die faulige Verwandlung vollzieht.
Erbarmungslos brennt die Sonne das Fleisch herunter,
zersengt die Netzhaut, nimmt den Augen das Licht
bis nur untote Skelette über berstende Bretter stolpern,
die Masten stöhnend auf das Deck hernieder poltern.
Der erste Maat fleht um Rum und Zigaretten
und endlich etwas Sonnencreme, während der Kapitän
mit eiserner Miene zusieht, wie seine knöcherne Mannschaft
Fuß um Fuß über die Reling geht.
Splitter jagen fleischlose Hände,
Körper stürzen in tosende Wellen,
brechende Knochen zerschellen,
inmitten des heillosen Durcheinander –
Kapitän, zu Hilfe!
Sieh nur, dort! Stürme aus glitzer, fließende Schatten, gefährliche Fratzen!
Wir müssen die Segelfetzen setzen, mit voller Fahrt hinein!
Hoffnung durchfährt den ersten Maat, behände wirft er den Rum über Bord,
zieht den Kapitän ans Steuer und fragt im letzten Moment
Kapitän, die Mannschaft?
So fischen sie Knochen um Knochen, ziehen die untoten Diener zurück auf den Kahn,
der ohne sie die Dopamin-Front nimmer bezwingen kann.
Abstellgleis
Im Dunkeln auf dem Abstellgleis bin ich bereit,
den Vorbeifahrenden die angestaute Fracht,
die ich in meinem Güterzug mitgebracht,
zu geben und zwar diesem oder jenem,
dem einen oder anderen, so manchem Menschen eben.
Gleißend hell enthüllen die Zugleuchten
das erbärmliche Chaos auf dem Abstellgleis,
das meines sein soll
Den Blick der Vorbeifahrenden kann ich nicht ertragen,
stumm frage ich jeden „Willst Du etwas haben?“
Ein wenig reicht schon
und ich werde nicht allein daran erkalten.
Mein rostiges Lächeln möchte geben,
ihr sollt nehmen, nehmen, nehmen,
denn mit jedem Stück Fracht
löst sich das eiserne Band,
das mich einst mit dem Abstellgleis verwandt.
Einladung ins Zwischen
Ich hab mir ein Sofa in den Zwischenstand gestellt;
es klemmt fünf Türen ein
die sich nicht gleichen aber im Kern nicht unterscheiden
ich stehe liege sitze in den Kissen
und lad dich ein zu mir ins Zwischen
um mit mir das Sofa zu teilen und
für einen Moment zu verweilen
der heiter verfliegt und für seine Dauer
und den Moment davor und danach
meine Sinnlosigkeit zersägt
wenigstens kurz
übrig bleibt nichts;
oder alles, was du mir gibst
Lina Charlotte Stenzel
Geboren am 13. Februar 2000 in Böblingen, ist in Delmenhorst aufgewachsen und hat nach der Schule ein Freiwilliges Jahr in Lübeck absolviert. Anschließend hat sie dort in verschiedenen Jobs gearbeitet, Praktika gemacht und sich politisch engagiert. Für ihr Studium der Geographie ist sie nach Kiel gezogen, wo sie nebenher in einem kleinen Verlag bei Kiel arbeitet. Über ihre Leidenschaft fürs Theater Spielen hat sie während des Studiums zum freien Schreiben zurückgefunden. Zuletzt hatte sie als Kind Geschichten verfasst.
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