Timea Hiller für #kkl49 „Ablenkung“
Geburtstagsparty ungewöhnlich:
Was Freunde tun
»Ich werde Siebzehn«, denkt Lou, als er an diesem Morgen aus dem Bett in seinem Berliner Zuhause aufsteht. Seine Eltern sind weggefahren und so wäre es normalerweise die Gelegenheit, die sturmfreie Bude für eine Party zu nutzen. Ganz nebenbei könnte er eine junge Frau beeindrucken. Sein voller Name lautet Louis Jan Trapp. Lou, so nennen ihn Freunde und gute Bekannte. Er mag das.
Lou hat sich die Party so schön vorgestellt, eine glänzende Feier mit gutgelaunten Freunden, coole Musik, alle würden bei ihm sein und sich amüsieren. Also verschickte er Einladungen. Als erster rief Niklas an: »Lou, leider kann ich nicht kommen, wir feiern den Geburtstag meines Onkels«, hörte Lou ihn sagen.
Jonas erzählte: »Ich bin fest als Umzugshilfe eingeplant.«
»Ich muss auf meine nervige kleine Schwester aufpassen«, berichtete David.
»Ich helfe im Geschäft meiner Eltern aus«, meinte Sofie am Telefon.
So setzt sich die Liste derer, die nicht kommen, munter fort. Lou kassierte haufenweise Absagen. »Alle Leute haben ganz wichtige, unveränderbare Termine«, denkt er und fühlt sich zurückgewiesen. Lou fragt sich, ob sie wirklich so beschäftigt sind oder einfach keine Lust haben.
Er spürt Ärger und Enttäuschung, wodurch die Vorfreude auf seinen wichtigen Tag ganz gewaltig getrübt ist. Doch was soll er machen, er kann ja an der Sache nichts ändern. Zum Glück hat er ein paar wenige sehr enge treue Menschen in seiner Nähe, die ihm ihre Zeit und Bereitschaft signalisierten. Er kann sich auf sie verlassen. »So werden wir zu viert sein, was solls«, denkt Louis, »es ist nicht zu ändern«, obwohl es ihn immer noch kratzt. »Die hübsche Miri, Lea und Lukas sind dabei.« Besonders beim Gedanken an Miri hellt sich sein Gesicht dann wieder auf.
Aufgrund der Absagen beschloss er vor ein paar Tagen, lieber zum nahegelegenen Zeltplatz zu fahren, um zu feiern und anschließend dort zu übernachten. Das klang nach einer gewissen Abwechslung für ihn. Er findet es um Längen vorteilhafter, als seine sturmfreie Bude mit wenigen Menschen zu teilen. Heute Abend ist es so weit. Es wird hineingefeiert.
Lou geht ins Bad und stellt sich breitbeinig vor den Spiegel.
Mit seinem Aussehen ist er zufrieden. Er ist 1,78m groß, sein Body ist schlank und die Besuche im Fitnesscenter lohnen sich.
Er dreht sich ein wenig, ballt eine Hand zur Faust, hebt den rechten Arm und spannt die Muskeln im Oberarm an. »Das ist der Beweis«, findet er zufrieden. Am spärlichen Bartwuchs kann er nichts ändern, doch er rasiert sich gewissenhaft. Um seine Männlichkeit noch stärker zu betonen, übt er sich darin, seinem Gesichtsausdruck und seiner Stimme noch mehr Energie zu verleihen. Dazu blickt er sich sehr fest im Spiegel an, legt eine bedeutungsvolle Minipause ein und sagt zu sich selbst: »Ich bin ein cooler Typ. Einer, der was kann, was hat und der den Mädchen gefällt!«
Miriam zum Beispiel, aus der Nachbarschaft, sie ist ein Jahr jünger. Er mag ihre Gesellschaft sehr, findet ihre rötlichen Haare wunderbar und ihre Sommersprossen begehrenswert. Ob sie für ihn ein wenig mehr als platonische Freundschaft empfindet? Sogar den Klang ihres Namens, genauer gesagt, ihres Spitznamens, hört er gern: »Miri.«
Nach der morgendlichen Dusche verteilt er eine Portion Haargel in sein welliges dunkles Haar, um es anschließend hier und da sorgfältig zu kneten. Mit seinen feuchten Fingerspitzen bringt er es in Form.
Schließlich nickt er sich nochmals freundschaftlich zu und kehrt zurück in sein Zimmer. Dort wählt Lou unter seinen Sachen ein passendes Outfit für den Anlass aus. Auch dieser Angelegenheit schenkt er viel Aufmerksamkeit. Schließlich fällt die Entscheidung für ein schwarzes T-Shirt mit silbernem Schriftzug und hellbraune Hosen.
»So komme ich lässig und zugleich elegant daher«, findet er. Für alle Fälle zieht Lou noch ein Cap aus einem Fach hervor, lässt es jedoch erstmal nur draußen liegen.
Als die drei Gäste am späten Nachmittag bei ihm eintreffen und ein Ständchen singen, ist er sehr gerührt. »Ihr seid die Besten, mit euch klappt das Feiern.«
»Auf den Mann des Tages«, wirft Lukas in die Runde.
Sie sind in Feierlaune. Der Sommer ist vorbei und abends wird es schon ein bisschen kühl, doch alle Vier versprechen sich vom Campen ein attraktives Event. So kommt es, dass Miriam kurz darauf hinter Lou auf dem Moped sitzt. Lukas fährt mit Lea.
Der Zeltplatz ist einer von der Sorte der kleinen, entlegenen, weswegen sie ihn sich gut leisten können. Dass es bereits langsam dunkelt, stört die Freunde überhaupt nicht.
Als sie ankommen, stellen sie ihre Mopeds ab und laufen über den spärlich besuchten Platz. Die Kiefern duften. Der Himmel ist wolkenverhangen und so werden die wenigen Sterne später kaum wahrnehmbar sein. Die einzige Beleuchtung befindet sich am Haupteingang, den sie bereits hinter sich gelassen haben. Mit jedem Schritt, den sie zurücklegen, erscheint die kleine Zeltplatzwelt diffuser und verlassener, sogar ein wenig unheimlich. Sie laufen an ein paar winzigen Einmann-Zelten vorbei und an ganz wenigen großen, riesig anmutenden Wohnzelten, die zumeist verschlossen sind. Vielleicht warten sie schon auf ihren Abbau für diese Saison. Durch die Zeltwände dringt selten ein schummriges Licht wie von Taschenlampen unter einer Bettdecke.

Klare Stimmen hören sie nicht, eher wenige Male ein Gemurmel, ein Kichern oder Schnarchen. Sie entscheiden sich für einen weiter abgelegenen Platz, hinter einem kleinen Hügel. Hier fühlen sie sich frei und stören niemanden.
Die Jungs bauen schnell das Zelt auf und sichern es mit Schnüren und Heringen. Die Freunde setzen sich auf zwei große dicke Decken, unter die sie noch Isomatten gelegt hatten, um die Kühle des Waldbodens abzuhalten. Es gibt Chips, Bier, Wein und Wasser aus Flaschen. Gläser haben sie nicht dabei. Louis und Lukas stoßen mit ihren Bierflaschen an, während Lea ihnen mit der Wasserflasche zuprostet. Miri hält eine Weinflasche hoch. Sie lachen sich an, schwatzen, sind aufgekratzt und fröhlich.
Das Geburtstagskind ist nicht nur versöhnt mit der Tatsache, dass sie nur zu viert feiern, mehr noch. Die Situation erlaubt es ihm, sich besser auf Miri zu konzentrieren.
Auch Miriam freut sich insgeheim schon darauf, im Zelt zu sein, ganz nah bei Lou. Sie will sich noch geborgener fühlen, als ihr das im Freien möglich ist, wo sie sich zu sehr beobachtet glaubt.
»Lasst uns reingehen!«, drängt Lukas gerade, obwohl es erst gegen 23.00 Uhr ist. Widerspruchslos räumen sie ein paar Sachen zusammen, klappern mit den Flaschen und rascheln mit den Chipstüten. Nacheinander schlüpfen sie ins Zelt hinein und er schließt mit dem typischen »zipp« den Reißverschluss von innen. Lou dimmt jetzt das Licht seiner großen Taschenlampe. Er spürt ein angenehmes warmes Kribbeln in sich hochsteigen. Als der junge Mann seinen Arm sehr zart um Miriams Schulter legt, merkt er, dass es sie erregt. Ihr Atem geht schneller. Sie rührt sich nicht vom Fleck und wartet ab. Er wird mutiger und sein Arm schiebt sich an ihrer Seite hinunter bis er das Ende ihres Pullovers erreicht. Mit seinen Fingerspitzen spürt er die nackte Haut ihrer weichen Hüfte. Seine Hand beginnt mit Bedacht, immer mehr von ihr zu ertasten. Es erfüllt ihn mit großer Wonne, dass er noch die ganze Nacht vor sich hat.
»Was ist das?«, horcht Lea auf. Ausgerechnet jetzt hören die jungen Menschen draußen Geräusche.
»Habe ich vorhin nicht auch Motorradgedröhn aus der Ferne vernommen?« Lou versucht sich zu erinnern. Das Knistern wird stärker. Es scheint das Bersten von kleinen Ästen und getrocknetem Laub unter einem Gewicht zu sein. Es stört nicht nur, langsam wirkt es bedrohlich.
»Knack, knack, knack…«, die Laute kommen näher und führen scheinbar geradewegs zu ihrem kleinen beschaulichen Nest. Schlagartig verstummen die vier und lauschen, nun regungslos. Die fröhliche Stimmung weicht in Sekundenschnelle.
»Wenn ich nur sehen könnte, was da los ist«, geht es Lukas durch den Kopf.
»Sind es Menschen?«, denkt Lou, »es müssen mehrere sein.« Er schaut zu Lukas hinüber, der etwas gelassener scheint oder sich nichts anmerken lassen will. Von Diebstählen auf Zeltplätzen hatte er schon gehört. Lou presst den Zeigefinger auf seine Lippen und formt leise ein: »Pscht«. Danach löscht er das Licht seiner Taschenlampe. Miri presst seine Hand, was ihn gerade etwas beunruhigt, denn Lou fühlt sich weniger stark als heute früh.
Urplötzlich verstummt da draußen alles, scheinbar unmittelbar vor dem Zelt, in dem die Jugendlichen starr verharren und keinen Mucks von sich geben. Die Angst lähmt ihre Körper. Die Stille ist schrecklich und furchterregend. Sie zieht sich in die Länge.
»Hey, ihr da drin«, meldet sich auf einmal eine männliche klingende Stimme draußen. Sie hört sich fürchterlich an.
Lou verflucht seinen Entschluss, hier in der Gegend zu feiern.
»Hey«, lässt sich die Stimme erneut vernehmen, dann ist es wieder leise.
Plötzlich lacht jemand draußen und Glas scheppert.
In der nächsten Sekunde stimmen ein paar junge Leute vor dem Zelt an: »Happy Birthday to you«, ein Korken knallt.
Timea Hiller
„Wünsche erfüllen und Ideen umsetzen wie ein Profi“
- Hauptberuflich in der IT-Branche
- 360° Präventionsberaterin
- Volkswirtschaftsstudium in Berlin
Autorin, Künstlerin

Einige Veröffentlichungen:
Volkseigentum trifft Marktwirtschaft, aus Liebe? (E-Book)
Die Story ist dein Mikrofon (Print und E-Book)
Mom Goodbye (Song und Video)
Ambiguity – Wenn Wörter deinen Weg kreuzen (Video in Kooperation)
Fresh-ups MIT Büro (Video)
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