Ergriffen

Anna Stiny für #kkl50 „Hingabe“





Ergriffen

Die Schnelligkeit verschlingt
Was in der Langsamkeit Entfaltung fände
Wo begegnet man noch dem
Der sich ergriffen fühlen kann
Vom unbeschreiblich Ganzen
Was zu erahnen, aber nicht zu greifen ist
Sich entfaltet im zugewandten Blick
Wuchtige und zarte Klänge
Durchdringen kaum leblose Maschinen
Sie beseelen den Menschen
Wenn er Zugang findet und sich beseelen lässt
Wo begegnet man ihm
Er ist rar geworden
Meidet die Stille
Hastet voran
Denkt damit ist das Leben getan
Der Zugang zum Jetzt bleibt ihm verwehrt
Und schon bald ist sein Leben verjährt





Geborgen 

Der Frost kriecht in die Glieder
Dem Menschen und dem Tier
Gespannt sind Mund und Augen
Der Nebel liegt schweigend über mir
So wandere ich seit einer Ewigkeit
Die Vergangenheit im Gepäck
Sie wird bleiben und erst mit mir vergehen
Bis dahin laufen wir gemeinsam
Über Wiesen und Felder
Die eingehüllt vom weißen Mantel
Träumend vor mir ruh’n
Ich träume auch
Von dem was war
Was mir genommen
Was nie wieder wird kommen
Und doch ist es geborgen
Ich trag’ es nicht nur als Gepäck
Als Traurigkeit und Unbehagen
Das Damals und das Gestern
Es geht mir nicht verloren




Momentum 

Ich weiche nicht aus
Und doch fürchte ich
Sie wird bleiben
Mich einhüllen wie ein Mantel
Der beschwert und doch schützt
Das Gute und das Wahre hier
Und dort das undurchdringlich Herbe
Auch die Äste der Tannen sind vom langen Tag gebeugt
Stehen in schwarzer Gestalt
Kryptisch vor den Toren des Himmels
Der Nebel verschleiert den Blick
Schürt die Sehnsucht
Wird gebrochen
Durch die Gewissheit
Dass nichts ist
Wie es war
Und nichts mehr wird
Wie es soll




Hingabe

Lauscht dem Sein
Haltet doch endlich inne
Und öffnet eure Sinne
Nehmt Abstand von euch
Und macht es den Tieren gleich
Fügt euch ein in die Natur
Hinterlasst eine würdevolle Spur
Seid doch mal sprachlos
Staunend hier
Lasst hinter euch Habsucht und Gier
All das Gehetze und Geschrei
Als wär’ das Leben nie vorbei
Kommt doch zur Ruhe und seht euch an
Was ihr mit Allmachtsfantasien getan
Geackert gekämpft und sinnlos gerannt
Habt euch dabei die Seelen verbrannt
Lauscht dieser Erde
Ihrem besonderen Klang
Den man allein in der Stille hören kann
 




Versöhnung           
                               
Die Flamme der Kerze steht still
Doch ein Ausatmen reicht
Zittern
Unruhe
Wut und Zorn
Als wäre all das in der Flamme gebor’n
Und gerade eben war es doch so still
So friedlich in diesem kleinen Raum
Im stürmischen großen Unbehagen
Zwischen Kriegen und Gewalt
Machtgier und Ignoranz
Noch ist Herbst
Das Laub zeigt seinen letzten Tanz
Es fliegt von den kargen Ästen herab
Bleibt liegen und hält still
Währenddessen verliert der Mensch
Sein Menschsein
Wütet und fegt über die Erde hinweg
Als wäre alles nichts
Und ein Nichts möglich
Noch bleibt die Flamme uns erhalten
Doch auch sie wird eines Tages erkalten
Wenn das Menschsein uns verlässt 
Und wir ihm nicht die Treue halten




Anna Stiny wurde 1987 in Zeitz geboren und ist in Leipzig aufgewachsen.
Sie stammt aus einer Musikerfamilie und begann früh mit dem Klavier-, Ballett und Gesangsunterricht. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig Gesang und schloss es mit Diplom ab. Im Anschluss an ihr Studium absolvierte sie eine Ausbildung zur Musiktherapeutin.
Anna Stiny lebte in Kiel, Schwerin und Weimar.
Seit vielen Jahren schreibt sie Gedichte, Chansons, Kurzgeschichten und gibt musikalische Lesungen.
Seit 2022 lebt sie wieder in Leipzig und arbeitet als Musikpädagogin, Autorin und Sängerin.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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