Luisa-Maria Papadopoulos für #kkl49 „Ablenkung“
Das blaue Kleid
Mit jedem Nadelstich nähte Katharina eine Faser ihres Herzens in das blaue Kleid. Mit jeder Handbewegung schwand ein wenig von ihrer Kraft. Ein Tropfen Blutes floss in jedes der blauen Farbpigmente.
Die Mahner gingen in Katharinas Atelier ein und aus. Gib auf dich acht. Das blaue Kleid ist nicht alles. Denk an deine Familie und Freunde. Schone dein Leben. Du wirst dich zugrunde richten. Steck doch nicht alles in so ein dummes Kleid.
Das dumme Kleid war von ihrer Schwester gekommen. Katharina warf sie hinaus. Wie konnte sie denen, die nicht nähten, klarmachen, was es hieß, Kleider zu machen? Dummes Kleid… Kleider lebten. Und sie, Katharina, vermochte, dieses Leben zu sehen. Aber das verstanden die Mahner nicht. In dem blauen Kleid schlägt mein Herz. Die Nähte sind Adern, mein Blut fließt in ihnen.
Mark zwingt mich zum Essen. Du wirst noch verhungern, Liebling. Gehorsam schiebe ich eine Mahlzeit in mich hinein. Er weiß es nicht und ich bringe es nicht über mich, es ihm zu sagen. Das blaue Kleid ist mein Werk. Mein großes Werk. Mein Meisterwerk. Ich bereue, je Kraft in ein anderes Kleidungsstück gesteckt zu haben. Das wird von einem Schneider erwartet, aber ich bin keine Schneiderin mehr, ich bin eins mit dem Kleid, das Kleid ist ein Teil von mir.
Alle Teile des Kleides sind vorbereitet, heute nähe ich sie zusammen. Die Prozession der Mahner zieht durch mein Atelier. Gib auf dich acht. Das blaue Kleid ist nicht alles. Denk an deine Familie und Freunde. Schone dein Leben. Du wirst dich zugrunde richten.
Das Kleid nimmt Gestalt an. Die Nähte sind Adern, mein Blut fließt in ihnen. Mark zwingt mich zum Schlafen. Du musst dich ausruhen, Liebling. Und ich gehorche, kann ihm noch immer nicht sagen, was geschehen wird. Was geschehen muss, was unausweichlich ist. Er ist kein Schneider, er würde es nicht verstehen.
Heute werde ich die Stickereien beginnen. Die Prozession der Mahner zieh durch mein Atelier. Gib auf dich acht. Das blaue Kleid ist nicht alles. Denk an deine Familie und Freunde. Schone dein Leben.
Die Stickereien gedeihen, über Wochen. Elli und Lukas versuchen, in mein Atelier einzudringen. Wir wollen Mama zurück! Aber Mama arbeitet an dem blauen Kleid. Es gibt nur noch das blaue Kleid. Die Stickereien sind mein Herzblut. Mein Herz schlägt in diesem Kleid. Die Nähte sind Adern, mein Blut fließt darin.
Ich besticke das Kleid mit Metall. Filigrane Arbeit. Kaum ein Schneider traut sich je an so etwas, aus Furcht, es werde ihn seine letzte Kraft kosten. Ich habe keine Furcht. Meine letzten Kräfte gehören dem blauen Kleid. Gib auf dich acht. Das blaue Kleid ist nicht alles. Denk an deine Familie und Freunde. Sie verstehen mich alle nicht. Ich bin das blaue Kleid, das blaue Kleid bin ich. Der Stoff atmet, er ist meine zweite Lunge, bald wird er meine einzige sein. Ich richte mich nicht zugrunde, ich erlange Unsterblichkeit.
Liebling, gib auf dich acht! Denk an unsere Kinder! Mama, bitte stirb nicht! Aber Kinder, ich sterbe doch nicht. Ich werde unsterblich.
Liebling, ein Kleid lebt nur so lange wie der Schneider. Du mühst dich umsonst. Du vergeudest dein Herzblut. Lass mich in Ruhe, Mann! Mama, bitte, lass uns nicht allein. Allein? Ich hinterlasse doch das blaue Kleid.
Heute muss das Kleid fertig werden. Noch habe ich die Kraft. Gerade noch. Meine letzte Herzfaser, mein letzter Tropfen Blut, mein letzter Atemzug muss noch in das blaue Kleid gegossen werden. Der letzte Nadelstich, der letzte Knoten. Den letzten Faden abschneiden. Als Mark das Atelier betrat, lag Katharina tot über ihrem Arbeitstisch, das Gesicht auf dem blauen Kleid.
Wir sollten sie in dem blauem Kleid begraben. Nein! Sie wollte, dass es sie unsterblich macht. Wir heben es auf. Es wird bald sterben. Ein Kleid überlebt seinen Schneider nicht. Es ist mir egal. Stellt es ins Museum. Es wird Katharina überleben.
Blaues Kleid. Letztes Werk der Schneiderin Katharina Niederauer. Es war mit reichthaltigen Stickereien verziert. Unter den erhaltenen Stickereien befinden sich auch solche aus Metall. Metallstickerei ist eine äußerst aufwendige Arbeit und dürfte zum Tod der Schneiderin beigetragen haben. Das Kleid wurde nach ihrem Tod auf Wunsch der Familie ins Kimbelaner Museum verbracht. Besitzer der Überreste ist bis heute die Familie Niederauer.
Luisa-Maria Papadopoulos wurde in Worms geboren. Heute studiert sie Theologie in Eichstätt, wobei sie sich nebenher dem Schreiben widmet. Sie ist die Autorin von „Das Picknick“ in „Von Zeit zu Zeit tröpfelt das Glück in mein Leben – 7. Vechtaer Jugendliteraturpreis“.
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