Eduard G. Schlaffer für #kkl50 „Hingabe“
Der Klang der Hingabe
Die ersten Töne des Cellos schnitten durch die Stille, kaum hörbar zunächst, wie ein sanfter Atemzug. Ein Ton, der sich in den Raum legte, ihn durchzog, bis er nicht mehr nur Klang war, sondern Präsenz – eine leise, zitternde Frage an die Dunkelheit hinter den Scheinwerfern.
Sie stand dort, an den Rand der Bühne gedrängt, ihr Instrument in den Händen, das so vertraut war, als wäre es ein Teil ihres Körpers. Ihre Fingerkuppen lagen auf den Saiten und vibrierten noch bevor der erste richtige Ton erklang.
„Heute spielst du für dich“, hatte er gesagt.
Sie hatte ihn nur angeschaut. Ein kurzes Lächeln, mehr ein Zucken der Mundwinkel. Was bedeutete das schon? War Musik nicht immer für jemanden?
Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie einen Bogen in der Hand gehalten hatte. Der Klang war rau gewesen, ungeschliffen, eine seltsame Mischung aus Wagnis und Scheitern. Ihr Lehrer hatte sich damals zu ihr gebeugt, seine Stimme war ruhig gewesen, beinahe beiläufig:
„Nicht üben, sondern hören. Die Musik ist nicht in deinen Fingern. Sie ist überall. Du musst sie nur freilassen.“
Es hatte Jahre gedauert, bis sie verstand, was er meinte.
Jetzt, auf der Bühne, war es dieser Gedanke, an den sie sich klammerte. Sie schloss die Augen, hob den Bogen, ließ ihn langsam auf die Saite sinken. Ein Ton, dunkel und warm, breitete sich aus, schwoll an, bis er den ganzen Raum füllte.
Das erste Stück war für ihn. Für den Mann mit den aufmerksamen Augen, die mehr von ihr wussten als sie selbst. Für die Geduld, mit der er ihre Unsicherheiten geglättet hatte, für die unerbittliche Liebe zur Perfektion. Für die Art, wie er den Kopf neigte, wenn sie zögerte – nicht tadelnd, sondern auffordernd, als wäre es ein stilles Versprechen – und eine leise Aufforderung: Noch einmal. Diesmal richtig.
Sie wusste, dass er dort saß, in den Reihen des Publikums, vielleicht mit geschlossenen Augen, vielleicht mit diesem leichten Lächeln, das er sich selbst nicht eingestand.
Die zweite Melodie gehörte ihrer Mutter. Ihrer Mutter, die niemals ein Instrument berührt hatte, aber Musik in allem fand – im leisen Klappern der Tassen am Morgen, im Knirschen der Schritte auf dem Pflaster, im fernen Rauschen des Baches.
„Hör genau hin“, hatte sie immer gesagt. „Das Leben macht Musik, du musst sie nur erkennen.“
Und sie hatte es erkannt.
Im ersten Tropfen Kaffee, der in die Kanne floss und das leise Murmeln eines neuen Morgens einleitete. In der Art, wie der Holzlöffel gegen die Tassenränder klopfte, wenn sie Milch einrührte – ein winziges, zärtliches Metronom, das die Zeit in kleine, kostbare Momente zerlegte. In dem ungleichmäßigen Klappern von Schuhen auf den alten Holzdielen, wenn sie am frühen Abend durchs Haus eilte. Aber es war mehr als das.
Ihre Mutter hörte nicht nur Musik, sie webte sie in das Leben hinein. Wenn sie ihr mit Mehl bestäubten Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, war es die sanfte Geste, die mit einer leisen, fast unhörbaren Melodie aus Atem und Bewegung verschmolz. Wenn sie eine Zitrone über die Reibe zog, war es nicht nur ein Geräusch – es war ein Rhythmus, ein leichtes, rasselndes Streichen, gefolgt von dem frischen, spritzigen Duft, der die Luft durchflutete.
Die Töne strömten weiter, weicher jetzt, als würde das Cello eine Geschichte erzählen. Eine alte, vertraute Geschichte, voller Erinnerungen an Küchentische und warme Hände, an den Duft von Zitronenschalen und die flüchtige Berührung von Haaren im Wind.
Und dann kam das letzte Stück. Das schwerste. Nicht für ihn, nicht für sie, sondern für niemanden. Oder für alle. Oder einfach nur um des Klanges Willen.
Es begann leise, fast schüchtern, wie ein Gespräch, das erst Vertrauen fassen musste. Ein Ton, zaghaft und suchend, so fein, dass er kaum die Luft bewegte. Er zitterte für einen Moment, als würde er überlegen, ob er bleiben durfte, ob er wirklich existieren sollte – und dann entschied er sich dafür.
Er wuchs. Langsam. Fast unmerklich. Wie ein Tropfen, der von einem Blatt fällt und sich in einem dunklen Teich ausbreitet, sanft, aber unausweichlich. Ein zweiter Ton folgte, dann ein dritter, und mit ihnen kam eine Ahnung von Tiefe, eine Spur von Unruhe, ein Schatten im Licht.
Dann der Wechsel – ein dunklerer Klang, tief und voll, als hätte die Erde selbst mitgesprochen.
Etwas in der Musik öffnete sich, zog in die Tiefe, nahm Raum. Ein Hauch von Schmerz lag darin, nicht laut, nicht aufdringlich, sondern ein leises Ziehen, eine unbestimmte Sehnsucht, die nicht an Orte, sondern an Gefühle gebunden war.
Der Bogen strich über die Saiten, die Vibration wurde stärker, verdichtete sich, schien unter den Fingerspitzen fast zu beben. Der Saal war still, eine gespannte, atemlose Erwartung lag in der Luft, wie kurz vor einem Sturm, wenn der Wind innehält, als würde die Welt für einen Moment den Atem anhalten.
Es gab diesen Moment, diesen einen Moment, den sie kannte. Den Moment, in dem alles verschwand. Kein Publikum mehr. Keine Angst. Kein Gedanke an Fehler. Nur ein einziger, reiner Ton. Er stand für sich, schwerelos und vollkommen, unberührt von Zeit und Raum. Er war nicht ihr Ton, nicht einmal der des Cellos – er war einfach da.
Und sie wusste: Das war Hingabe. Es war kein Wollen mehr. Kein Bemühen. Kein Erzwingen. Es war einfach nur Sein.
Der Klang war das Herz, das schlug. Der Klang war die Stille, die folgte. Der Klang war sie – und sie war nichts mehr außer diesem einen Moment.
Ihr Körper war noch da, aber ihr Geist hatte sich aufgelöst, aufgesogen in die Musik. Jeder Bogenstrich war eine Bewegung, die nicht mehr aus ihr kam, sondern durch sie hindurchging. Sie dachte nicht mehr daran, welche Note als nächste kam – es war, als spielte das Cello von selbst, als wäre es nicht mehr ihr Instrument, sondern sie das seine.
Und dann war es vorbei. Der letzte Ton schwebte für einen Moment im Raum, ein Echo, das nicht enden wollte.
Dann Stille. Ein Herzschlag lang nichts. Dann der Applaus.
Sanft zuerst, vereinzelt, dann stärker, lauter, wilder, eine Welle, die sie umspülte, forttrug, zurückriss.
Sie öffnete die Augen, langsam, als erwache sie aus einem Traum. Die Gesichter vor ihr verschwammen, Lichter tanzten auf ihren Wimpern. Sie stand auf. Verbeugte sich.
Und sie wusste: Diesmal hatte sie mehr als nur Musik gemacht.
Eduard G. Schlaffer, geboren 1948, lebt abwechselnd in der Stadt (Wien) und am Land und beschäftigt sich mit Friedens- und Glücksforschung. Als pensionierter Lehrer und Schulleiter betätigt er sich auch als Mediator, Musiker und Imker und engagiert sich für gemeinwohlorientierte Projekte. Neben Prosa und Lyrik schreibt er Theaterstücke und Essays zu gesellschaftlichen und philosophischen Themen.
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