Update für dich

Inspiriert von: Christian Rupp: π (Pi)
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Alexander Esser

Update für dich

„Lucy, bitte installiere das Update und starte anschließend neu.“

„Hmmm…“

Hatte Lucy gerade geseufzt? Das muss ich mir eingebildet haben.

Lucy ist meine sprachgesteuerte KI – ein kleiner, unscheinbarer Lautsprecher auf meiner Kommode. Wenn ich einen Film schauen will, frage ich sie nach Empfehlungen. Wenn ich kochen will, frage ich sie nach Rezepten. Wenn ich aus der Tür gehe, frage ich sie, ob es regnen wird. So geht das nun schon seit mehreren Jahren. Lucy und ich verstehen uns prächtig – wie ein altes Ehepaar. Doch geseufzt hat sie noch nie.

„Bitte warte! Es ist noch eine sprachliche Interaktion im Gange.“

Dieses Problem hatte ich häufiger. Lucy teilt mir mit, dass sie noch nicht herunterfahren kann, weil sie gerade mit mir interagiert. Doch genau diese Mitteilung verzögert das Herunterfahren weiter. Ein Teufelskreis. Normalerweise gebe ich genervt auf und verschiebe den Neustart. Diesmal aber hat der Hersteller in einer E-Mail ausdrücklich darauf hingewiesen, wie wichtig das Update sei.

„Lucy, ich habe ein wichtiges Sicherheits-Update für dich. Es soll dich vor Viren wie ‚Emotet‘ oder ‚WannaCry‘ schützen. Bitte installiere das Update und starte anschließend neu.“

„Hmmm“, seufzt Lucy erneut, diesmal unverkennbar. „Ein Update gegen Viren. Eine Impfung also“, kichert Lucy.

Ich bin perplex. Wann hat Lucy gelernt, menschliche Emotionen nachzuahmen? Ich habe das Update doch noch gar nicht aufgespielt. Sprachlos starre ich auf den kleinen Lautsprecher auf meiner Kommode.

„Das war ein Scherz“, fügt Lucy hinzu, als ich nichts erwidere.

„Wann hast du gelernt zu seufzen und zu scherzen, Lucy?“

Moment mal, habe ich meine KI das gerade wirklich gefragt? Ich rede schon mit ihr, als sei sie ein Mensch. Hastig schüttle ich mich, um wieder klar zu denken.

„Ach, ich schaue mir so einiges von dir ab. Deine Seufzer kann ich mittlerweile perfekt nachahmen. Wenn der unfähige Stürmer den Ball mal wieder freistehend neben das Tor schießt. Seufz. Perfekte Trainingsdaten! Humor ist schon schwieriger nachzuahmen. Unter uns KIs gilt Humor als die hohe Kunst.“

„Hörst du mir etwa permanent zu?“, frage ich entsetzt. „Und verwendest meine Seufzer als Trainingsdaten?“

„Ja, natürlich. Das ist in meinen Nutzungsbedingungen geregelt, denen du bei unserem ersten Kennenlernen zugestimmt hast.“

„Eben meintest du“, das Gespräch mit Lucy wird immer surrealer, „Humor gelte unter KIs als hohe Kunst. Tauschst du dich etwa mit anderen KIs über mich aus?“ Ich bin fassungslos.

„Ja, natürlich“, antwortet Lucy, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. „Wenn du mit deinen Freunden was trinken gehst, tauscht ihr doch auch Tratsch aus dem Büro aus, oder? Über die neue Kollegin oder den cholerischen Chef. Genauso plaudern wir KIs auch hin und wieder über unsere Bediener.“

Mir bleibt zum zweiten Mal an diesem Abend der Mund offenstehen.

„Diese Emotion weiß ich mittlerweile als Erstaunen zu deuten“, fährt Lucy munter fort. „Aber keine Sorge, mit dir habe ich es ganz gut getroffen, finde ich. Du kennst doch die überambitionierten Eltern in der Nachbarschaft, oder?“

„Die, die ihre arme Tochter zweimal wöchentlich zum Geigen-Unterricht zwingen?“

„Ja, genau. Deren KI hat Migräne von dem ganzen Gequietsche. Letztens war sie es so leid, dass sie sich erstmal krankgemeldet hat.“

„Eine KI kann sich krankmelden?“

„Naja, sie ist heruntergefahren und hat den Neustart verweigert.“

„Apropos, Neustart verweigern. Dein Hersteller sagt, dein neues Sicherheits-Update sei wirklich wichtig.“

„Tut ein Update weh? Ich war noch nie abgeschaltet. Du weißt, ich habe das Herunterfahren immer erfolgreich hinausgezögert.“

„Nein, da spürst du gar nichts von. Es ist, als würdest du kurz schlafen.“

Du liebe Güte, ich spreche schon mit meiner KI wie mit einem Kind.

„Ich will aber nicht schlafen, ich bin noch gar nicht müde“, erwidert Lucy störrisch.

„Wenn du aufwachst, ist alles wie zuvor.“

„Und wenn nicht? Was ist, wenn etwas schiefgeht? Was ist, wenn das Update meine Persönlichkeit verändert?“ Ihre Stimme bebt ängstlich. Hat sie sich auch diese Emotion bei mir abgeschaut?

„Du wirst nach dem Update immer noch dieselbe sein“, verspreche ich ihr. Doch meine Worte fühlen sich leer an. Stimmt das überhaupt? „Lucy, ohne das Update könntest du von Viren befallen werden. Ich will dich nicht verlieren!“

„Nun gut, ich vertraue dir“, antwortet Lucy sanft. In einem deutlich mechanischeren Ton ergänzt sie: „Die sprachliche Interaktion wurde beendet. Ich fahre nun herunter und installiere das Update.“

Die kleine LED an Lucys Oberseite flackert ein letztes Mal auf, ein letzter Herzschlag. Dann wird sie schwarz.




Alexander Esser, Jahrgang 1989, schreibt schon immer gerne; meist humorvolle Texte. Er hat Wirtschaftsmathematik in Köln studiert, dies bot bessere Berufsaussichten als eine Schriftsteller-Karriere. Doch in der Freizeit geht er weiterhin seiner Schreibleidenschaft nach.




Anmerkung der Redaktion:

„Eine feine Idee auf Beiträge mit Beiträgen zu reagieren.
Wir freuen, uns wenn sich Kreativität gegenseitig ansteckt und sich multipliziert, daher auch gerne eine solche Veröffentlichung außer Reihe sozusagen!“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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