Malin Veith für #kkl49 „Ablenkung“
Wir glauben an die Liebe, während Hass uns ausfüllt. Eines dieser beiden Gefühle muss immer da sein. Noch besser beide. Denn kein anders Empfinden nimmt so viel Raum ein. Raum der immer gefühlt sein muss. Sonst drehen wir durch. Denn was voll ist, ist laut. Wir verabscheuen die Stille. Denn jede leise Sekunde ist eine Illusion. Sie existiert genauso wenige, wie die Liebe, nach der wir uns sehnen.
Füllen wir denn leeren Raum in uns nicht, tun es unsere Gedanken. Sie zeigen uns Dinge aus der Vergangenheit, die wir nicht sehen wollen. Die peinlichen Handlungen, als wir nicht wir selbst waren; der zu kurz geratene Pony; die Worte, die uns in einem Streit fehlten. Aber es gibt noch etwas furchteinflößenderes als die Vergangenheit:
Die Zukunft.
Alles, was uns noch bevorsteht. Die Steuererklärung; das ernste Gespräch mit den Eltern; der Vorsorgetermin beim Arzt und noch so viel mehr … der Tod z. B. wenn eines in unseren Leben sicher ist, dann wohl der körperliche Zerfall! Spätestens bei diesem Thema bekommen schon die ersten schwitzige Hände. Zumindest wenn man keinen Blick in die Gothic-Community wirft, dort ist das eher etwas worauf sich gefreut wird. Da wird der Tod genau für das verwendet, für was sich der Rest der Menschheit lustige Katzenvideos anschaut. Nicht, dass die leidenschaftlich Schwarzgekleideten nicht auch Feuer und Flamme für Kurzvideos im Hochformat wären.
Jetzt aber genug mit gefährlichem Halbwissen und Klischees über eine Community der ich selbst nie angehört habe.
Viel interessanter wäre es doch zu wissen ob andere Säugetiere, genau so sehr die Gegenwart ausblenden wollen wie wir Menschen.
Meine These hierzu lautet:
Tiere spielen aber sie lenken sich nicht dabei ab. Sie stellen sich dem Gegenüber was ist und nehmen es so wie es ist. Natürlich schöpfen sie aus Erfahrungen. Was klug ist. Wie gesagt: Meine These. Vielleicht bin ich die Einzige die diese Beobachtungen gemacht hat. Nicht nur einmal habe ich gehört: „Glaube keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Ich glaube eines Tages wachen wir alle auf.
Auf, aus der Suche nach dem Nichts. Dann finden wir das Alles. Vielleicht ist es dann schon zu spät, für was auch immer wir eigentlich in der Gegenwart erfahren wollten. Genuss ist eine Tugend … oder wie war das? Ach, nein Geduld heißt es.
Stelle dir vor du sitzt an einem Sommertag in einer Eisdiele. Allein. Ja, ich weiß, das ist gruselig, aber vertraue mir, dieses Mal gehst du ganz allein. Du beobachtest die Leute, während du an deinem köstlichen Eis schleckst. Du spürst, wie es auf deiner Zunge schmilzt und sich in deinem Mund verteilt. Dein Gaumen ist ganz kalt. Dein Smartphone auf dem Tisch vibriert und du greifst sofort danach. Es ist ein Reflex, wie das Schlucken, das die nun flüssige Süßigkeit in deinem Mund, mit Hilfe deiner Speiseröhre in deinen Magen befördert. Ohne es zu merken, geschieht es. So wie das Eis auf deiner Zunge verschwunden ist, ist es auch dein Umfeld. Deine gesamte Gegenwart existiert jetzt nur noch in diesem kleinen Minicomputer in deiner Hand. Schon verwunderlich, wenn wir bedenken, dass die meisten Menschen, wenn sie sich es aussuchen könnten, ein 150 Quadratmeter Haus einer 50 Quadratmeter Wohnung vorziehen würden. Aber für was denn? Um dann im pompösen Eigentum sich doch wieder auf ein paar Zentimeter Plexiglas und Plastik zu begrenzen?
Wusstest du das die Dinger ursprünglich erfunden wurden, um uns mehr Freiraum im Leben zu verschaffen, um noch mehr vom Leben zu haben. Keine Sorge, ich versuche dir jetzt nicht zu erklären, was du alles tolles tun könntest, anstatt dich von Algorithmen bezirzen zu lassen. Ich bin hier, um herauszufinden warum Ablenkung so ein verlockendes Früchtchen ist.
Spoiler: Ich weiß es nicht.
Ja, klar es gibt bestimmt ein paar Studien, die uns das auf trockenste Art erklären könnten. Aber mal ehrlich. Mit diesem Theoriekram fangen doch die wenigsten von uns etwas an. Wir hätten einfach gerne eine Lösung für das Problemchen. Am besten eine die genau so effektiv wie auch einfach ist.
Spoiler: Auch damit kann ich nicht dienen.
Aber dennoch habe ich etwas herausgefunden. Beziehungsweise werde ich jetzt eine weitere gewagte These aufstellen. Die Gute Nachricht ist, wir müssen uns eigentlich nicht um die Ablenkung kümmern, denn die ist nicht das Problem. Übrigens, als ich gestern Nacht nach einem Streit mit einem Familienmitglied im Bett lag, war ich tierisch froh über meine For You Page, die mich auf einen endlosen Pfad komischer Katzenvideos geschickt hat. Ablenkung (wenn sie uns selbst und anderen nicht schadet) ist also nicht immer schlecht.
Ich will mir hier auch nicht anmaßen zu bestimmen, wann Ablenkung gut oder schlecht ist.
Es ist wie mit einer Krankheit. Wenn ich einen Husten haben, ist nicht der Husten das Problem, sondern die Bronchen oder eben die Stelle in unseren Lungen wo eine Party gefeiert wird, der wir nie zu gestimmt haben. Wir sehen den Husten, aber nicht die Lunge. Im übertragenen Sinn versteht sich. Keine Sorge, ich bin keine Achtsamkeitspriesterin, aber ich mag es Dingen auf den Grund zu gehen. Weil dort liegen manchmal wahre Schätzchen herum. In dem Fall war es aber leider nicht so. Aber gefunden habe ich trotzdem etwas. Es ist ein bisschen ernüchternd und fühlt sich an wie ein Trostpreis. Die Trophäe stellt sich keiner freiwillig in den Schrank, wegschmeißen will man sie aber auch nicht. Deswegen packt man das olle Ding einfach in einen Karton und gut ist. Und dann … vermutlich an so wenigen Momenten im Leben, die man einer Hand abzählen kann (ein Umzug oder so) da holen wir es raus. Halten es für ein paar Sekunden in den Händen und erinnern uns daran. Und nur ganz vielleicht, haben wir dabei sogar ein Lächeln im Gesicht, bevor wir das verstaubte Teil wieder für die nächsten Jahre vergessen.
Mehr ist es nicht.
Und hey, wir alle tun es, ob wir uns von einem elektronisches Freundchen beschallen lassen oder arbeiten bis zum Umfallen. Weil …
Ablenkung ist ein Symptom des Menschseins.
Ja. Das ist was ich auf dem Grund gefunden habe. Wir sind Menschen. Und Menschen lenken sich ab. Menschen haben irgendwann das Wort Ablenkung erfunden und praktizieren sie schon immer. Vielleicht, sehen das die ein oder anderen Homo Sapiens anders. Ich für mich habe festgestellt, dass alles ein Aufmerksamkeitswechsel ist. Und wie mit allem im Leben, haben wir die freie Entscheidung darüber ob wir uns einen Vorteil, Nachteil oder keins von beiden daraus verschaffen.
Verdammte Evolution!
Wer hat mit diesem Blödsinn angefangen? Die Person soll mir nur einmal vor die Augen treten. Der werde ich was erzählen!
Das war ein kleiner Witz am Rande. Insgeheim stehe ich nämlich auf die Weiterentwicklung.
Also Fazit:
Wir sind Menschen. Die Ablenkung ist nur das Symptom. Da wir gegen die Ursache Menschsein, nichts unternehmen können, wird’s Zeit uns damit abzufinden und wie immer das Beste daraus zu machen.

Ich heiße Malin Veith und habe schon mal bei einer Kochshow mitgemacht. Es ist unmöglich mehr Hobbys zu haben als ich. Meine zwei Patenkinder hören auf die Namen Janosch und Manolo und haaren so sehr, dass einmal am Tag staubsaugen nicht reicht.
Ich bin 1994 geboren und liebe Individualität, bin Kräuterhexe, Yogi, tätowiert und Enkelin einer Einundneunzigjährigen die Instagram benutzt.
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