LICHT  ÜBER DEN WELLEN

Daniel Mylow für #kkl50 „Hingabe“




LICHT  ÜBER  DEN  WELLEN

Sie sank auf den Stuhl. Eine schwebend langsame Musik setzte ein. Jeder Takt hielt die Zeit an. Ihr Körper bog sich zurück, bis ihre Haare den Boden berührten. Winzige Lichthöfe zitterten auf ihrer glänzenden Haut.

Der Schatten meiner Hände kroch wie eine blasse pulsierende Ader über ihren Hals. Mit einer einzigen Drehung flog mein linkes Bein über ihren Körper. Schwerelos ließ mich die Musik über ihren stummen Körper gleiten. Sie streckte die Arme zu mir empor. Den Schalen fremdartiger Meereslebewesen gleich fügten sich unsere Hände ineinander. Ich zog sie zu mir empor. Lichtrinnsale fuhren durch ihr dunkles Haar, als würde sie eine unsichtbare Wellenlinie durchstoßen, unter der es nur die Tiefe des Wassers gab. Die Musik schimmerte durchsichtig. Kaum hörbar atmete eine verhaltene Melodie. Ihr Gesicht berührte meine Wange. Unsere Arme bildeten ein in der Luft schwebendes Dreieck.

Sie presste ihren Schoß gegen mich. Ich spürte, wie ihr Atem auf meiner Haut vibrierte. Unsere Körper schienen schwerelos. Der Stuhl unter uns bewegte sich nicht. Die Musik dehnte sich, schwieg und malte unsichtbare Spuren in das Dunkel. Unsere Körper glitten auf der Schwebung des letzten Tons, warteten, tanzten, warteten.

Ohne aus unserer Achse zu gleiten, standen wir auf. Wir gingen ein paar Schritte, in den dunklen Klang einer Geige, deren zögernde Striche sich in den Takt der Musik furchten. Der Stuhl blieb in der Mitte des Raumes zurück, wie ein Schiffswrack auf dem Meeresgrund.

Die Melodie gab unseren Körpern eine Stimme. Sie entfernten sich voneinander, dann wieder waren sie sich so nah, als würden sie mit dem Körper des anderen eins werden.

Plötzlich hatten unsere Bewegungen die Stille eines Fußabdrucks im Nirgendwo. Jeder Schritt war eine Möglichkeit, die Luft schien zu vibrieren in den leisen Pausen, in denen sich unsere Körper gegeneinander lehnten. Ihre Hände ertasteten unsichtbare Linien unter meiner Haut. Ich spürte wie sich ihre Beine um meinen Körper schlangen. Ihr Knie fuhr über die Innenseite meiner Schenkel, bevor die Musik wie eine unhörbare Brandung noch die leisesten Gesten unhörbar werden ließ.

Dem Meer ähnlich fängt auch die Musik alle Farben ein, die ganze Flut der Farben, und spiegelt sie zurück aus ihrer Tiefe. Ein schlagendes Herz, dessen Pochen uns wie Marionetten warten, tanzen, warten und tanzen lässt. Ein schlagendes Herz, das niemals zur Ruhe kommt und dennoch eine Ruhe wahrt, die wie auf dem Meer manchmal aus den großen Schattenflächen über den Wellen aufleuchtet.

Ich begegnete ihrem Blick. Flüchtig verlor sich seine Spur in den Konturen unserer Bewegungen. Wir drehten uns, fort und fort, zurück zum Anfang und aus der Welt. Sprich mit mir, flüsterte ihr Augenaufschlag.

In einer plötzlichen Bewegung trat ich von dem Bild zurück. Aber es war zu spät. Die Tänzerin sah mich an. Der Platz neben ihr war leer. Das Meer war nur eine Tagesreise von der Wirklichkeit entfernt.




Daniel Mylow,   1964 geb. in Stuttgart, Aufenthalte in Düsseldorf, Hannover, Berlin, Krefeld. Studium in Bonn und Marburg. Ausbildung in Kassel. Oberstufenlehrer in Hof und Wernstein, Marburg, Mainz, seit 2018 an der Freien Waldorfschule in Überlingen/Bodensee. Poesiepädagoge und Dozent für Literatur.

Letzte Publikation: Rotes Moor (Poetischer Thriller), Cocon Verlag Hanau 2017. Greisenkind (Roman) net Verlag Chemnitz 2020.

Zahlreiche Publikationen von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Literaturzeitschriften. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 2021  Lore Perls Literaturpreis (Verleihung 2022) und Bonner Literaturpreis. Kempener Literaturpreis 2017, Preis der Sparkassenstiftung Groß Gerau 2017, Merck-Stipendiat der Stadt Darmstadt 2018





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar