Monalishan Santhalingam für #kkl50 „Hingabe“
Die Liebe zur Arbeit
Ich schaue aus dem beschlagenen Fenster. Sehe nur einen trüben Schleier und höre das unaufhörliche Prasseln des Wassers. Als würde die Welt mir zeigen wollen, wie es in meinem Inneren aussieht. Vor allem nach all den Informationen über Ausbildungsstellen und duale Studiengänge, die man mir und meiner Oma bei der Berufsorientierungsmesse an den Kopf geschleudert hatte.
Bereits beim Verlassen der Messe war mir zum Heulen zumute, da ich noch immer nicht sagen konnte, was ich nach meinem Abschluss machen wollte.
Gerade noch rechtzeitig hatten wir uns dann in das Café flüchten können, bevor wir von dem Himmelswasser übergossen wurden. Ganz zufällig hat es mit seinem feuerroten Lichtschein aus der grauen Atmosphäre aufgeleuchtet und uns angelockt. Wir hatten einen Platz am letzten freien Tisch erhalten, als wäre er nur für uns reserviert worden.
Mit großen Augen blicke ich mich nun um und nehme das Aroma von feuchter Kleidung wahr. Das Café hat Panoramafenster, durch die man auf die nassen Straßen schauen kann. Die Tische und Stühle sind alle so braun wie Schokolade und glänzen noch dabei im Schein der Lampen. Leise Jazzmusik dringt irgendwo hinter der Theke hervor, wo ein älterer Mann mit weißen Haaren Löffel poliert.
„Was möchtest du“, fragt meine Oma mich und blättert in der Karte.
„Nur nach Hause“, antworte ich mit einem seufzenden Unterton.
„Ich verstehe. Du bist jetzt völlig überfordert.“ Sie beugt sich zu mir nach vorne. „Der ganze Vormittag war lang gewesen.“ Oma nimmt ihr Taschentuch, das sie immer im Ärmel ihrer Daunenjacke hat, und wischt die Fensterscheibe neben sich.
„Mistwetter, was?“, ruft eine tiefe Stimme neben uns.
Plötzlich bemerken wir, wie der ältere Herr von der Theke sich vor unserem Tisch gestellt hat und uns sein breites Lächeln schenkt. Erst jetzt erkenne ich, wie viele Falten sein Gesicht zieren.
„Oh ja!“, stimmt Oma ihm zu. „Und dazu noch total unerwartet.“
„Das Wetter ist unberechenbar“, lächelt er kopfschüttelnd. „Was darf’s denn für Sie sein?“
„Für mich einen Cappuccino“, antwortet Oma.
Der Kellner mit den weißen Haaren nickt. Dann sieht er zu mir herüber.
„Eine heiße Schokolade.“ Fast überlege ich mir noch ein Stück Käsekuchen zu bestellen, wie das Mädchen ein Tisch weiter ihn hat.
„Kommt sofort!“ Der Kellner schreibt es sich auf seinen Notizzettel. „Bin gleich wieder da.“
„Nur keine Eile!“, ruft meine Oma ihm zu, doch der Mann war bereits hinter den Tresen verschwunden.
„Oma, der ist noch älter als du!“, flüstere ich ihr zu.
Sie lacht. „Junge, sag so was nicht! Er hat Falten, aber ob er wirklich älter ist, hm?“ Sie mustert ihn nun eindringlicher. „Auf jeden Fall wundert es mich, dass er noch arbeitet. Dabei sieht er geschwächt aus.“
Ich drehe meinen Kopf zu dem älteren Mann hin. Mit jedem Schritt hinkt er sein rechtes Bein nach. Doch in seinem Gesicht sind keine Schmerzen zu erkennen. Vielmehr eine ansteckende Freude, als er mit einem liebevollen Lächeln den Cappuccino vorbereitet.
„Hat dir die Messe denn wenigstens geholfen?“, fragt Oma und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Nein“, schüttele ich enttäuscht den Kopf.
„Du hast noch Zeit, dich zu entscheiden“, meint sie mit ruhiger Stimme und streicht sich durch ihre hellen Locken.
Ich war heilfroh, dass Oma mich begleitet hat, denn meine Mutter hätte mich zu jedem Stand geschliffen und mir Vorwürfe gemacht, wenn ich einem Mitarbeiter zu wenige Fragen stellte.
„Eben nicht. Die Bewerbungsfristen enden nächsten Monat. Da muss ich schon Bewerbungen verschickt haben und wissen, was ich nach meinem Abschluss machen will“, raune ich ihr zu und stütze mich mit den Ellenbogen ab.
„In der Ruhe liegt die Kraft.“
Ich stöhne auf. „Oma, wie erkennt man, welchen Beruf man später ausüben möchte?“, frage ich nach einem kurzem Moment des Schweigens.
Sie lächelt. „Du musst ihn mit Hingabe ausführen.
„Was bedeutet das?“
Ein dunkler Schatten legt sich über uns. „Ein Cappuccino und eine heiße Schokolade, bitteschön.“ Der Kellner stellt die Tassen behutsam auf den Tisch.
„Das sie das noch so gut können“, staunt Oma. „Mir fällt es schon schwer, eine Tasse für längere Zeit in der Hand zu halten, ohne zu zittern.“
„Man gewöhnt sich daran“, erzählt er. „Ich mach das schon viele, viele Jahre. Und ich werde nie müde davon.“
„Das sieht man“, erwähnt sie grinsend. „Mit ganz viel Liebe arbeiten sie.“
Der ältere Herr lächelt verlegen, bedankt sich und geht weiter.
„Siehst du das?“ Oma beugt sich zu mir vor. „Das meinte ich vorhin.“
Stirnrunzelnd blicke ich zu ihr. „Was denn?“
„Hingabe! Schau dir den netten Mann an. Er arbeitet mit Hingabe. Kannst du es sehen?“
Ich blicke zu dem Kellner zurück und bemerke, wie er nun ein junges Paar einige Tische weiter bedient und ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubert.
„Er schenkt anderen seine Aufmerksamkeit.“
„Nicht nur das. Sieh genau hin!“
Je länger ich ihn beobachte, desto mehr verstehe ich, was meine Oma meint. Er kommt mit jedem hier im Raum zurecht. Ob Mann, ob Frau. Jung und alt. Er achtet darauf, dass kein Müll auf den Tischen liegt, jeder einen gemütlichen Platz findet und spendiert sogar einigen Obdachlosen einen Kaffee. Und immer wieder findet er die Zeit sich mit jedem zu unterhalten und in ein herzhaftes Lachen auszubrechen.
Doch in einem unachtsamen Augenblick lehnt er sich an den Tresen, doch er stöhnt nicht oder wirkt gar entnervt. Stattdessen lässt er seinen Blick durch die Menschenmenge im Raum streifen. Tränen bilden sich in seinen Augen und er fängt an, in sich hineinzugrinsen. Man kann es ihm direkt aus seinem Gesicht ablesen: Er lebt für seinen Job. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die die Kein-Bock-auf-Arbeit-Mentalität leben, begibt er sich Tag für Tag mit Hingabe in seinen Beruf und opfert seine Leidenschaft für uns alle hier. Nicht als Arbeit, sondern als sein Geschenk.
„Ich weiß zwar nicht, was ich später mal werde, aber ich weiß, dass ich mit derselben Hingabe arbeiten möchte, wie er es tut“, erzähle ich ihr. „Denn auch ich möchte einen Beruf ausüben, der mich zum strahlen bringt. Einen Beruf, für den ich es liebe, jeden Morgen aufzustehen und nebenbei in anderen Menschen etwas bewirken zu können. Das ist seine Art, etwas Gutes zu tun und ich bin gespannt, welche Art meine sein wird.

Monalishan Santhalingam wurde 1999 in Frankfurt am Main als Sohn tamilischer Einwanderer geboren und lebt aktuell in Niedersachsen. Im Jahr 2024 veröffentlichte er im Selbstverlag seinen Debüt-Kriminalroman mit dem Titel „Auf diesem Pfad.“
Neben dem Schreiben gehören auch das Malen, das Fotografieren, das Wandern und das Reisen zu seinen Hobbies.
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