Mein Feld ist die Welt

Achim Koch für #kkl51 „Passagiere“




Mein Feld ist die Welt

Vielleicht hatte das Schiff ja schon angelegt.

Meine Karte hielt ich fest in der Hand. So lange schon hatte ich auf diesen Augenblick gewartet.

Wir liefen eine vielbefahrene Straße entlang, um dann die Stufen zu einer Unterführung zum Hafen zu nehmen. Bevor ich die Treppe erreichte, sperrten einige den Zugang, denn eine kleine Gruppe feiner Leute war aus dem Atlantic getreten, um ebenfalls durch die Unterführung zu gehen. Einige haten sogar Hunde dabei. Kaum hatten wir dann den Tunnel verlassen, hörten wir einen Geiger im Frack und mit langen lockigen Haaren, der für die Abreisenden Strangers in the Night spielte. Ein scharfer Wind wehte zu uns herüber.

An einem Kiosk stand eine Schlange Wartender, um sich noch eine Passage zu kaufen. Überall auf der Promenade waren Bänke aufgestellt worden. Touristen saßen dort in der Sonne. Fahrradfahrer fuhren an uns vorbei. Es roch nach See, glaubte ich, obwohl ich ja noch gar nicht wissen konnte, wie See roch. Dicht an dicht gingen wir weiter zum Fluss und über eine Schräge auf einen Ponton zu, an dem gerade ein weißes Schiff anlegte.

The white ship.

Brücke B. Mit diesem Schiff würden wir fahren.

Ich kannte niemanden von denen, die in meiner Nähe liefen. Tage zuvor hatte ich einige Russen, Polen, sogar Bulgaren und Serben kennengelernt. Sie kamen von überall her. Manchmal hatte ich das Gefühl, der einzige Deutsche unter den vielen Reisenden zu sein. Die anderen liefen jetzt bestimmt auch in diesem Pulk.

Endlich ging es für uns los. Familien mit Kindern, Alte, Jugendliche und Alleinstehende wie ich. Auf der Promenade hielten Taxen, aus denen Reisende ausstiegen, auch feine Leute, denen das Gepäck getragen wurde. Große Überseekoffer.

Bläulicher Dunst zog über den Hafen. Der Himmel war grau. Dunkle Rauchschwaden mischten sich mit dem Dunst. Es roch nach verbrannter Kohle und vor allem nach Teer von der anderen Flussseite. Ab und zu hörte ich ein Tuten. Binnenschiffe zogen vorbei. Über eine neu gebaute Brücke fuhren Straßenbahnen. Die Elektrischen. Doch ich sah auch Busse und Autos.

Zuhause hatte ich versucht mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich eines Tages hier sein würde, sollte ich diesen Hafen überhaupt je erreichen. So groß, so laut und mit so vielen Schiffen und so vielen Menschen hatte ich mir diesen Ort nicht ausmalen können. Aber jetzt war ich endlich angekommen. Wie in den letzten Wochen. Immer war ich irgendwo angekommen, um weiterzufahren.

Hermann war der Name des Agenten zuhause in Regensburg gewesen. Seinen Nachnamen hatte ich nie erfahren. Es sei zu gefährlich, hatte er gesagt. Immer wieder hatten wir uns getroffen. Unauffällig in einem Biergarten.

Jetzt drängelte sich alles vor unserem Schiff auf dem Ponton, der sich mit den Wellen zu bewegen schien. Oder bewegte sich nur das Schiff vor mir? Das war ich nicht gewohnt. Noch nie hatte ich mit einem Schiff fahren können. In den letzten Tagen hatte ich immer neue Geschichten über Seekrankheit hören müssen. Hermann hatte darüber nie gesprochen. Mein Gepäck war schon auf das große Schiff transportiert worden, das weiter unten an der Mündung auf uns wartete. Ich trug nur einen Koffer und hatte einen prall gefüllten Rucksack umgeschnallt. Matrosen schoben uns jetzt zur Seite, unser Gepäck stieß aneinander. Es wurde ein Korridor für die geschaffen, die mit den Taxen angekommen waren.

Zurücktreten!

Mit leisem Surren und Piepen senkte sich eine Gangway vor uns auf den Ponton. Die feinen Leute durften zuerst an Bord gehen, dann ihre Kofferträger. Als sie das Schiff endlich verlassen hatten, erhielten wir Zutritt. Die Matrosen versuchten, Ordnung in die Menge zu bringen.

Nur nicht die Karte verlieren.

Langsam fädelten sich alle ein, bis auch ich das Schiff betreten konnte.

Karte?

Ticket.

Der Matrose warf nur einen kurzen Blick drauf.

Das Gepäck musste gleich unten abgestellt werden. Rucksäcke zu Rucksäcken. Tasche zu Taschen. Koffer zu Koffern. An Taschen und Säcken hingen Schilder mit den Namen der Besitzer. Auf die Koffer waren die Namen mit Kreide geschrieben. Meiner auch. Wir wurden aufgefordert, unten im Schiff Platz zu nehmen. Die Reichen durften sich draußen auf das überdachte Freideck setzen. In einem unbeobachteten Moment aber konnte ich die Treppe hinaufschlüpfen. Fast alle Bänke hier oben waren schon belegt. Nur die halbrunde Bank am Heck war freigeblieben.

Eine kurze Begrüßung über die Lautsprecher, dann fuhr die Gangway hoch. Ich sah über die Reling und beobachtete, wie die Festmacher die Tampen lösten. Die Mützen schief auf den Köpfen. Zigarette im Mundwinkel. Die Leinen fielen ins Wasser, wurden dann an Bord gezogen. Mit starkem Vibrieren löste sich das Schiff vom Kai, schlug noch einmal leicht dagegen, drehte dann in den Fluss hinein. Das Wasser wirbelte auf. Weiße Gischt drehte sich an der Oberfläche, zerplatzte. Das Wasser schien so grau zu sein wie der Himmel.

Das Schiff begann stärker zu schwanken als zuvor, und ich hielt mich mit beiden Händen fest. Die anderen hier oben lachten laut über die plötzlichen Bewegungen. Doch niemand schien beunruhigt zu sein. Vom Land aus winkten nur wenige. Kaum jemand auf dem Schiff hatte wohl Freunde und Bekannte in dieser Stadt.

Wieder war eine Etappe geschafft. Drei Stunden etwa würde die Fahrt den Fluss hinab dauern. Erst dann, hatte Hermann mir erklärt, ginge es auf die große Fahrt. Fünf Tage würde sie nur noch dauern.

Five days.

Früher war man wochenlang unterwegs gewesen.

Vor meiner Abreise hatte ich Hermann fast täglich getroffen. Er half mir, unauffällig  das Haus meiner verstorbenen Eltern zu verkaufen, mir alles für die Reise zu besorgen, meine Papiere zu ordnen, nahm Abschiedsbriefe in Verwahrung und drängte mich zur Abfahrt, denn die Militärpflicht rückte immer näher.

Dann kommst du nicht mehr weg, hatte er mich gewarnt. Nie mehr weg.

Er hatte Erfahrung damit, weil er schon vielen jungen Männern geholfen hatte. Manche nannten ihn einen Menschenhändler. Früher oder später würde er wahrscheinlich verhaftet werden. Aber er verdiente gut an uns.

Unser Schiff fuhr die Pontons entlang und direkt an einem grünen Dreimaster vorbei, der hier ankerte. Kleine Flusssegler kamen uns entgegen, aber auch Frachtschiffe unter Dampf. Ein Wald von Masten auf beiden Flussseiten. Dampfkräne. Die Geräusche aus den Werften waren immer deutlicher zu hören. Der Wind nahm noch einmal zu. Hoffentlich kündigte sich kein Sturm an.

No storm.

Ich blickte zurück. Die hohe Brücke, neben der wir abgelegt hatten, wurde langsam kleiner.

Wir fuhren unter anderen Brücken und an hohen Speichern vorbei. Von Schiffen wurde hier Getreide gelöscht, aber auch Kakao, Tee, Kaffee, Jute wie uns erklärt wurde. Alles wurde hier sofort verarbeitet. Den Kaffee von hier kannte man sogar in Regensburg.

Die Reisenden auf dem Deck begannen, Brote zu zerkleinern und Möwen zu füttern. Sie schwebten direkt neben über uns in gleicher Geschwindigkeit wie das Schiff, fingen geschickt jedes Brotstück auf, kämpften im Flug sogar darum. Brot an Möwen zu verfüttern wäre den unten sitzenden Menschen niemals eingefallen. Und mir auch nicht.

Was hieß Möwe auf Englisch? Ich hatte mir die Sprache in Regensburg monatelang beigebracht. Aber viele Wörter fehlten mir noch. Die Sprache sei enorm wichtig, hatte Hermann gesagt.

Einige Passagiere auf dem Oberdeck sprachen Deutsch, fotografierten sich gegenseitig, hatten Reisekörbe mit Verpflegung dabei, öffneten sogar eine Weinflasche.

… noch ein Glas Wein und lassen Deutschland Deutschland sein, rief jemand laut lachend. Alle stießen miteinander an. So fröhlich konnte man das eigene Land verlassen.

Deutschland Deutschland sein lassen. Ich würde nie mehr wiederkommen. Ich hatte mich hier schon deshalb ins Unrecht gesetzt, weil ich mich der Militärpflicht entzogen hatte. Auch wenn ich es vielleicht eines Tages wollte, nach Deutschland könnte ich nie mehr zurückkehren.

Ich hätte mir nie vorstellen können, einmal so viele verschiedene Menschen zu treffen. Zuhause hatte ich meist immer die gleichen Gesichter gesehen. Jetzt sah ich fremden Reisenden zu, die feierten.

Man konnte im Norden weit in einen Seitenhafen blicken. Blaue und rote Kräne bewegten sich. Manche standen still und hielten ihre Arme in die Luft, als wollten sie sich zur Arbeit melden. Die anderen Kräne drehten sich und fuhren hin und her. Sie zogen die Ladung aus aller Welt aus den Schiffen. Der Reichtum aus den Kolonien kam hier an Land.

Südamerika wäre auch ein Ziel für mich gewesen. Brasilien zum Beispiel. Argentinien oder Chile. Ich konnte überall hinreisen. In nahezu jedem Land auf der Welt könnte ich zukünftig leben. Auch Australien hatte Hermann im Angebot. Sogar Deutsch-Süd-West und Deutsch-Ostafrika. Doch dorthin konnte man nicht reisen, ohne den Militärdienst absolviert zu haben. Die Vereinigten Staaten waren für mich im Vergleich zu anderen Ländern weitaus interessanter. Und auch Hermann riet mir zu. Allein schon wegen des Klimas.

Als Stellmacher hast du die besten Chancen, eine gute Arbeit zu finden.

Cartwright.

Wenige Tage nach dem Ende meiner Lehre hatte ich Regensburg verlassen. Stellmacher waren überall gefragt. Da hatte Hermann recht, und er schlug vor, sich in der Gegend um Chicago niederzulassen, weil dort viele der neuen Automobile gebaut wurden und in dieser Gegend Deutsche lebten.

Zunächst einmal musste ich den neuen Kontinent erreichen. Dann würde ich neue Entscheidungen treffen. So war meine Reise bisher immer verlaufen. Einzig sicher war meine Schiffspassage gewesen. Als ich die Karte endlich in der Hand hielt, hatte ich mein Blick gar nicht mehr davon lösen können. Eine Passage der Norddeutschen Lloyd nach New York. Mit demSchnelldampfer Kaiser Wilhelm der Große. Gewinner des Blauen Bandes auf der Westpassage.

Vier Schornsteine. Zweihundert Meter lang. Doppelschrauben. Achtundzwanzigtausend Pferdestärken. Immer noch ein Ozeanrenner, der New York in etwas mehr als fünf Tagen erreichte. Was hast du nur für ein Glück, schwärmte Hermann.

Am liebsten wäre er mitgekommen, sagte er. Sogar auf dem Unterdeck, in dem man mich einquartieren würde.

Wieder eine Lautsprecherdurchsage. Ich ging an den Bug, um weit über den Fluss hinausschauen zu können. Kaum Wellen. Das Wasser glitzerte aufgeregt unter der Sonne, die immer wieder durch die Wolken stach. Manchmal tauchte der Bug unseres Schiffes hinein, und ein dünner Regen flog über uns hinweg.

Parallel zu uns fuhr ein schwer beladenes Binnenschiff, das tief ins Wasser eingesackt war. Wäsche flatterte im Wind hinter der Kajüte. Dort hatte der Kapitän auch sein Auto geparkt.

Ich sah nach hinten. Ein Kreuzer der kaiserlichen Marine näherte sich. Ein Kriegsschiff. Sein Rauch quoll aus drei Schornsteinen und zog in den Hafen und die Stadt hinein. Auch die anderen Passagiere auf dem Deck standen nun an der Reling, um es zu beobachten.

Die SMS Bremen, sagte einer von ihnen, auf der Fahrt nach Südamerika. Inzwischen sind einige von diesem Typ gebaut worden. Es dauert nicht mehr lange, und es wird Krieg geben.

Ich hatte wohl bis zum letzten Augenblick gewartet, um das Land noch verlassen zu können.

Dann kommst du nicht mehr weg, hatte Hermann gesagt. Und die USA seien ein friedliebendes Land, weit entfernt von einem Krieg in Europa. Bisher seien sie nur manchmal an kleinen Scharmützeln mit Spanien beteiligt gewesen, nachdem der Süden und der Norden des Landes sich zusammengerauft hätten.

Wieder eine Durchsage. Ein Anleger. Surrend und piepend fuhr die Gangway wieder hinunter. Hier lagen fast ausschließlich moderne Containerschiffe. Auf den Kais lagerten lange Rotorblätter.

Hermann hatte mir Briefe von Auswanderern gezeigt, denen er geholfen hatte. Sie berichteten von ihren Ländereien, die bis zum Horizont reichten, von Fabriken, die sie aufgebaut hatten, Factories  und von Zeitungen, die sie gegründet hatten. Newspapers. All das könne ich auch schaffen. Ich sei ja noch jung.

Einige Auswanderer jedenfalls waren schnell zu Reichtum gekommen. Einige waren sogar schon zurückgekehrt, um noch einmal die alte Heimat zu besuchen. Einen von ihnen hatte Hermann mir vorgestellt. Er hieß Bob. Eigentlich Robert. Er besaß eine Fabrik für Nägel. Bobnails hatte er sie genannt.

Alles muss gut klingen bei uns, hatte er gesagt. Du musst die Waren ja verkaufen, und die Konkurrenz lauert überall. Deshalb brauchst du etwas Eingängiges. Bobnails eben. Das kann sich jeder merken.

Als Hermann einmal kurz verschwinden musste, ändert Bob den Ton: Lass dir nichts vormachen. Es ist schwer für jeden, der ankommt. Die ersten leiden oft Not. Die Zweiten, sagt man, haben meist nen frühen Tod. Erst die Dritten finden Brot. Ich hatte Glück. It’s difficult. Sometimes it seems to be impossible. Erst die Sprache. Dann die Sitte. Dann die Freunde. Von allem aber hast du immer zu wenig.

Zuerst würde ich eine Arbeit finden, dann ein Haus, dann eine Frau. Zwischendrin die Sprache. Dann kämen die Kinder. Das sei die richtige Reihenfolge, hatte Hermann gesagt.

Die schicken niemanden zurück, der es dann so weit geschafft hat, hatte Hermann gesagt.

Bisher hatte mich auch niemand zurückgeschickt. Nach jeder Polizeikontrolle hatte ich weiterreisen können. Und jede Untersuchung meiner Gesundheit hatte ich bestanden. Vor der großen Einschiffung würde nochmals eine solche Untersuchung vorgenommen werden. Viele hatten davor Angst. Auch vor der letzten dann in New York.

Ein Matrose stieg auf unser Deck herauf, sprach mit einigen Passagieren. Sie packten ihre Sachen zusammen. Alle verließen das Außendeck. Unschlüssig stand ich noch herum. Was war vorgefallen? Schließlich folgte ich den anderen. Sie verließen das Schiff. Auch ich trat auf den Anleger hinaus. Alle liefen über einen langen Steg an Land und verschwanden dort.

Einige neue Passagiere warteten, bis sich unser Schiff geleert hatte. Dann gingen sie an Bord. Mit lautem Piepen hob sich die Gangway wieder. Wasser wirbelte auf. Der Ponton, auf dem ich stand, schwankte ein wenig. Das Schiff legte ab, entfernte sich langsam, fuhr zurück. Es wurde still um mich. Aber das nächste Schiff würde sicher bald kommen. Alle anderen Etappen hatte ich bisher ja auch geschafft.




Achim Koch

arbeitete in der Bildung, im Theater und in der Entwicklungshilfe, auf dem Balkan und zuletzt im Kongo, in Kamerun und im Tschad. Vor allem ist er aber Schriftsteller und bildender Künstler, mit fließendem Übergang.

In seinen Romanen behandelt er gesellschaftspolitische Themen: AN WILLEM, DAS NEUE MANIFEST, g.r.a.s., FLUCHTLAND, DER AUGENBLICK, DER MANN HINTER DEM BILD.

Sein neuer Roman TÄUSCHLAND ist bei Schruf&Stipetic erschienen.

Achim Koch schreibt darüber hinaus Kurzgeschichten und auch Transfergeschichten, die während der Romane entstehen und kleine Hörstücke darstellen, in denen der Autor mit seinen Figuren konfrontiert wird.

http://www.achim-koch.eu







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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