Neun Leben

Elsa Wild für #kkl50 „Hingabe“




Neun Leben

Die Erinnerung stellte sich bruchstückhaft ein. Lichter, aus dem Nichts aufgetaucht, hatten sie erfasst. Vom grellen Scheinwer­fer­kegel plötzlich geblendet verlor sie die Orientierung, erstarrte eine Sekunde. Eine Sekunde, die ihr zum Verhängnis wurde. Das Geräusch blockierender Reifen auf Asphalt, unmittelbar danach grausiges Knirschen und Krachen, das die sanfte Stille der Nacht aufs Grässlichste durchbrach. Während eine stolze Fichte unter dem Aufprall eines vierrädrigen Blechungetüms ächzte, wirbelte ihr eigener kleiner Körper haltlos durch die Luft und ihr schwanden die Sinne. Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch als sie die Lider mühevoll öffnete, sich das verschwommene Bild klärte, sah sie direkt in die Augen eines Menschen. Genau genommen in die braungrünen eines Mädchens, das unmittelbar neben ihr auf samtigem Sternenmoos lag, aus zahlreichen Wunden blutend, so wie sie selbst. Dann wieder Schwärze. Durchdringendes Heulen einer Sirene riss sie aus dem schwerelosen, schmerzfreien Nichts, in das sich ihr Geist geflüchtet hatte, zurück in die grausame Wirklichkeit. Ein Fahrzeug war eingetroffen, dessen blinkende Warnleuchte das Waldstück mit flackerndem Blau in mystisches Licht tauchte. Mit äußerster Vorsicht hievte man die junge Frau auf eine Bahre und trug sie davon. Hohe Bäume wiegten sich flüsternd im Nachtwind, verschmolzen mit dem sternenlosen Firmament, als der Rettungswagen mit Getöse stadtwärts raste, sie am feuchten Boden liegend zurückließ. Der Geruch von harzigen Nadeln vermischte sich mit dem von Eisen. Sie verlor ziemlich viel Blut und abermals die Besinnung.

Dann – irgendetwas hatte sich verändert. Jemand musste sie während ihrer Ohnmacht aufgelesen haben, denn sie fand sich gebettet auf einer weichen Decke. Prasselndes Kaminfeuer wärmte ihre eiskalten Knochen, trocknete das rote Fell mit den weißen Flecken, dessen verklumpte Haarbüschel sie bis unter die Haut juckten. Der Duft süßherber Kräuter hing in der Luft, lullte ein, machte sie benommen. Halb mit dem Rücken zu ihr, hantierte eine Gestalt mit Vehemenz und überdimensioniertem Löffel in einem irdenen Gefäß, unverständliche Worte vor sich hin brummelnd.

„Du bist wach, das ist gut!“ Die Fremde unterbrach ihr Murmeln, wandte sich ihr zu. „Du kannst von Glück reden. Der Nachtwind rüttelte an meiner Tür, ließ nicht locker, hat mich zu dir geführt.“ Spröde und knarrig klang die Stimme, sie wurde wohl nicht oft genutzt.

Trotz ihrer Verletzungen ließ Ginger der Fluchtinstinkt aufspringen. Ein Stich durchfuhr sie vom Kopf bis zur Schwanzspitze, nahm ihr den Atem, machte jede Bewegung unmöglich. Die Alte stand plötzlich neben dem Sofa, mit dem Töpfchen in der Hand. Bestialischer Gestank quoll daraus hervor und verursachte einen Niesanfall. Ihr Körper drohte vor Schmerz zu explodieren. Behutsam strich die Unbekannte die angerührte Paste auf ihre zahlreichen Wunden, während heiseres Flüstern das rastlose Gemüt beschwichtigte.

Waren es Worte der Magie, war es eine Zaubersalbe, ein Wunder? Wer weiß es? Jedenfalls fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Wieder bei Sinnen besserte sich ihr Zustand von Tag zu Tag, bis sie tatsächlich behände von der Couch auf den Boden springen konnte, frei von jeglichen Schmerzen. Endlich war es Ginger wieder möglich, ihr Fell selbst zu pflegen. Sorgsam glättete sie mit ihrer rauen Zunge Haarbüschel für Haarbüschel, leckte ihre Pfoten ab und widmete sich sodann den Ohren. Diese Ohren waren es auch, die die Botschaft als erstes vernahmen.

„Du weißt, es ist dein letztes Leben!“

Woher wusste die rätselhafte Heilerin um ihre Geheimnisse? Trotz allergrößter Vorsicht waren tatsächlich bereits acht von neun Leben aufgebraucht. Katzen lebten oft auf gefährlichem Fuß.

„Nun musst du dich entscheiden!“

Mit diesen Worten, begleitet von einer leichten Geste der linken Hand, wurde auf den grobbehauenen Bohlen der Wand ein Bild sichtbar. Es zeigte ein Zimmer gänzlich in Weiß. In der Mitte ein Bett aus Metall und darin …

„Ja, es ist die junge Frau aus dem Wald. Sie saß auf dem Beifahrersitz. Hat ihrer besten Freundin vertraut. Die war stockbetrunken!“

Diese vier Sätze wurden der Katze vor die Beine geschleudert. So wütend hatte Ginger ihre Retterin noch nie erlebt. Sie dachte an den Blick der Schwerverletzten, als sie nebeneinander auf dem Moos­teppich lagen. Er hatte sich in ihr Katzenherz eingebrannt und dieser kurze Moment reichte aus, um zwei Schicksale miteinander zu verweben.

„Nur du kannst sie retten.“

Wie soll das gehen?“ Ginger saß kerzengerade auf dem Stuhl. Sie ahnte, die Antwort würde ihr nicht gefallen. So kam es dann auch.

„Eure Seelen sind bereits verschmolzen. Nun sollten die Körper folgen.“

Ginger fühlte sich äußerst unbehaglich. Ihr Inneres verknotete sich zu einem steinharten Knäuel.

„Ohne dich hat sie keine Chance. Sie wird weiterhin an der Beatmungsmaschine angeschlossen bleiben … und das Ende naht!“

„Dafür hast du mich also gerettet?“ Etwas in ihr zerbrach in tausend Stücke.

„Nein, natürlich nicht!“ Eine warme Hand strich zärtlich über ihr rotweißes Fell und sie entspannte sich ein klein wenig. „Ich hätte versucht, auch sie zu retten, doch sie war bereits weg.“

Und so kam es, dass sich die beiden eine Stunde vor Mitternacht auf den Weg aus dem Wald machten. Ginger zögerte kurz, als sie sah, welches Vehikel am Waldesrand auf sie wartete. Hatte sie nicht ein ähnliches Ungetüm angefahren?

„Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Die Zeit drängt!“ Damit klopfte die Heilerin auf den Beifahrersitz. Ginger fand Platz auf der Fußmatte, rollte sich ein und schloss ganz fest die Augen. So überstand sie mit flatternden Nerven die Fahrt.

„Wie willst du in Julias Zimmer kommen?“

Zwischenzeitlich kannte Ginger den Namen des Mädchens, das ohne sie anscheinend verloren war.  

Ihre Begleiterin lächelte. „Lass dich überraschen!“

Das Krankenhaus lag größtenteils im Dunkeln. Einzig das gedämpfte Licht der Gangbeleuchtungen schimmerte durch die blanken Fensterscheiben nach außen. Beladen mit einem geflochtenen Korb klopfte eine ältere Dame rhythmisch an die verschlossene Glastür, die sich daraufhin auftat. Als läge ein Unsichtbarkeitszauber über ihr, trat sie, verborgen vor den Augen des Nachtdienstes in den Lift, schritt die langen, leeren Gänge entlang und stand schlussendlich vor Julias Bett.

Ginger hatte während des Abenteuers in ihrem Transportmittel still ausgeharrt, sprang dagegen jetzt schleunigst aus dem widerwillig geduldeten Behältnis.

Blasebalgartiges Rauschen empfing sie, genauso wie flackernde, leuchtende Linien auf einem Monitor. In unmittelbarer Nähe des Bettes stand ein Monstrum von Maschine, aus der mehrere verschiedenfärbige Schläuche wuchsen, wovon zwei zu Julia führten.

„Es ist das Beatmungsgerät, das diesen Lärm verursacht … und Julia am Leben hält.“ Mit diesen Worten hob die Alte aus dem Wald Ginger hoch und setzte sie zu Julia auf das Bett.

„Bist du bereit?“

Ginger war nicht bereit. Wie sollte man auch dafür bereit sein, willentlich sein letztes Leben zu opfern? Sie lag auf dem Brustkorb des Mädchens, der sich unter ihrem Gewicht hob und senkte, fühlte ein Herz, weit entfernt und schwach schlagen.

„Wird es weh tun?“

„Du wirst nichts spüren. Das verspreche ich dir.“

Was wird mit mir passieren? Mit meinem Körper?“  

Fragen, die Ginger bereits während der Fahrt stellen wollte, jedoch keinen Raum gefunden hatten, in ihrem eisernen Bemühen, nicht hysterisch aus dem Wagen zu springen.

„Ich werde dich in Ehren halten, auf ewig!“ Der Schwur einer Waldhexe. Darauf konnte man sich verlassen.

Ginger drückte ihren Kopf gegen die warme Hand, die auf ihm ruhte. Ihr Herz raste und sie hatte fürchterliche Angst. Nicht einmal das eigene laute Schnurren konnte sie besänftigen. 

„Ich bin bereit.“ Oder vielleicht doch nicht?

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gedacht zerflossen die Konturen des Zimmers. In alle Richtungen dehnte sich der Raum aus, dunstiger Nebel wallte hoch, funkelnde Körnchen wirbelten rundum, hüllten sie ein. Ihr wurde schwindelig.

Die Silhouette der Stadt leuchtete noch einmal rotgolden auf, bevor sie eins wurde mit dem aufziehenden Grau der Nacht.

Ginger seufzte innerlich. Julia saß gerne hier und betrachtete die Welt aus sicherer Entfernung vom zehnten Stock ihres Wohnblocks. Ärzte und Familie bezeichneten es als Wunder. Mit einem Male hatte die junge Frau die Augen aufgeschlagen und war aus dem Koma erwacht. Auch wenn sie zurzeit noch im Rollstuhl saß, es bestand Hoffnung und die Welt erstrahlte wieder in bunten Farben, zumindest für Julias Eltern.

Ginger sah das anders. Ihre zwei Seelen war untrennbar miteinander verbunden, ein Herz schlug für sie beide. Ginger wusste, sie hatte Julia das Leben gerettet, doch aus dem Rollstuhl würde sich das Mädchen nicht mehr erheben. Nicht so ohne weiteres.

Ein Lächeln huschte über ihrer beider Gesichter. Julia kniff die Augen zu, bis auf einen klitzekleinen Spalt, durch den spähte sie hindurch. Die Schemen der Häuser verschmolzen mit dem matten Schein der Straßenlaternen, sanftes Glühen breitete sich aus, und Ginger übernahm die Führung. Julia sprang hoch, raste zur Tür hinaus, flog fast über die Treppen vom zehnten Stock bis ganz nach unten, so schnell rannte sie. Ginger geleitete sie zum nahegelegenen Stadtpark. Den liebten sie in der Zwischenzeit. Sie stoben durch vom Abendtau benetzte Wiesen, schnupperten an duftenden, prallgefüllten Rosen, jagten ein paar Nachtfaltern hinterher, schlugen Purzelbäume unter mächtigen Eichen und machten letztendlich Rast auf einem der einladenden Holz­bänkchen. Schweratmend kamen sie zur Ruhe.

„Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?“

Als wären sie eins, blickten beide gleichzeitig in die Richtung, aus der die flüsternde Stimme kam. Die Heilerin aus dem Wald hatte neben Julia Platz genommen.

„Es ist anders.“    

„Bereust du deine Entscheidung?“

Ginger überlegte kurz. Sehr kurz.

Nein. Ich kann Träume erfüllen.“ Eine Weile blieb es still. „Und ich bin noch da … irgendwie“, fügte Ginger abschließend hinzu.

Mit einer hauchzarten Bewegung strich die Alte Julia über den Kopf. Ginger spürte es bis unter die Haut. Ihr wurde leicht schwindelig.

Die nächtliche Besucherin lächelte. „Lass dich überraschen!“

Gedankenverloren vergrub sich die Hand des Mädchens in rotweißes Fell. Julia saß wie so oft im Wohnzimmer vor den bodentiefen Fenstern und blickte in die Ferne. Dorthin, wo sie am Horizont das Grün des Stadtparks erahnte. Das vibrierende Schnurren der kleinen Katze auf dem Schoß beruhigte die junge Frau bis tief ins Innerste. Plötzlich war es auf dem Balkon gestanden, hatte an der großen, gläsernen Tür gekratzt. Ein flauschiges, winziges Katzenbaby. Kein Mensch wusste, wie es dorthin gekommen war, doch Julia war wild entschlossen, das weiche Fellbündel zu behalten. Es gab auch niemanden, der ihr den Wunsch verwehren wollte.

Ginger, so hatte das Mädchen den Neuankömmling getauft, rollte sich behaglich zusammen. Sie schnurrte, wie es nur Katzen eigen ist, und ihre Träume verwoben sich auf wundersame Art und Weise.




Foto: Klaus Zeugner, IKG

Elsa Wild

  1. März 1960
    Autorin
    Spezialistin für Change-Management
    Strukturierte Träumerin und fantastische Realistin
    Mutter von sechs Kindern

Gildenmeisterin in der  Innviertler Künstlergilde

Mitglied im Phantastik-Autoren-Netzwerk

Mitglied bei RMIA https://www.romane-made-in-austria.at/

Gründerin von Quint.Essenz

Website: www.herzstein-saga.at  

Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=t982uSt_L8Q&feature=youtu.be  

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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