Das Ritual

René Oberholzer für #kkl50 „Hingabe“




Das Ritual

Jeden Freitag stellen sie sich im Wohnzimmer auf, sie links an der Wand, er rechts gegenüber. Dann schauen sie sich lange an. Alle 5 Minuten setzen sie einen Fuss vor den anderen und bewegen sich aufeinander zu. Nach 2 Stunden stehen sie sich endlich nahe gegenüber, schauen sich tief in die Augen und gehen langsam rückwärts wieder auf ihre Ausgangsposition zurück. Dann ziehen sie sich aus, halten kurz inne und rennen aufeinander zu.





Wie damals

Sie fährt jede Woche einmal von A nach B und wieder zurück. Mit dem Fahrrad, 7,6 Kilometer. Sie mag den Verkehr auf der Strasse nicht.

In A wohnt sie, in B wohnt er. Und das schon lange, seit ihrer Schulzeit. Sie wendet jeweils vor seinem Haus. Er ist verheiratet, hat 2 gesunde Kinder, 1 Hund, 2 Autos und 1 grosse Garage. Manchmal steht er am Fenster und schaut nach unten. Meistens steht er nicht da, sie schaut nach oben.

Früher trafen sie sich zwischen A und B. An einem Waldrand hinter einer Holzbeige. Sie küssten sich jeweils. Ihre Eltern wussten nichts davon. Er versprach ihr, sie später zu heiraten.

Sie wohnt in A, ihr Mann ist vor kurzem überraschend verstorben. Ein bekannter Mann, ein erfolgreicher Mann. Ein Lebemann, der viel unterwegs gewesen war. Sie war seinem Tatendrang erlegen gewesen. Hatte sich sicher und abgesichert gefühlt. Doch ein Rest blieb, über all die Jahre.

Manchmal fährt sie auch sonntags nach B. Beobachtet ihn und seine Familie aus der Ferne. Wie sie im Garten sitzen und kaum sprechen. Früher sprach er von Aufbrechen, von Abenteuern. Auch die Welt hatte er retten wollen. Weit ist er nicht gekommen, denkt sie. Ein schönes Haus, ab und zu ein Ausflug. Und 4x Urlaub pro Jahr. Er wird die Welt nicht retten, denkt sie. Er wird nicht einmal sich selbst retten können.

Sie hatte Ärztin werden wollen. Aus dem wurde nichts. Ihr Mann hatte für alles gesorgt. Ein angenehmes Leben, keine Kinder, keine Sorgen. Ein unerfülltes Leben im luftleeren Raum.

Jede Woche fährt sie einmal von A nach B. Das Haus in B gleicht manchmal einem Schloss, in dem niemand wohnen will. Sie wendet dann wie üblich mit ihrem Fahrrad. Fährt nach A zurück, zu ihrem Schloss, in dem sie auch nicht mehr wohnen will. Und manchmal stehen am Waldrand 2 Fahrräder. Neben der Holzbeige, wie damals.





René Oberholzer      

Lebt und arbeitet seit 1987 als Oberstufenlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz.

Schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa.

War Mitbegründer der literarischen Experimentiergruppe „Die Wortpumpe“ (mit Aglaja Veteranyi) und der Autorengruppe Ohrenhöhe, ist Mitbegründer der „Tischkante 16“, Mitglied verschiedener Schriftstellerverbände. Erhielt 2001 den Anerkennungspreis der Stadt Wil für sein literarisches Schaffen und 2022 den 23. Nahbellpreis des G&GN-Instituts in Düsseldorf für das lyrische Gesamtwerk.

Publikationen:

„Wenn sein Herz nicht mehr geht, dann repariert man es und gibt es den Kühen weiter“ (39 schwarze Geschichten) (2000), Verlag Im Waldgut in Frauenfeld.

„Ich drehe den Hals um – Genickstarre“ (92 Gedichte) (2002), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

„Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden“ (120 Geschichten) (2006), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

Kein Grund zur Beunruhigung“ (236 Gedichte) (2015), Driesch Verlag in Drösing.

„Sehnsucht. Mit Weitblick“ (80 Gedichte) (2020), Klaus Isele Editor in Eggingen

„Das letzte Stück vom Himmel“ (80 Gedichte) (2021), Klaus Isele Editor in Eggingen

Analphabeten der Liebe“ (80 Gedichte) (2023), Klaus Isele Editor in Eggingen

Gedichte und Kurzgeschichten in Anthologien, Zeitungen, Literaturzeitschriften und Online-Portalen im gesamten deutschsprachigen Raum (über 3000 Einzeltexte). Einzelne Texte sind auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums übersetzt und veröffentlicht worden.

e-mail: rene.oberholzer@bluewin.ch

Literaturport: https://www.literaturport.de/lexikon/rene-oberholzer/

wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Oberholzer







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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