Jana Kühn für #kkl51 „Passagier“
Passagier des Lebens
Ich sitze eingemummelt auf der Couch. Die harte Lehne drückt in meinen Rücken – seit Wochen schon denke ich, dass sie endlich mal ausgetauscht werden müsste. Der Fernseher flackert. Bilder ziehen vorbei. Schnell, grell, voller Wut, Kummer und Protest. Ein beachtlicher Teil der Welt brennt, und doch drehen sich die großen Debatten immer noch darum, wie man den Wohlstand und die Macht derjenigen bewahren kann, die ohnehin schon alles haben. Wie einäugig.
Mein Laptop gibt auf. Akku leer. Auch er müsste mal ersetzt werden.
Früher – so lange ist es gar nicht her – hätte ich nicht einfach nur dagesessen und gewartet, dass die Geschehnisse um mich herum den Ton angeben. Damals schien alles weniger kompliziert. Frieden war möglich, Freiheit greifbar, Respekt und Miteinander selbstverständlich. Dachte ich. Heute weiß ich: Nichts davon ist sicher. Nichts passiert von selbst.
Etwas in mir beginnt zu brennen. Der Drang, diese Welt zu verändern. Sie zu formen, zu verstehen, zu verbessern. Ich stelle mir vor, wie es wäre, das Ruder wieder in die Hand zu nehmen. Nicht nur in Gedanken, sondern wirklich – mit Taten, die Gewicht haben. Ich könnte mich einmischen, anstatt nur zuzusehen. Meine Stimme erheben, anstatt innerlich zu brodeln. Dinge tun, die ich mir schon lange vorgenommen habe, aber immer auf später verschoben habe. Kurz gesagt: Ich könnte mehr sein als der Passagier meines eigenen Lebens.
Ein Schritt. Ein Wort. Eine Tat.
Ich lege alles beiseite – den Laptop, das Handy, die Fernbedienung – und schließe die Augen. Stille. Sie ist unangenehm, fast beklemmend. Doch dann gewöhne ich mich daran. Raum. Dunkelheit. Und plötzlich tauchen Bilder auf. Nicht die bekannten Nachrichten-Gesichter, nicht die ewigen Krisen dieser Welt. Sondern mein eigenes Leben. Meine eigenen Möglichkeiten.
Ich sehe Menschen, die meinen Alltag mitbestimmen, mir aber nicht länger guttun. Sie müssten endlich mal ausgetauscht werden. Gewohnheiten, die mich bremsen. Sie müssten endlich mal ausgetauscht werden. Besitz, der längst nur noch eine leere Hülle ist. Auch er müsste endlich mal ausgetauscht werden.
Vielleicht fehlt nicht der Wille. Nicht einmal die Zeit. Es ist die schiere Flut an Möglichkeiten, die mich in den Beifahrersitz drückt. Ich will durchstarten – aber wohin? Wie?
Und so bleibe ich hier sitzen. Auf der Couch. Und warte einfach auf das nächste Mal.
Jana Kühn (*1991) lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Heidelberg. Ihre Zeit im Ausland, darunter in Australien, Paraguay und England, erweiterte nicht nur ihren Blick auf die Welt, sondern entfachte auch ihre Leidenschaft fürs Schreiben. In ihren Texten verbindet sie fesselnde Geschichten mit tiefgehenden Fragen, besonders dem Balanceakt zwischen Selbstfürsorge und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie möchte zukünftigen Generationen eine Stimme geben, zum Nachdenken anregen und zugleich ein unterhaltsames Leseerlebnis schaffen. Auf ihrem Blog zeilenwende.de und auf Instagram (@zeilenwende) teilt sie ihre Gedanken über das Schreiben, das Leben und die großen Themen unserer Zeit.
Website: https://zeilenwende.de
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