Jasmin Fürbach für #kkl50 „Hingabe“
Hin oder Auf?
2 Jahre meines Lebens. Sekretärin. Assistentin. Therapeutin. Freundin. Alles in einem Paket und keine Möglichkeit, den Job jemals abzulegen. Ich hatte, bei meinem Vorstellungsgespräch, nicht verstanden, was Persönliche Assistenz bedeutet. Dass es nicht eine Stelle ist, bei der man das Büro verlässt und Feierabend macht. Der Job verfolgte mich bis nach Hause, in die Küche, beim Essen, in jedes Gespräch und jeden wachen Moment.
An Wochenenden, an Feiertagen, rund um die Uhr im Dienst, immer erreichbar, niemals privat. Mein Leben hatte ich mir so nicht vorgestellt, geworden war es dennoch so. Hatte sich zu etwas entwickelt, das bar jeder Menschlichkeit einnahm, ohne wirklich zurückzugeben.
Ich liebte meinen Job.
Das zunächst vorweg. Ich liebte meinen Job, die Kollegen, das Umfeld, die Arbeit. Und ich liebte es, gebraucht zu werden, dass – vielleicht sogar, wie sehr – sich auf mich verlassen wurde. Dass Abwesenheit, egal welcher Form, einen Sog an Widrigkeiten auslöste, der nur durch meine Rückkehr das Verschlingen stoppen konnte.
Ich liebte meinen Job.
Und dennoch griff seine Beschaffenheit mehr an, als nur meine Substanz. Erreichbar zu sein zu allen Stunden des Tages, das Handy selbst in der Nacht nicht ausgeschaltet, aus Angst, die Chefin könnte anrufen. Launen, die markerschütternd die Firma heimsuchten, verheerend um sich griffen, bis reihum Kolleginnen in Panikattacken in ihren Büros kauerten. Emotionale Verfügbarkeit, von sich selbst zu geben, um aufzufangen, zu beruhigen, jeden Moment der Belastung zu reduzieren, das war meine Aufgabe, mehr als jedes bürokratische Feuer, das es zu löschen galt. Vor dem Büro meiner Chefin zu sitzen, Zerberus gleich, und keine Negativität durchzulassen, fungierte ich als Schild zwischen ihr und der Welt vor ihrem Büro. Meiner Welt. Meinem Büro. Das als liminaler Raum die Schlechtigkeit des Jobs auffing und nur gefiltert in ihre heiligen Wände trug. Tage, an denen ich mich fühlte, wie eine leblose Hülle, bereit, vollgepumpt zu werden mit all den Dingen, die nur in mir Platz hatten.
Der Teufel trägt Prada trifft es gut. Das sagte ich meinen Freundinnen. Es gab kein Zufriedenstellen, wie man es machte, man machte es falsch. Ein immer weiter um sich greifender Schlund an Befindlichkeiten, an Eigentümlichkeiten, frenetischem Arbeiten mitten in der Nacht. E-Mails um 2 Uhr morgens, deren Nichtbeachten eine Lawine an Scheußlichkeiten auslöste.
Aber ich liebte meinen Job.
Ich liebte meine Job entgegen dem Unverständnis meines Umfelds, meiner Kollegen. Der Stress, den ich verspürte, vermochte ich, beiseite zu schieben, bis er in den Untiefen meiner eigenen Psyche verschwand. Ich hatte geschafft, mir einzureden, dass es das wert war. Dass dieser Job all die panikerfüllten Stunden, nicht zu funktionieren, aufwog. Zwar gab es Tage, an denen mich der Stress einholte wie ein lange verschollener Geist, doch diese Tage waren rar, beschränkt auf Feiertage, lange Wochenenden, wenn mein Körper endlich zur Ruhe kam. Den Rest der Zeit arbeitete ich für die Firma, für die Chefin, ein bisschen auch für mich.
Denn in ich liebte meinen Job.
Und darin lag das Problem. Es dauerte seine Zeit, bis ich mir gewahr wurde, was das bedeutete. Was es bedeutete, dass ich in diesem Umfeld immer noch behauptete, ich mochte meinen Job.
Schlussendlich musste ich mir die Frage stellen, ob es nicht genau das war, was mich antrieb. Zu sehen, wie meine Hingabe ausbezahlt wurde in Abhängigkeit. Ich hatte mich ins Unverzichtbare gearbeitet, mit Herzblut und emotionaler Fürsorge, Perfektionismus und Perfektionsanspruch an mich selbst. Ich hatte auf Pausen verzichtet, war länger geblieben, früher gekommen, hatte kein Wort der Beschwerde oder Bitte über meine Lippen gebracht. Das alles für den Gegenwert von Anerkennung, von Vertrauen und – tja – Abhängigkeit. Meiner Abhängigkeit. Denn ich brauchte es, gebraucht zu werden. Das Verlassen Anderer auf mich gab mir mehr Lebenskraft als alle Work-Life-Balance dieser Welt. Bis hin zur Aufgabe reichte meine Hingabe und dennoch war ich glücklich damit.
Solange bis die Hingabe die Aufgabe nicht mehr aufwog und ich erkannte, dass auf und hin immer schon dasselbe waren.
Jasmin Fürbach, MA , geb. 1997, seit 2015: MA Anglophone Literatures & Cultures, MA Deutsche Philologie; Liebe für alles Phantastische, Krimis, Horror und das Schreiben insgesamt.
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