Dorothea Schug für #kkl50 „Hingabe“
Versprechen für immer
Sie sitzt auf dem Sofa und studiert das Chaos um sich herum. Wo soll sie nur anfangen? Bei dem Wäscheberg, der sortiert, dann gewaschen, dann getrocknet, dann gefaltet und dann anschließend in die Kleiderschränke einsortiert werden muss? Oder bei dem Geschirrberg in der Spüle, der sich seit Tagen immer größer wird? Sowohl die Kinder als auch ihr Mann stapeln die dreckigen Teller, Gläser, Schüsseln, Messer und Gabeln in einer fast kunstvollen Weise aufeinander, ohne auch nur einmal auf die Idee gekommen zu sein, den Schwamm, der direkt daneben liegt, in die Hand zu nehmen. Sie betrachtet die Pflanzen, die langsam, aber sicher die Köpfe hängenlassen, weil sie schon seit einem Jahr nicht mehr umgetopft wurden. Sie freut sich, wenn sie dazu kommt zu gießen, vom Düngern ganz zu schweigen. Auf dem Küchentisch stapeln sich außerdem die ungeöffneten Briefe, das meiste davon Mahnungen und zu bezahlende Rechnungen. War das nicht eigentlich mal der Job ihres Mannes gewesen, sich darum zu kümmern? Seit er vor ein paar Monaten den neuen Job angefangen hat, kommt er zu Hause zu gar nichts mehr. Die Wochenenden werden für die Kinder geopfert, die er sowieso wegen den langen Arbeitszeiten zu selten sieht und nicht für Gartenarbeiten oder bürokratische Angelegenheiten, von denen sie leider keine Ahnung hat.
Sie bleibt bewegungslos auf dem Sofa sitzen. Sie hat noch eine halbe Stunde, bevor sie die Kinder von der Schule abholen muss. Es wäre noch genug Zeit, die Waschmaschine anzustellen, die Pflanzen zu gießen und eine Spülmaschinenladung auszuräumen. Und doch sitzt sie nur da und macht gar nichts, außer sich dafür zu schämen, dass sie nichts tut. Sie versucht sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas nur für sich getan hat. Ein Buch lesen, allein zum Friseur gehen oder ein Bad nehmen. Es muss Monate her sein, in ihrer Erinnerung ist es verblasst. Ihr Mann hat das wöchentliche Tennistraining und den Kochkurs, den er einmal im Monat mit seinem besten Freund besucht. Freunde hat sie schon lange keine mehr, außer natürlich die anderen Ehepaare mit Kindern, mit denen man sich regelmäßig zu Spieleabenden oder gemeinsamen Abendessen verabredet. Mit niemandem davon würde sie sich allein auf einen Kaffee treffen. Wie sehr fehlt ihr die Interaktion mit anderen Erwachsenen bei der nicht über Schulnoten, Kinderkrankheiten oder Lebensmittelallergien geredet wird. Früher hatte sie viele Freundinnen gehabt. Sie waren tanzen gegangen, sie hatte geraucht und sie war jeden Tag im Café verabredet gewesen. Sie war spontan und lebensfreudig gewesen und hatte so viel Energie gehabt.
Jetzt sitzt sie auf dem Sofa und starrt in den Wäscheberg hinein. Sie schaut auf die große Wanduhr, die ihr Mann ihr vor ein paar Jahren zum Hochzeitstag geschenkt hatte. Noch 20 Minuten, dann müsste sie los, um die Kinder zu holen. Was wäre, wenn sie einfach hier sitzen bleiben würde? Was würde passieren? Das Sekretariat würde versuchen, sie zu erreichen. Danach würde man versuchen, ihren Mann zu erreichen. Mit viel Glück würde er rangehen, wenn er nicht in irgendeinem unglaublich wichtigen Meeting sitzen würde. Vielleicht würde ihn ein Mitarbeiter aus dem Meeting holen, wenn es um die Kinder geht. Dann würde ihr Mann versuchen, sie zu erreichen, und wenn das nicht gelingen würde, würde er einen großen Seufzer loslassen. Dann würde er genervt in die Schule fahren und die Kinder holen und zu Hause absetzen. Da würde er sie finden, auf dem Sofa, auf dem sie seit Stunden sitzen würde, und vor ihr der große Wäscheberg der immer größer zu werden schien.
Erneut der Blick zur Uhr. Noch zehn Minuten. Wie konnte es so weit kommen? Wann hatte sie den Vertrag hierfür unterschrieben? Wann hatte sie das Versprechen gegeben, ihr altes Leben für dieses zu opfern? Ihr Leben drei anderen Personen zu widmen und nicht mehr für sich selbst zu leben. Sie liebte alle drei aus tiefstem Herzen und doch verstand sie in diesem Moment nicht, wie sie hier gelandet war. Das Ticken der Uhr wurde mit jeder Sekunde, die verging, immer lauter. Sie konnte ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören. Ihr Blick wechselte zwischen der Wanduhr und dem Wäscheberg hin und her. Eine kalte Träne lief ihr übers heiße Gesicht.
Noch eine Minute. Sie sammelte ihre letzten Kräfte und erhob sich vom Sofa. Sie schlurfte zum Küchentresen, nahm sich den Autoschlüssel aus der blauen Glasschale, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verließ das Haus.
„Dorothea Schug, geboren 1998 in Bayern, studierte Geschichte und Deutsche Sprache und Literatur in Bamberg und Köln. Derzeit absolviert sie ihren Master in Gender & Queer Studies. Ihr Schwerpunkt liegt auf Kurzgeschichten mit aktuellem Zeitbezug und persönlichen Reflexionen.“
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