Nadja Shirin Riahi für #kkl51 „Passagier“
Der Zwischenraum zur Endstation
Dieses Gefühl ist der Anfang einer Reise, die wir meist mit vollgepackten Koffern antreten. Mit schwitzigen Handflächen umklammern wir die Griffe, während wir versuchen, unsere Lasten die abgetretenen Stufen hinaufzuhieven.
Manche Koffer sind schwerer als andere. Nicht selten müssen wir Inhalte zurücklassen, um die nächste Destination zu erreichen, manchmal sogar den ganzen Koffer. Gewichtstechnisch erleichternd, gefühlstechnisch wehmütig. Wir tun dies, weil die Erwartung des Gefühls etwas in uns auslöst, von dem wir gar nicht wissen, ob wir es so fühlen werden, wie die Gesellschaft es uns verspricht.
Immer wieder lassen wir uns auf dieses Gefühl ein, ungeachtet dessen, ob die Reise uns in ein Plumpsklo im tiefsten Tiroler Hinterland, auf einen pudrig weißen Sandstrand auf den Malediven oder in das muffigste WG-Zimmer in der Geschichte der WGs führt.
Dieser Zustand ist vielleicht sogar einer der magischsten, den wir erreichen können, weil er die Realität für eine kurze Zeit zu unserer Fantasie macht. Alles wird erträglicher, auch wenn die Intensität dieses Gefühls uns den Verstand rauben kann.
Je mehr Passagiere aussteigen und unsere Mitreisenden uns verlassen, desto mehr schwindet unsere Reiselust. Auf der Weiterreise ohne Gefährtin richten wir die Marschzahl unseres Kompasses neu aus, weil der Orientierungspunkt dem Versuch nicht standgehalten hat. Der Luftzug, der mit jedem Exit durch das Abteil weht, absorbiert Hoffnung, Schicht für Schicht wird sie abgetragen und wir sehnen uns zurück in unseren Wohlraum.
Wir wissen schon, bevor es losgeht, dass der Zug auf der Reise ausfallen wird, vielleicht wird die Achse kaputt, oder was alles bei Zügen kaputtgehen kann, der Kaffee schmeckt womöglich grausig, und irgendwo schreit immer ein Kind, aber das gehört dazu.
Vielleicht steigen wir auch selbst aus dem Zug aus, nur um auf dem Bahnsteig, diesem schmalen, rissigen Stück Beton voller ausgespuckter Kaugummis, unerwartet einen neuen Begleiter zu finden. Einen, der das Cocktailglas auffüllt – nicht mit edlen Spirituosen, sondern mit Dopamin, Serotonin, Adrenalin & Co. … bis unsere Eingeweide protestieren.
Dies ist jedoch die einzige Übelkeit im Leben, die wir akzeptieren, ja sogar herbeisehnen. Wenn sich der Genuss in einen Kater verwandelt und wir unsere Körper aus dem Zug schleppen, dann können wir uns – wie bei einem Gläschen zu viel – zunächst nicht vorstellen, je wieder eine dieser Mixturen zu trinken. Erst wenn die Symptome langsam nachlassen, kommt der Gusto mit Erinnerungsfetzen an vergangene Reisen zurück.
Das Ticket ist schnell gebucht, nur ein Swipe, dann sind wir wieder gerne Passagiere mit Reisefieber im Express der Ungewissheit. Denn die Wahrheit ist: Auch das muffigste WG-Zimmer kann zum schönsten Ort der Welt werden, wenn wir das Fenster öffnen. Weil wir verliebt sind.
Nadja Shirin Riahi, Jahrgang 1994, geboren und aufgewachsen in Wien; schreibt Texte, seit sie schreiben kann, arbeitet als Journalistin und Moderatorin in Österreich und Deutschland. Weitere Informationen unter www.nadjariahi.com
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