Die Beatmungspatientin

Christian Günther für #kkl50 „Hingabe“




Die Beatmungspatientin

»Die Adresse ist naheliegend«, meinte Lena und hielt auf dem Seitenstreifen der Laupendahler Landstraße, auf dem zwischen vereinzelten, kleinen Bäumen jeweils mehrere Parkboxen eingezeichnet waren.

Die Ruhr floss vorbei, ich sah über sie hinweg zur Gustav-Heinemann-Brücke, als Lena schellte. Ein Herr Koch, telefonisch über das Kommen informiert, öffnete die Tür zur Wohnung im Parterre des Mehrfamilienhauses und bat uns in die Küche. Er war kleiner als ich, etwa 1,80m, Mitte siebzig, mit grauen Haaren und grauem Vollbart, schon um diese frühe Zeit mit Anzug und Krawatte bekleidet.

Die Pflege kam nicht zu ihm, sondern zu seiner Gattin, die an einer Beatmungsmaschine hing. »Falls ich zwischendurch kurz wegmuss, bitte ich, das zu entschuldigen, das Tracheostoma meiner Frau muss regelmäßig abgesaugt werden.« »Das ist sicher eine schwere Situation«, erwiderte Lena mit sanfter Stimme. »Tut uns leid, dass wir Sie bei unserer Angelegenheit einbeziehen müssen. Sie haben von dem Unfall am Markt gehört? Letzten Freitag mit der älteren Dame?« Er nickte. »Ja, die Arme, ich kenn sie von früher. Ihr Mann verstorben und meine Frau mit ihrer Erkrankung, da brach der Kontakt ab. Wissen Sie, wie es ihr geht?« »Auf dem Weg der Besserung«, schaltete ich mich ein.

»Schön zu hören.«

»Es könnt sein«, fuhr Lena fort, »dass jemand vom Pflegedienst bei diesem Unfall beteiligt war. Wir versuchen herauszufinden, wer? Also, wer letzten Freitag bei Ihnen war?« Er sah nachdenklich aus dem Fenster. »Gute Frage, letzte Woche hatten wir Carola und Martina morgens. Moment, einen Tag Laura, Anfang der Woche. Schade, dass sie gekündigt hat, sie war sehr empathisch.« »Kommt nicht jeden Tag dieselbe?«, wollte ich wissen.

»Ich erkenne kein System. Nur, dass sie je eine Woche früh und eine Woche spät haben sowie alle zwei Wochen Samstag und Sonntag frei.« »Kommen die abwechselnd?«, hakte Lena nach.

»Ja. Kann sein, eine kommt auch mal zwei oder drei Tage, dann wieder die andere. Was letzten Freitag betrifft? Möchte nichts Falsches sagen.« »War an einem Tag jemand auffällig aufgeregt?« »Nicht, dass mir das aufgefallen wäre, nein.« »Abgelenkt? Unkonzentriert?« »Nein.« »Haben die eine feste Zeit bei Ihnen?« »Zwischen halb acht und neun, meist.« Das lag in der Zeit des Unfalls. Die Frage nach einem ungewöhnlichen Auftauchen, früher beziehungsweise später als sonst, erübrigte sich.

»Dürfen wir die Akten sehen?«, fragte Lena weiter.

»Selbstverständlich, wenn Ihnen das hilft. Ich bin kurz bei meiner Frau«, entschuldigte sich Herr Koch, während Lena die Akte vom Küchentisch nahm und aufschlug, nach Blättern suchend.

»Stammblatt, Anamnese, Planung … ah, da iss ja de Durchführungsnachweis, noch der gute Standard«, meinte sie und schob die Augenbrauen zusammen. »Dit iss aber komisch, kannste mal kurz halten, Nick, mach jezz ’n Foto. Ganze Woche selbes Kürzel außer Montag.« »Da haste recht, dit seh ick ooch.« »Herr Koch lügt bestimmt nich, meen Berliner Jung.« Sie nahm das Blatt mit ihrem Smartphone ins Visier. Ein Klick, abgelichtet.

»Wir müssen zumindest noch einmal nachfragen«, meinte ich, was Lena mit Du alter Pedant, Du kommentierte. Das hatte sie bei Judith abgeschaut, sicher. Herr Koch blieb jedoch bei seiner Aussage.

»Warum besuchen Sie die Dame nicht mal im Krankenhaus?«, erkundigte sich Lena. »’ne gute Gelegenheit, den Kontakt neu aufzubauen?« Er seufzte. »Ich komme leider selten weg. Einmal pro Woche kommt jemand vorbei und passt auf meine Frau auf, dass ich mal rauskann für ein oder zwei Stunden.« Wir fuhren noch bei drei weiteren Patienten vorbei, die die Aussagen bestätigten. Die Pflegekraft wechselte innerhalb der Woche. Den Freitag betreffend, war sich keiner sicher: Einmal wurde Carola genannt, einmal Martina, Auffälligkeiten hatte keiner bemerkt. In Absprache mit Romina sollten wir in Kettwig Patienten aufsuchen und dort Nachweise prüfen.

»Vorher fahr ich beim Krankenhaus vorbei«, beschloss Lena.

»Beim Krankenhaus?«, erkundigte ich mich verwundert.

»Ich will ’nen Kontakt reaktivieren.«




Christian Günther ist examinierter Altenpfleger und in diesem Beruf über zwanzig Jahre tätig. Zudem hatte er fünfzehneinhalb Jahre einen pflegebedürftigen Menschen in der eigenen Familie.

In seiner neuesten Veröffentlichung hat er das Thema Pflege in den Mittelpunkt gestellt. Er beleuchtet dabei nicht nur die Situation von Pflegekräften, sondern ebenso von Pflegebedürftigen und Angehörigen.

„Geschichten, Einsätze und Themen aus der Pflege“ (ISBN 9783769375428, 192 S., 10€) bietet zwanzig Geschichten. Sie wurden zum Teil bei u.a. kkl bereits veröffentlicht, zum Teil sind sie ganz neu – oder sie sind aus Büchern und Geschichten seiner beiden Dialekt-Duos, wie dieser Ausschnitt aus der ersten Staffel seiner Ruhrpott-Serie „Die zivilen Fahnder/innen“ (Fall 1.7 – Die Vertretung)






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar