Für immer und ewig

Isabella Fröller für #kkl50 „Hingabe“




Für immer und ewig

Sie und er.
Er und sie.
Seit einem halben Jahrhundert gab es nichts anderes. Doch jetzt war da nur noch er. Es würde dauern bis es ihm gelingen würde, das alles zu begreifen.
Jetzt wo er hier vor ihrem Grab stand, duftende Rosen in der Hand, ihre Lieblingsblumen, waren vier Worte das Einzige, woran er denken konnte: „Für immer und ewig.“
Damals, bei seiner Hochzeit mit der Frau seiner Träume, die nun vor ihm lag, so unglaublich nah und doch so unfassbar fern, konnte er sich nicht vorstellen, was eine Ewigkeit war. Jetzt konnte er es. Doch nicht in einem positiven Sinne, nein, es war eine Ewigkeit, die er jetzt ohne sie verbringen musste. Er dachte darüber nach und blickte an sich herab. Auf seine zitternden Beine und seine Hand, die von Falten geziert war. Es würde wohl keine Ewigkeit mehr dauern, die er von ihr getrennt sein würde, höchstens ein paar Jahre. War es seltsam, dass ihm dieser Gedanke Hoffnung gab? Vielleicht, doch bei dieser füllenden Leere die er gerade empfand, war es ihm egal mit welchen Gedanken, oder auf welche Weise er wieder Hoffnung schöpfte.
„Es gibt keinen richtigen Weg zur Bewältigung von Trauer, nur ein Überleben, bis sie mit der Zeit auf mysteriöse Weise verschwindet.“, das waren die Worte seiner Frau. Auch diese konnte er jetzt so gut verstehen, wie noch nie zuvor.
„Die Zeit heilt alle Wunden.“ So sagte man das doch. Doch was war in der Zeitspanne, in der noch nicht viel Zeit vergangen war? Wie würde er es schaffen morgens aufzustehen, wenn sie nicht neben ihm lag? Wie würde er es schaffen sich anzuziehen, wenn sie sein Gewand nicht heraus gelegt hatte? Und wie um alles in der Welt, sollte er es schaffen etwas zu essen, wenn sie es nicht gekocht hatte?
„Nur ein Überleben…“, hörte er die liebliche Stimme seiner Frau. Ja, er würde überleben. Für seine Tochter und ihre aufgeweckten kleinen Zwillinge. Für sie würde er die Trauer irgendwie überwinden. Es würde einfach geschehen.
Plötzlich landete eine Krähe auf dem Grabstein vor ihm. Krähen brachten normalerweise bloß Unglück. „Du bist zu spät. Das Unglück ist schon geschehen.“, murmelte er dem Vogel zu.
Damals war es ein Dienstag gewesen. Ein verregneter Dienstag. Trotzdem wollte sie unbedingt spazieren gehen und so taten sie es. Sie beabsichtigten gerade über die Straße zu gehen, als ein Auto angerauscht kam. Es raste nur Zentimeter an ihnen vorbei. Sie blieben unverletzt, nur mit dem Schock zurück. So dachte er zumindest, doch als sie weitergingen, sank seine Frau auf einmal zusammen. Alles, was danach kam wusste er nicht mehr, oder hatte es in das letzte Eck seines Gehirns verbannt und würde es von dort nie wieder hervorholen. Das Einzige, woran er sich noch erinnerte konnte war eine Krankenschwester, die mit einem Kopfschütteln und glasigen Augen auf ihn zukam. Dieses Bild hatte sich in seinen Kopf eingebrannt und so sah er es jedes Mal, sobald er die Augen schloss.
Er blickte wieder zu der Krähe, die keine Anstalten machte zu verschwinden. Mühsam machte er einen Schritt auf sie zu und fuchtelte mit den Rosen vor dem Vogel umher. Immer noch blieb die Krähe dort. Er betrachtete das Geschöpf näher. War es möglich? Spielte es überhaupt eine Rolle, ob es möglich war, wenn er sich damit besser fühlte?
Wie aus dem Nichts, flog sie plötzlich auf einen Baum hinter ihm. Dabei segelte eine Feder ganz langsam herab und landete vor ihm auf dem Grab.
Schließlich gab er sich einen Ruck und legte die Rosen auf die graue Steinblatte. Ein Blütenblatt zupfte er allerdings noch ab und legte es vorsichtig in seine Jackettasche. Daraufhin nahm er die pechschwarze Feder der Krähe und gab sie zu dem Rosenblatt.
„Für immer und ewig.“, flüsterte er, während er sich wieder aufrichtete und sich auf den Heimweg machte.




Isabella Fröller wurde 2004 geboren und studiert derzeit Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. In ihrer Freizeit verfasst sie sehr gerne Kurzgeschichten und liest äußerst viel, bevorzugt englisch sprachige Bücher. Außerdem spielt sie schon mehrere Jahre Klavier, was für sie jedes Mal eine angenehme Auszeit von ihrem Alltag darstellt.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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