Der Moment, als Precious schwarz wurde

Dr. Volkmar Klundt für #kkl50 „Hingabe“




Der Moment, als Precious schwarz wurde

Kennt ihr das auch: Ein einziger kleiner Augenblick der Empfindung taucht aus der Vergangenheit auf und schießt wie ein Korken mit erstaunlichem Schwung an die Oberfläche der Erinnerung und fügt sich heute, Jahre später, zu einem Bild?

     Ich kann heute nicht mehr sagen, was der Anlass war. Auch das Wann und das Wo liegen tief begraben im Dunkel der Vergangenheit. Sicher aber war es zu einer besseren Zeit. Wir hatten unsere Kinder hübsch gemacht. Voller Stolz. Der Sohn, Samyel, trug eine adrette Stoffhose und ein kariertes kurzärmliges Hemd. Und Precious, das sehe ich noch genau, oh ja, sie war so hübsch, dass es weh tat, dass es einem nur das Herz öffnen konnte, und es treibt mir heute noch, wenn ich daran denke, die Tränen in die Augen. Die kurzen Locken über der dunklen Stirn mit kleinen bunten Schleifchen zu kurzen Zöpfen geformt und zusammengefasst. Dazu ein gelbes kurzes Kleid mit Puffärmeln und weiße Söckchen mit Spitzenrüschen.

Ich weiß noch, wir saßen am Tisch, die Kinder, ich und weitläufige Bekanntschaft. Ich würde diese Menschen nicht Freunde nennen, eher Bekannte. Aber ich zählte sie zu einer Gesellschaft, mit der ich im Einvernehmen war, in der ich mich aufgehoben wähnte.

     Samyel, kaum fünf, war in sein Essen vertieft, Precious, vielleicht vier, noch nicht lange hier bei uns, hatte Häppchen und Apfelspalten vor sich, von denen sie ab und an etwas in den Mund schob.

     Bestimmt hatte sie es vor Kurzem im Kindergarten gelernt, denn plötzlich begann sie, ohne dazu aufgefordert zu sein, konzentriert und mit stolzer Seele zu singen.

     „Alle meine Entchen…“

     Die Erwachsenen um uns herum verstummten.

     „…schwimmen auf dem See..“

     Sie hörten zu. Die Frauen am Tisch waren erkennbar gerührt, neigten ein wenig den Kopf, als formten sie die Töne mit und könnten sich an eine ähnliche Situation erinnern, vielleicht, weil sie selbst bereits einen solchen Vortrag geleistet hatten, vielleicht auch weil sie ein Enkelkind in ganz ähnlicher Situation erleben durften.

     Sie formten die Worte mit, als wollten sie meine Tochter über eine imaginäre Ziellinie tragen.

     Precious gab mit ganzer voller Seele ihr:

     „…schwimmen auf dem See…“

     Aber da war plötzlich noch etwas Anderes. Es entstand

eine seltsame Mischung aus Rührung, Erstaunen und, ja, Irritation. Für den, der empfindsam genug war begleitete ein dunkler Unterton ihren Vortrag. So, als ob ein Puzzleteil nicht passte.

     Der kurze Augenblick der unvoreingenommenen Aufgehobenheit huschte vorbei, und, wäre sie eine Seiltänzerin gewesen, so wäre das der Augenblick, der zu vermeiden gewesen wäre. Der Moment, in dem sich der Blick verbotenerweise nach unten richtete.

     „Köpfchen…“

     Ihre Stimme verzagte und zum Ausgleich schob sie sich rasch ein Stückchen Apfel in den Mund. Jedenfalls, da bin ich sicher, war es nicht der Mut, der sie verließ.

     Alle spendeten Applaus.

     Precious schluckte den Bissen herunter. Sie wandte mir mit kindlichem Ernst ihr dunkles Gesicht zu. Ich beugte mich herunter.

     Hinter ihrer kleinen vorgehaltenen Hand flüsterte sie mir ins Ohr:

     „Papa, gehen.“

     Und heute, viele Jahre später, wollen wir unsere Kinder immer noch einhüllen in den Mantel unserer Liebe, sie einwickeln und polstern, unempfindlich machen gegenüber den scharfkantigen Widerwärtigkeiten da draußen. Und ich weiß doch, dass es eines Tages so weit sein wird, dass unsere Angst recht bekommen wird.




Dr. Volkmar Klundt, geboren am 10.01.1957, lebt nördlich von Hannover. Er ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Nach dem Abitur studierte er 1977 kurze Zeit Germanistik und Soziologie in Marburg, beendete aber das Studium bereits nach kurzer Zeit.

Nachdem er einige Zeit als Rettungssanitäter und Taxifahrer tätig war, begann er 1982 mit dem Studium der Humanmedizin.

Nach dem Studium der Medizin und der darauffolgenden langjährigen Tätigkeit als Anästhesist in verschiedenen Kliniken befindet er sich nunmehr im Ruhestand.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar