Rheines Leben

Petra Schmidbauer für #kkl51 „Passagier“




Rheines Leben

Ich bin Vater und Mutter zugleich und seit Urzeiten unterwegs. Aber eine Dame wie ich würde nie zugeben, dass sie sich alt fühlt. Um solchen Fragen aus dem Weg zu gehen, trage ich zur Tarnung einen männlichen Namen.

Meine sich fortzeugende Quelle speist ununterbrochen neue Jugend in mich, frische Schmelze und junger Tau geben mir Charme und Würze, aber nur die liebenden Vereinigungen mit zahlreichen Verehrern, die von Zeit zu Zeit meinen Weg kreuzen, lassen mich zu wahrer Vollkommenheit wachsen. Sehr stolz bin ich auf meinen Körper; hier schmal, da breit, mit sanften und üppigen Kurven, hat er sich gut gehalten. Beliebig variiere ich meine Stimme, ich lasse Wellen plätschern und prasseln oder wollüstig brausen. Natürlich lodert auch Leidenschaft in mir; beim Sprung aus der Höhe gerate ich regelrecht ins Tosen und Schäumen.

Die Wellen sind meine Hände, gern schmücke ich sie im Wind mit Splittern tanzenden Lichtes, lasse die Kiesel und Muscheln am Ufer knistern oder setze Fabelwesen an den Strand.

Am besten stehen mir ins Wasser getauchte Himmelsfarben, und zwar die ganze Palette von licht bis blickdicht

Wenn jedoch aufsteigende Strömungen meine Haut kräuseln, hat mich etwas wütend gemacht. Wie damals, als die Menschen meinen Körper gewaltsam chirurgisch korrigierten. Daran entzündete sich mein Temperament und ich rächte mich fürchterlich; trat aus mir heraus, floss zu den Peinigern und verwüstete ihr Land. Hin und wieder behalte ich mir vor, das zu wiederholen. Vor allem aber bin ich eine begeisterte Sammlerin. Sie kommen alle zu mir, die Traurigen, die Verzweifelten, die Spielenden, Waghalsigen, Schmuggler, Soldaten, Händler, Bosse und Untertanen, Künstler und Reisende. Die Liebenden und die Streitenden. Die Mörder und ihre Opfer. Wenn ich es will, kommt alles ans Tageslicht.

Ach, so gerne ich mich auch an die vergangenen Zeiten erinnere, es stimmt mich dennoch traurig, dass, ich keinen der alten Bekannten je wiedersehen werde. Nicht die Nibelungen, die mir ihren Schatz anvertrauten, dessen Versteck ich leider vergessen habe. Nicht die Germanen und Kelten, Römer oder Merowinger, alle Könige und Kaiser danach bis hin zu den Franzosen. Na gut, die Preußen vermisse ich nicht so. Nur die Loreley singt noch manchmal für mich.

Der verliebte Brentano meinte es gut mit mir. Auf einmal war ich berühmt und umworben, für viele ein gutes Geschäft. Leider folgten dem Reichtum auf dem Fuße Kriege und Hass, Verwüstung und Armut, sowie unzählige Gesichter des Unglückes.

Nicht zu vergessen, was ich an giftigen Abfällen aus Industrie und Landwirtschaft schlucken musste. Das war sehr, sehr belastend und brachte mich fast um.

Genug gejammert! Ein wenig Melancholie sei hin und wieder erlaubt, aber ich darf nicht in Pessimismus verfallen.

Durchaus versöhnlich verfolge ich den Wandel, der in letzter zeit durch das Land zog. Erklärtes Ziel ist, wie man hört, die ganze Gesellschaft friedlicher, gerechter und nachhaltiger zu gestalten. Irgendwann soll all das normaler Standard sein: statt Rassismus Solidarität und Integration, für alle dieselben Chancen, Frieden und Freiheit, egal, ob die Menschen straight oder queer, blass oder bunt, arm oder reich sind.

Außerdem sollen Tiere und Klima gerettet werden, damit ein rundum gesunder Planet entsteht.

Noch bin ich skeptisch; wir kennen das zur Genüge mit den Versprechungen. Andererseits; wer hätte gedacht, dass sich in meinem Schoß je wieder muntere, gesunde Fische tummeln. Bei der Zählung im letzten Jahr kamen sechzig Arten zusammen. Immerhin ein toller Anfang! Davor lagen Jahrzehnte des langsamen inneren Absterbens. Das war nicht fair. Hatte ich die Menschen nicht immer genährt und versorgt: Fische, Wein, Stahl und Kohle, Kohle, Kohle?

Diese Idealisten haben sich ganz schön was vorgenommen. Jeden Bürger mitnehmen, gewaltfrei, durch Überzeugung. Das kann ja dauern, bis der Letzte so weit ist.

Wieviel einfacher hat es die Natur. Schaut, ich muss nicht mehr teilen oder abwehren, denn ich gehöre niemandem, bin sozusagen polyamor. Mein Schleifen ziehender Weg verbindet die Regionen wie ein Freundschaftsband, oder?

Hoppla, gerade schiebt sich ein merkwürdiges Wesen in mein Blickfeld. Diese Gestalt, ein aufgeblasener rosa Schwan, wippt rhythmisch im Wasser. Zum Glück ist es nur eines dieser beliebten Badetiere für kleine Mädchen und Jungen. Ah, er trägt etwas auf dem Rücken, das ich als Schwimmhilfen erkenne, wie sie Kinder um Arme und Leib tragen, um sich über Wasser zu halten.

Daneben ein Pappschild, krakelig beschrieben: „Schwimmflügel zu verschenken.“

Ich lächle über den Ausdruck Schwimmflügel. Schwimmen und Fliegen in einem Wort, als sei es dasselbe, nur einmal von oben und einmal von unten betrachtet. Kinderfantasie, wie süß.

Gleichzeitig fährt der Schreck in mich. Doch nicht hier in meinem wilden Strom, wo unbekannte Tiefen lauern, haltlos trudelnd ohne Sicherungsseil. Verdammt!

„Passt auf eure Kinder auf, wenn ihr eine Zukunft für uns alle wollt“, blubbere ich dunkel vor mich hin, obwohl mich niemand hört. Wohin mit dem Ding? In friedliche Gewässer, ja, so wie meine Rheinauen früher, ach, wie ich sie vermisse. Ausgleichend waren sie und schmeichelhaft, wie Strähnen im Gesicht.  An einigen Stellen bemüht man sich, sie neu anzulegen. Als ob es so einfach wäre. Die Urwüchsigkeit ist dahin, denn sofort siedeln sich gleichzeitig die Camper dort an. Also wieder nur ein Kompromiss? Tja, ohne gibt es wohl keine Aussöhnung. Immerhin kann ich diese rosa Fantasie dorthin treiben.  Für meine unterirdischen Strudel kein Problem.

Bei A. suche ich die ganze Flußseite ab, denn ich vermisse etwas. Dank meiner Fähigkeit, gleichzeitig hier und anderswo zu sein, bin ich topaktuell informiert. Bis gestern kam seit ein paar Wochen regelmäßig ein junges Mädchen ans Wasser: ganz in schwarz vom Scheitel bis zur Sohle, mit bleichem Gesicht, die Augen nur schwarze Schatten, selbst die Lippen farblos. Saß nur, sprach nicht, sang nicht, war blind für mein Getänzel und Farbenspiel.

Irgendwann fing sie an zu weinen, tagelang ging es so, schwarze Tränenbäche flossen in meine Kleider und ruinierten die Farben. Dieses Zeug kriegt man nie wieder raus.

Um sie aufzumuntern neckte ich sie mit Gesprudel und leckte an ihren Zehen. Keine Reaktion.

„Hey, hör auf zu jammern, hast du nichts Besseres zu tun?“, rief ich und bespritzte sie mit Fontänen. Umsonst. Da brodelte ich von Grund auf und griff, was ich zuerst zu fassen bekam. Ein alter rostiger Fahrradlenker steckte tief in meinem Boden. Den schleuderte ich mit aller Kraft ans Ufer, streifte sogar ihren Arm, absichtlich. Heulend rannte sie davon.

Heute sitzt sie nicht am Strand.

Was geht da vor sich? Mehrere Personen laufen mit blauen Säcken neben mir auf und ab und sammeln umherliegenden Müll ein.

Oh! Aufgeregt spucke ich ihnen noch ein paar alte Tüten und Dosen vor die Füße.

Fast hätte ich mein schwarzes Mädchen in der Gruppe nicht erkannt: die Ärmel hochgekrempelt, die Haare flattern lustig im Wind, und ohne die verschmierte Schminke leuchten ihre Augen hell und klar.

Was für eine Freude.

Die Menschen geben die Welt nicht auf.

Kinder wollen lachen und auf blühenden Wiesen toben, Verliebte im Frieden glücklich sein. Dieser Wunsch wird immer wieder neu entstehen, er lässt sich nicht vernichten.

Den ganzen Weg hatte ich daran gedacht, mich am Ende der Reise entspannt, mit ausgestreckten Gliedmaßen in das große Wasser im Norden zu werfen. Ebenso möchte ich auch zukünftig noch dabei sein, ich bin doch so neugierig. Zum Glück sprudelt meine Quelle weiter, wie das Leben, das immer wieder neu entsteht, mit unendlich vielen neuen Träumen und Chancen.




Petra Schmidbauer

Veröffentlichungen:

  1. Anthologie „Wege& Spuren“ Lotto-Kunstpreis Rheinland-Pfalz 2024
  2. Athena Verlag/ Katrin Janßen (Hg.), 2013: „Liebe und andere Ungereimtheiten“ ISBN 978-3-89896-561-3
  3. VHS-Literaturwettbewerb, Siegen 2008: „Liebe Orte“
  4. Athena Verlag, 2003: „Lippenblüten“
    ISBN:3-89896-139-7
  5. Autoreninitiative Köln/Axel Kutsch, 2002: „Versfluss“
  6. Edition Trèves, 2001: „Verschenkkalender“, Tage-Jahr&Lesebuch
  7. Athena Verlag/Edition Exemplum, 1998: „Die Welt reibt sich an mir“
    ISBN: 3-932740-22-X
  8. .  Czernik-Verlag/Edition L, 1998: „Allein mit meinem Zauberwort“
    ISBN:3-930045-71-0







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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