Schreiben

Finn Schultz für #kkl50 „Hingabe“




Schreiben

Und so sitze ich mal wieder hier, vor der nahezu leeren Seite, nur einige energisch hingekritzelten Worte schmücken sie. Nein, nicht gut genug, ich streiche sie, etwas gereizt, durch. Die Seite ist wieder wortleer. Ich will den Stift beiseitelegen, aufstehen, ich will gehen und etwas anderes tun als frustriert hier zu sitzen und regungslos auf dieses gelblich-weiße Rechteck zu starren, bis meine Augen in Flammen stehen, aber ich kann nicht. Jedes Mal wenn mein Blick schweift, höre ich wieder diese kleine, fiese Stimme. Die Stimme, die sagt, dass ich nicht genug tue, nicht genug Aufopferung demonstriere, dass ich nichts erreiche, wenn ich so weitermache. Die Stimme, die sagt, dass ich mich einfach noch nicht stark genug hingebe. Und deshalb bleibe ich sitzen und starre weiter, doch egal wie sehr ich es probiere, mein Versuch der Hingabe scheint nicht auszureichen. Frustration überkommt mich mal wieder, erst langsam schleichend, dann immer stärker, ein unausweichlicher Sog, der mich immer und immer wieder mit sich reißt. So viel steckt in mir, ein riesiger, ungezähmter Ozean voller Ideen, voller Gedanken, die formuliert werden müssen und Gefühlen, die eine Leinwand fordern, er erstreckt sich bis zum Horizont und noch so viel weiter. Brodelnd wilde Wellen peitschen von innen gegen mich, sie wollen frei brechen, doch das Ventil ist zu klein. Und so fallen nur hin und wieder mal einige kümmerliche, fast schon inspirationslose Tropfen auf das Papier, und jedes Mal starre ich diese entmutigt an. Das kann doch niemals alles gewesen sein. Ist das alles? Ist das wirklich alles, was von den tosenden Fluten übrig ist? Sind ein paar mickrige Tropfen das Einzige, was ich zu Papier bringen kann? Was früher so einfach war scheint nun unmöglich zu sein. Ich fühle mich, als würde ich in einer viskosen Flüssigkeit ertrinken.

Ich lenke meinen Blick gedankenversunken auf das Zimmer, in dem ich sitze, in der Hoffnung, eine Lösung für mein Problem würde mir aus der einen oder anderen Ecke des Raumes entgegenspringen. Ich fühlte oft nichts als Verachtung und Hoffnungslosigkeit, wenn ich mich in diesem Zimmer befand. Zumindest immer dann, wenn ich hier saß und erfolglos versuchte, meine Gedanken und Ideen auf dem Papier einzufangen. Das Zimmer hat eine Aura der Kälte, doch paradoxerweise fühlt sich die Luft heiß und stickig an, so wie man es nur von den wärmsten Hochsommertagen kennt.

Seufzend blicke ich wieder auf die Seite, leer bis auf die Ansammlung hektisch durchgestrichener Worte an der oberen rechten Ecke. „Gib dich hin“, murmle ich mir selbst zu. Hingabe. Dedication. Dévotion. Gib dich hin, na los, das ist es was du brauchst. Doch mal wieder nichts, ich spüre den altbekannten Sog der Frustration in mir an Stärke gewinnen, doch genau dann passiert es: Ein Sonnenstrahl fällt durch das Fenster und blendet mich kurzzeitig, reißt mich jäh aus meinem gedanklichen Teufelskreis. Ich halte inne. Ein Geräusch dringt an meine Ohren, ein Geräusch, dass ich vollends ausgeblendet hatte. Das Geräusch von Vogelgezwitscher. Ich erhebe mich und gehe in Richtung Fenster. Die Stimme protestiert lautstark, beginnt, mich mit energischen Worten zurechtzuweisen, doch ich öffne das Fenster einen Spalt und die Stimme wird von dem Vogelgesang übertönt. Ich atme tief ein, der erste richtige Atemzug seit langem. Ich werfe einen Blick zurück auf meinem Schreibtisch, meine Frustration scheint ihn immer noch wie eine dunkle Wolke zu umringen, doch auch das wird bald vorbei sein. Ich schaue ihn mir an, den Ort, an dem ich so viele Stunden frustriert und in Verachtung versunken saß, den Ort an dem ich versuchte, Hingabe zu erzwingen und dabei vergaß, wieso ich überhaupt mit dem schreiben begonnen hatte, und der Ort an dem ich mir selbst den Spaß daran genommen habe. Aber das alles ist jetzt vorbei. Lächelnd wende ich mich wieder dem Fenster zu, schließe die Augen und gebe mich den warmen Sonnenstrahlen, die sanft mein Gesicht wärmen, hin.




Finn Schultz, geboren 2007, ist Schüler. Das Lesen und Schreiben verschiedenster Geschichten war schon immer Bestandteil seines Lebens. Seit kurzem nimmt er an Schreibwettbewerben teil.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar