Tamara Both für #kkl51 „Passagier“
Der einsame Passagier
„Sind nicht alle Passagiere nur Nebendarsteller?“
Du hast keine Ahnung, aber wahrscheinlich stimmt das. Passagiere sitzen schließlich in einem Zug, den irgendjemand anderes fährt. Offengestanden ist dir das momentan vollkommen egal. „Ich weiß nicht“
„Doch, doch. Jeder Passagier hier nur einer von vielen Gedanken, die in deinem Kopf umherschwirren. Nebendarsteller eben. Es ist so schön unkompliziert, Nebendarsteller zu sein.“
Da hat er recht, fällt dir auf, keine Verantwortung zu tragen ist immer die größte Entlastung. Aber was sagt er da, über Gedanken in deinem Kopf? Egal, es gibt Wichtigeres zu besprechen.
„Können Sie einen Zug fahren?“, fragst du, statt auf die Überlegungen des Mannes einzugehen.
Dieser wendet plötzlich den Blick vom Fenster und der vorbeirauschenden Landschaft ab und schaut dich eindringlich an. Zum ersten Mal seit du dich zu ihm gesetzt hast, scheint er dich wirklich wahrzunehmen, dir zuzuhören. Zum ersten Mal scheint er überhaupt zu existieren und nicht nur ein Bündel an philosophischen Gedankengängen zu sein, das seltsam vertraut wirkt. Es ist, als wären deine Gedanken dir aus dem Kopf gesprungen und zu dem Mann in diesem Zug geworden.
Dieser überlegt einen Moment, doch dann wendet er sich wieder ab. „Ich glaube, Nebendarsteller gehören nicht ans Steuer.“
Frustriert seufzt du. Du bist schon so lange in diesem Zug, dass du dich nicht mehr erinnern kannst, jemals woanders gewesen zu sein, doch vor Kurzem hast du angefangen, dich Dinge zu fragen. Als wäre dein Bewusstsein lange Zeit eingefroren gewesen und endlich aufgetaut. Fragen tauchten auf. Was machst du hier und wer fährt diesen Zug? Du hast nachgesehen und gemerkt, dass da niemand ist.
„Es gibt niemanden, der diesen Zug fährt! Sicher werden wir bald entgleisen oder … oder etwas anders passiert!“, versuchst du dem Mann den Ernst der Situation klarzumachen.
Dieser lacht nur auf. „Aber der Zug fährt, alles andere ist doch egal.“
Ist es nicht. Es gibt niemanden, der dich an dein unbestimmtes Ziel bringen könnte, das ist nicht egal.
Nervös knetest du deine Hände, die schon eine Weile nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Genau wie der Rest von dir, der irgendwann einfach angefangen hat, sich gefangen zu fühlen, denn nichts in diesem Zug ergibt Sinn. Nicht dass er fährt und nicht dass du hier bist, obwohl du dich nicht erinnern kannst, jemals eingestiegen zu sein. Du siehst dich um. Die anderen Passagiere sind so anders als du, sie wirken alle so furchtbar weit entfernt, als wärst du der einzige wirkliche Passagier in diesem Zug. Einsam und allein.
„Wir müssen doch irgendetwas tun.“, murmelst du.
Denn es fühlt sich unsagbar falsch an, nichts zu tun. Es fühlt sich falsch an, einfach nur ziellos durch die Gegend zu fahren, doch der Mann reagiert nicht auf deine Aussage. Einen Moment lang starrst du ihn noch an, dann stehst du abrupt auf. Er wird dir nicht helfen, wird dir plötzlich klar.
Du fängst an, aufgescheucht durch den Gang zu laufen, an leeren Sitzen vorbei, manchmal auch an anderen Passagieren. Es fühlt sich an, als wäre dein Leben dabei zu entgleisen, dabei hast du dich eigentlich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. So wach. Du bleibst stehen und beißt dir angespannt auf die Lippe. Warum hört dir denn niemand zu? Ist denn allen egal, was hier passiert?
Angst mischt sich mit Frust und Zweifeln. Musst du dich eigentlich wirklich um dieses Problem kümmern? Kann das nicht noch warten? Zu gerne würdest du dich einfach auf einen der bequemen Sitze fallen lassen und die Fahrt genießen, die sicher irgendwann an einem wundervollen Ort endet. Einfach versinken in den Tiefen deines Bewusstseins, das wäre schön, aber es lässt dich nicht los, dieses Gefühl, dass du etwas tun solltest. Es ist so stark, dass du es beinahe hörst wie eine Stimme, die dir ins Ohr flüstert: „Bitte, wach wieder auf.“
Was? Kennst du diese Stimme nicht? Egal, sie ist schnell wieder vergessen und du läufst weiter den endlos scheinenden Gang entlang, auf der Suche nach Hilfe. Auf der Suche nach jemandem, der den Zug fahren könnte.
Es kommt dir eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern entgegen, die sie jeweils an einer Hand hält.
„Können Sie einen Zug fahren?“
Überrascht bleibt sie stehen, weitet erst die Augen und lächelt dann verunsichert. „Der Zug fährt, alles andere ist doch egal“, ihr Lächeln wird breiter, „Ich liebe Geburtstage!“
Du auch, sehr sogar! Wenn die Geburtstage deiner Liebsten anrücken, dann bist du so aufgeregt, dass deine Gedanken wie kleine Kinder ungebremst durch deinen Kopf rennen. Doch das ist unwichtig, dafür hast du gerade wirklich keine Zeit.
„Nein“, du schüttelst vehement den Kopf, „Nein, es ist nicht egal!“
Die Frau scheint zu überlegen. „Wie bedauerlich. Um dieses Problem musst du dich wohl endlich kümmern.“
Für einen kurzen Moment sieht sie dich noch an, doch dann schmilzt das Interesse von ihrem Gesicht wie Schneeflocken auf heißem Asphalt. Sie schiebt sich mit ihren beiden wild hüpfenden Kindern an dir vorbei und lässt dich etwas verdutzt im Gang zurück. Du drehst dich um und siehst ihr nach. Wie ein Gedanke, dem man zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, zieht sie einfach weiter. Wie du auf diesen Vergleich kommst, ist dir schleierhaft, aber er ist schon irgendwie passend. Alle hier sind so … so flüchtig, nicht greifbar. Wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du glauben, dass nichts hier echt ist, nicht einmal du.
Doch das kann ja nicht sein. Du schüttelst ärgerlich den Kopf und versuchst, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Du siehst dich um und studierst die anderen Passagiere, während du dich bemühst, ihre Existenz nicht weiter zu hinterfragen. Es muss doch jemanden geben, der das Steuer des Zuges übernehmen kann!
Du steigst auf einen Sitz. „Hey!“, schreist du.
„Hey!“, rufst du immer wieder, bis du die Aufmerksamkeit der meisten Passagiere auf dich gezogen hast. „Gibt es denn wirklich niemanden hier, der den Zug fahren könnte?“
Nichts, nur ein paar verwirrte Blicke. Manche von ihnen schauen dich an, als könnten sie es nicht fassen, dass du versuchst, mit ihnen zu sprechen.
„Es sitzt niemand am Steuer! Jemand von uns muss etwas tun, wir können nicht einfach nur hier herumsitzen!“
Ein Typ im Anzug starrt dich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Du starrst zurück und nickst ihm dann zu. „Was ist mit dir? Kannst du den Zug fahren?“
Der Typ schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung, wovon du da sprichst! Es ist dein Bewusstsein … Wenn es dir so wichtig ist, warum fährst du den Zug dann nicht einfach selbst?“
Kaum hat er den Satz beendet, interessiert er sich nicht mehr für dich und murmelt Pi vor sich hin. Seltsam, genauso hast du dir die Zahlen damals immer im Stillen vorgebetet, um sie nicht zu vergessen. Hat er von deinem Bewusstsein gesprochen?
Darauf kannst du dich nicht konzentrieren, denn du fühlst dich irgendwie ertappt. Du willst den Zug nicht fahren müssen, denn du hast Angst, dass du es nicht kannst. Du hast Angst, dass es zu kompliziert ist. So viel komplizierter, als eine Nebenrolle zu spiele. Doch die Worte des Typen lösen etwas in dir aus. Während du dich auf den Weg zum vordersten Punkt des Zuges machst, wirst du immer entschlossener. Es ist richtig, was du vorhast. Du willst nicht für den Rest deines Lebens die Landschaft hinter den Zugfenstern betrachten, du willst wieder da draußen sein können. Du willst dein Leben wirklich leben, aufwachen! Aufwachen?
Du öffnest die Tür, die das Einzige ist, was dich noch vom vordersten Teil des Zuges trennt. Du blinzelst wie in Zeitlupe, schließt die Augen. Bitte, wach wieder auf. Hast du das nicht schon einmal gehört? Als wäre es das erste Mal seit Jahren, öffnest du die Augen. Du machst einen Schritt nach vorne und der Zug verschwindet. Du machst einen Schritt nach vorne, hinaus aus deinem Kopf, zurück in die Realität.
Tamara Both wurde 2005 in Berlin geboren. Das Schreiben war ihr schon immer sehr wichtig und hat ihr so viel Freude bereitet, dass sie sich sogar dazu entschlossen hat, es nun zu studieren.
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