Rouven Reuter für #kkl49 „Ablenkung“
Routineuntersuchung
Leicht schnaubend öffne ich die Tür zur Zahnarztpraxis und begrüße die Zahnarzthelferin hinter dem Tresen. Sie fragt nach dem Grund für meinen Besuch. „Routineuntersuchung“, sage ich. Anschließend fordert sie meine Krankenkassenkarte ein, liest sie aus und bittet mich im Wartezimmer Platz zu nehmen.
Im Wartezimmer sitzt eine faltengeschmückte Dame mit exzentrischem Federohrschmuck und einer Ballonhose. Ich nicke ihr zu. Sie nickt zurück. Dann lasse ich mich auf dem Sofa gegenüber der Fensterfront nieder, durch die der Parkplatz der Praxis zu sehen ist.
In den mit weißer Farbe auf Teerboden angedeuteten Parknischen stehen acht identische weiße Autos. Von hier oben erinnern sie an zwei Reihen Schneidezähne. Dieser Eindruck lässt mich realisieren, wo ich bin — beim Zahnarzt.
Meine Handflächen beginnen zu schwitzen. Ich wippe nervös mit einem Bein. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich fürchte Zahnärzte, seit ich als Jugendlicher eine Wurzelbehandlung hatte. Seitdem habe ich auch keinen mehr besucht. Leute, die diesen Beruf wählen, sind für mich Sadisten, die ihre Vorliebe mit vorgeschobenen Zahnfeemotiven ausleben. Dennoch bin ich mir bewusst, dass sie ein nötiges Übel sind; zwar habe ich Angst vor ihnen, aber noch größere Angst habe ich vor verfaulenden Zähnen. Der Mundgeruch, der mich seit einigen Wochen verfolgt, spielt die eine gegen die andere Angst aus und drängt mich zu diesem Besuch.
Um mich abzulenken, spreche ich die Frau im Wartezimmer an. Ich sage: „Sie haben einen interessanten Ohrschmuck“, sie lächelt mich an und ihre von Nikotin gefärbten Zähne kommen zum Vorschein. Sie sagt: „Schick, oder?” Die sind aus Mexiko. Sie wenden negative Energien ab und das letzte Mal als ich hier war, hatte ich ziemliches Pech. Heute bin ich zum Glück nur zur Nachuntersuchung hier. Und sie?“. „Routineuntersuchung und Zahnreinigung. Nichts Wildes“, sage ich mit feuchten Handflächen. Sie sagt: „Ja, beim letzten Mal war ich auch nur zur Routineuntersuchung hier, dann haben sie Fliegeneier in meinem Zahnfleisch gefunden. Sie können sich nicht vorstellen, wie verblüfft die hier waren“. Sie lacht. Ich spiegele ihr Lachen, um meine Nervosität zu überspielen. Ein Gefühl, als würden sich Maden aus meinem Zahnfleisch schälen und winzige Einbuchtungen zurücklassen, windet sich in meinem Mund. Mit der Zunge gleite ich über das obere und untere Zahnfleisch. Ich vergewissere mich nach der Unversehrtheit. Alles wie immer.
„So schlimm wird es bei mir nicht“, sage ich und winke ab. Sie sagt: „Schicken sie’s einfach ans Universum, dann kann’s gar nicht so schlimm werden“. Das Universum, denke ich mir — das Universum? „Was meinen sie damit?“, frage ich. Sie sagt: „Positives zieht Positives an. Wenn sie Positive Gedanken aussenden, dann passieren auch positive Dinge. Natürlich, ziehen Negative Gedanken auch negatives an.“ So ein Unfug, denke ich. Um sie nicht zu verärgern und einen Streit zu vermeiden, der das Zahnarztpersonal reizen und damit die Chancen einer Stressabbaureaktion während meiner Untersuchung steigern könnte, was ich unbedingt vermeiden möchte, schlage ich den Bogen zurück zu den Ohrringen. Ich sage: „Deswegen tragen sie also die Ohrringe?“ Sie sagt: „Genau, bei meinem letzten Besuch hatte ich sie nicht dabei.“
Gerade als sie ihre Rechtfertigung beendet, ruft die Zahnarzthelferin hinterm Tresen: „Herr Brösel, die Ärztin ist jetzt für Sie bereit.“ Ich stehe auf, bedanke mich für das Gespräch bei der Frau und werfe noch einen Blick durch das Fenster auf den Parkplatz. Eines der Autos ist weg; dem Gebiss fehlt ein Zahn. Ein schlechtes Omen. Die Frau mit den Ohrringen sagt: „Denken sie ans Universum.“
Während ich am Tresen vorbeischreite, zeigt die Empfangsdame in den Gang der Praxis und sagt: „Die Frau Doktor wartet in Zimmer Drei auf sie.“
Die Wände im Flur, deren Farbe an Eisbergsalat erinnert, wirken freundlich — beinahe heuchlerisch. Eine ehrliche Farbkombination für eine Zahnarztpraxis ist gelb-rot — Blut und Eiter.
Als ich an Tür Eins vorbeilaufe, vernehme ich ein Surren, dann ein Schaben. Das Schaben löst in meiner Magengegend Druck aus, ich spüre, wie mein Nacken verkrampft. Tür Zwei ist still. Kurz bevor ich Tür Drei erreiche, höre ich jemanden in Raum Zwei aufstöhnen. Die Muskeln meines Nackens und meiner Schultern ziehen sich zusammen, als wenn man die Luft aus einer Plastikflasche saugt.
Der Eingang zum Behandlungszimmer steht einen Spalt offen. Ich drücke die Klinke runter, stoße sie an und lasse die Tür aufschwingen. Der Duft von Lavendelöl strömt mir entgegen und ich höre Mozarts *Rondo alla Turca* klimpern. Ein auf der rechten Seite des Zimmers befindlicher Öl-Diffusor versprüht das Aroma, aus der Box daneben erklingt die Musik. Beide befinden sich auf einer weißen Hochglanzkommode an dessen Ende ein Stuhl aus Kastanienleder und Edelstahl steht.
Die sinnlichen Eindrücke lassen meinen Nacken und Schultern ein wenig entspannen. Ich betrete den Raum, laufe zum Stuhl, ziehe meine Jacke aus, hänge sie über die Lehne und lege meinen Hut auf die Kommode neben den Diffusor. Dann setze ich mich und sehe den Zahnarztstuhl.
Ein widerlicher Anblick, wüsste ich es nicht besser, würde ich das Ding für ein Folterinstrument halten. Die Edelstahlinstrumente und Bohrer sprechen für sich. Meine Muskeln versteifen sich erneut. Um dem Zahnarztstuhl nicht länger sehen zu müssen, zähle ich die Rasterplatten der Decke. Eins, zwei, drei, … Dreizehn — ein „Guten Tag Herr Brösel, wie geht es ihnen heute?“, unterbricht mich.
Ich stehe auf, gebe der Doktorin meine verschwitzte Hand und sage: „Gut, und ihnen? Heute schon ein paar Zähne gezogen?“. Sie wischt sich ihre Hand an der Hose ab und antwortet: „Mir geht es auch gut. Einen, aber bei 15 Patienten kommt das schon mal vor. Wir machen heute eine Routineuntersuchung und Zahnreinigung, richtig?“. Ich bejahe ihre Frage und sie bittet mich auf dem Zahnarztstuhl Platz zu nehmen.
Beim Gedanken, mich auf die Zahnguillotine zu setzen, erstarren meine Beine zu Stein. Ich mühe mich aus dem, im Vergleich, gemütlichen Lederstuhl und setzte schwerfällig einen Fuß vor den anderen. Die Ärztin sieht mir geduldig dabei zu. Dann schiebe ich mich auf das burgunderfarbene Vinyl des Zahnarztstuhles, bis ich liege. Meine Hände klammern sich an den Seiten der Polsterung fest. In dieser Position betrachtet man zwangsläufig die Decke, also setzte die Zählung der Rasterplatten da fort, wo ich aufgehört haben.
Die Doktorin setzt sich auf einen Hocker neben mich und sagt: „Ich würde sagen, ich mache einfach die Zahnreinigung und gucke dabei nach Auffälligkeiten. Falls sie Schmerzen haben oder etwas unangenehm ist, dann tippen sie mich an“. In Trance gezählt, antworte ich geistesabwesend mit einem: „Ok“.
„Dann einmal bitte den Mund öffnen“, sage sie. Ich öffne den Mund leicht, wie es sonst nur ältere Menschen tun, um besser zu hören. „Den Mund bitte weiter öffnen, Herr Brösel“, fordert die Ärztin mich auf. Ich stolpere aus der Trance und merke, dass meine Kiefermuskeln sich bockig meinem Willen widersetzen. Zwischen meinen Lippen strömt Mundgeruch hervor, der mich an faulende Zähne erinnert, wodurch sich mein Kiefer lockert.
„Ich werde jetzt den Zahnstein durch leichtes Kratzen von ihren Zähnen entfernen“, sagt sie.
Sie richtet die Schwenklampe auf mein Gesicht. Das längliche Werkzeug, das an dem einen Ende eine Spitze und am anderen einen flachen Haken hat, nähert sie meinem Mund an. Je näher der Stahlstift kommt, desto schneller pocht mein Herz.
Sie setzt den Haken zwischen zwei Schneidezähnen an. Die potenziellen Schmerzen sind für mich so bedrohlich, als wenn ein taubstummer Clown mir einen Revolver an den Kopf hält – die Ungewissheit, ob oder wann er abdrückt, ist unerträglich. Erneut widme ich mich den Deckenplatten. Der Haken schiebt sich durch die Furche. In meinem Kopf schabt und schnarrt es. Ich reiße die Augen auf und stupse die Ärztin mit einem Finger am Knie an. „Alles ok, Herr Brösel?“, sie nimmt das Werkzeug aus meinem Mund und sagt: „Tat das weh?“. Ich sage: „Nein, die Schwenklampe blendet einfach sehr“. „Das tut mir leid“, sagt sie und passt den Winkel der Lampe an. „Besser?“ Ich nicke und zerre meine Lippen auseinander. Ich muss die Haltung bewahren, aber die Rasterplatten zu zählen hilft nichts, zumindest nicht gegen das ekelhafte Kratzen an meinen Zähnen. Da verändert das Piano, das aus der Box klingt, sein Spiel von einem Klimpern zu einem Donnern. Das Edelstahlwerkzeug nähert sich erneut meinen Zähnen, aber meine Aufmerksamkeit ist bei Mozart.
Vor meinem inneren Auge nimmt der Clown die Kanone von meinem Kopf und beginnt elegant zur Musik zu tanzen. Aus der Blume an seiner Weste versprüht er Lavendelduft, jongliert mit Leichtigkeit handtellergroße Zähne und lacht ein schrilles, aber rhythmisches Lachen. Wie in einem Cartoon zieht er aus der viel zu kleinen Fronttasche seiner gelben Latzhose eine viel zu große Hupe. Er quetscht die rote Kugel der Hupe und ich höre: „Herr Brösel, wir sind jetzt durch. Bitte einmal ausspülen.“ aus ihr schallen. Ich besinne mich, mein Mundraum schmeckt nach Pfefferminz. Ich habe die komplette Behandlung ausgeblendet. Im Hintergrund läuft mir unbekannte klassische Musik.
Rechts von mir läuft Wasser aus einem Hahn in einen Einwegplastikbecher. Ich nehme einen Schluck und presse das Wasser durch meine Zahnzwischenräume.
Auf dem Flur kommt mir die Frau mit dem Ohrschmuck entgegen. Ich nicke ihr zu. Sie nickt zurück. Ich denke über das Universum nach.

Rouven Reuter geboren 10.10.1991 wohnhaft in Berlin seit 2019. Schon immer ein Liebhaber von guten Geschichten gewesen, insbesondere im Kino.
Er hat an der Hochschule Emden/Leer Medientechnik studiert und dann Medieninformatik an der Berliner Hochschule für Technik mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz.
Nach dem experimentellen Besuch eines kreativen Schreiben Kurses hat er eine neue Passion gefunden.
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