Nikola Henze für #kkl50 „Hingabe“
Der Mann ihrer Wahl
Unrhythmisch gehen sie auf der Straße entlang bis zu seiner Wohnung. Er hat gekokst und ein paar Bierchen getrunken, sie reichlich Sekt und geraucht.
„Haste keene Angst, dass ick über dir herfalle?“, fragt er, und sie lacht und ergreift seine Hand, um im Schneematsch nicht auszurutschen.
In der Wohnung trinken sie noch einen Sekt, obwohl sie keine Lust mehr hat, aber nicht nein sagen will, schließlich wollte sie in der Bar noch einen haben, und er hat frech gesagt:
„Sekt kannste bei mir zuhause ham.“
„Ach ja?“, hat sie lachend zugestimmt, „und wo is bei Dir zuhause?“
Seine Freunde verabschieden sich noch von ihm, neiderfüllt, ratlos, wie ihr scheint, denn sie sehen besser aus als er. Doch sie hat sich gleich für den mit dem eckigen Gesicht und den melancholischen Augen entschieden. Jetzt sitzt sie mit gespreizten Beinen auf der Theke einer Einbauküche, während er den Sekt öffnet und sie ihm Gläser entgegenhält. Statt zu trinken, umschlingt sie ihn mit ihren langen Beinen und zieht ihn zu sich heran. Da läutet es an der Tür.
Seine abgewiesenen Freunde verlangen Einlass, begreift sie, als die beiden bereits in der Wohnung stehen. Sie springt von der Theke und geht auf die Männer zu. Der Wohnraum beginnt direkt hinter der Eingangstür, der „Gastgeber“ hat sich davorgestellt.
„Wollteste etwa jehn?“ fragt er höhnisch, gleichzeitig hört sie seine Angst heraus.
„Nee, ick muss nua ma wohin.“
Der „Gastgeber“ zeigt auf das Bad. Sie betritt den fensterlosen Raum und sperrt hinter sich zu. Mit einem Schlag ist sie nüchtern. Übelkeit füllt ihren Magen, weigert sich jedoch hoch genug zu steigen, um sich zu übergeben. Sie blickt in den Spiegel. Wird sie eine andere werden durch das, was gleich geschieht?
Sie trägt einen knielangen Plisseerock und einen flaschengrünen Wollpullover und die Haare kinnlang, leicht gewellt, der schwarze Kajal ist verschmiert. Ihre grünen Augen glimmen, sie muss sich am Waschbecken festhalten, um nicht zu taumeln. Sie ist nicht mehr betrunken, aber stark alkoholisiert, so dass sie ihr Gleichgewicht kaum halten kann. Sie versucht, sich an das Ziel dieses Abends zu erinnern.

Der Therapeut dreht seine Notizen zu ihr um, damit Sandra sie abfotografieren kann. Doch sie schafft es nicht, ihr Handy aus der Tasche zu nehmen. Von gegenüber schiebt er die beschriebenen Blätter zusammen und deckt sie mit einem weißen Papier ab.
„Fühlt sich das so besser an?“
„Ja“, seufzt Sandra.
„Schauen Sie trotzdem zuhause in meine Aufzeichnungen?“
„Ja, sicher. Ich lese immer Ihre Notizen.“
Der Therapeut nimmt das leere Papier wieder weg.
Später erkennt Sandra in den Blättern, dass er die Biografie ihrer Mutter skizziert hat. Der Krieg ist zu Ende, und die 12-Jährige muss vor den Russen aus dem Sudetenland fliehen. Irgendwo auf dem Blatt hat der Therapeut – ohne dass Sandra einen Zusammenhang erkennen kann – das Wort Opfer eingeflochten.

„Schaut sie Euch an, die kriegt doch eh nischt mehr mit“, lästern die Männer.
Sie hat sich neben den „Gastgeber“ gestellt, doch der schiebt sie an den Schultern in den Kreis der Freunde. Einer hebt ihr Kinn an, als wolle er schauen, ob das, was er oder die Freunde gesagt haben, mit ihrem Gesichtsausdruck wirklich übereinstimmt. Sie fährt ihre Mimik herunter, was nicht schwer ist bei der Lähmung, die sie erfasst hat. Sie hört die Männer lachen. Sie sieht, dass sie ihre Jacken ausgezogen haben.
„Inna Bar warse lustiga“, moniert der Bestaussehende.
Er schubst sie an, sie wankt, der Dritte schubst sie zurück in den Kreis. Dann sagt er in die Runde:
„Eyh Leute, woher wissen wa, ob die nich aner Nadel hängt?!“
„Ja, woher wissta dit?!“, fragt sie halblaut und dreht sich zum „Gastgeber“ um. Sie bleibt dicht vor ihm stehen, er ist fast einen Kopf größer, sie hebt ihre Arme bis zu seinem Nacken, ein Ärmel ihres ausgeleierten Wollpullovers rutscht, sie streift ihn herunter bis zur Ellbeuge, nimmt die Hand des „Gasgebers“, seine Rechte, und lässt sie an ihrem entblößten Arm herunter gleiten. Als seine Hand in der Armbeuge angekommen ist, streift Sannie den anderen Ärmel ihres Pullovers hinunter, so dass er ihre jungfräulichen Gefäße begutachten kann.
Sie hat die anderen Männer aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Sie steht vor dem Mann ihrer Wahl, er lässt hypnotisiert seine Arme hängen. Mit den Fingerspitzen zeichnet sie eine Linie von seinen hohen Wangen bis zum Mund, setzt Marksteine, an denen sie sich gleich darauf mit den Lippen entlang tastet. Sie hält ihre Augen geschlossen und drückt ihre Handinnenflächen gegen die Fingerspitzen seiner herabhängenden Hände. Sie spürt, dass sie ihn erschüttert. Er ist nicht mehr derselbe, nicht mehr eins mit seinen Freunden. Sie hat ihre Hingabe dazwischen gepresst, ihn fortgelockt, isoliert, er weicht zunehmend auf. Sie flüstert in sein Ohr:
„Kannste Deine Freunde nich nachhause schicken? Ick wär jern mit Dir alleen.“ Sie hört nur Bruchstücke von Sätzen:
„… man sieht sich… übertreibs nich… na dann… Berichterstattung…“
Sie nimmt nicht wahr, ob die Freunde nach ihren Jacken greifen, weiß nicht, ob sie lachen, verstummt sind, verärgert. Sie sieht nicht, wie sie die Wohnung verlassen, noch hört sie die Tür ins Schloss gleiten.
Plötzlich ist sie mit dem „Gastgeber“ allein.
Vor ihren Augen wippt das vage Grau der entlaubten Bäume. Stundenlang läuft sie durch den Tiergarten, bis sie in der Morgendämmerung bei ihrer Wohnung ankommt.
Nikola Henze wurde 1968 in München geboren. Sie studierte Malerei an der HDK Berlin bei Georg Baselitz mit dem Abschluss als Meisterschülerin. Parallel zum Studium begann sie zu schreiben, zu veröffentlichen und auszustellen. Sie arbeitete als Kulturjournalistin für verschiedene Medien, z. B. 8 Jahre für die Berliner Morgenpost. Seit 2005 lebt sie in Nürnberg. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
Nach Veröffentlichungen von Erzählungen und Essays hat sie ihren ersten Roman „bei null“ fertig gestellt. 2022 veröffentlicht das Grazer Feuilleton-Magazin „schreibkraft“ Henzes Prosa in Zeiten von Corona: „Ohne ihre Angst kann er nicht existieren, nicht mal im Traum“ (ISBN: 978-3-902106-32-2). Seit 2024 ist ihre Erzählung „Scharf sehen“ im Online-Magazin #kkl zu lesen, versehen mit ihren Illustrationen.
„Der Mann ihrer Wahl“ ist eine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte zum #kkl-Thema Hingabe. Sie ist als Teil ihres längeren Prosawerks „Die Notwendigkeit sich hinzugeben“ konzipiert. Die Bleistiftzeichnungen thematisieren die Sehnsucht nach Berührung und der Angst vor derselben.
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