Matilda Lütticke für #kkl51 „Passagier“
Der letzte Brief
Der Hafen in Pucallpa ist laut und hektisch, aber ich liebte es. Nicht zum ersten Mal machte ich nun diese Reise. Ich hatte einen Rucksack mit den paar Sachen, die ich brauchte, und eine große Plastiktüte, die meine Mutter mir mitgegeben hatte. Ich solle sie zu meiner Tante bringen, wenn ich sie schon besuche. Meine Tante lebt in Iquitos, im tiefen peruanischen Regenwald. Mit dem Frachter brauchte man gut fünf Tage, bis man ankam, aber ich mochte diese Art zu reisen. Iquitos erreichte man eh nur mit dem Boot oder dem Flugzeug. Ein Schnellboot war nichts für mich. Du sitzt nur auf deinem Platz und kannst dich nicht bewegen. Da fahr ich lieber fünf Tage mit dem Frachter über den Amazonas, schau mir den Sonnenuntergang an und höre mir die Geschichten der anderen Passagiere an.
Ich blickte mich um. Verdammt! Ich war schon ziemlich spät. Die meisten waren wahrscheinlich schon seit ein, zwei Tagen an Bord und hatten sich gute Plätze gesichert. Es war schon ganz schön voll. In dem großen Hauptraum des Frachters hingen mehrere Hängematten nebeneinander, die an Metallstäben an der Decke befestigt waren. In der Mitte befand sich ein länglicher großer Tisch. Teilweise fehlten die Fensterscheiben in den Fenstern nach draußen, was mich hoffen ließ, dass es während unserer Reise nicht regnen würde. Ich ging an den kleinen Kindern vorbei, die sich an ihre Hängematten hingen und schon jetzt ihren Eltern auf den Geist gingen. Oh bitte finde ich noch einen ruhigen Platz. Ich hatte keine Lust darauf, in der Nacht ständig einen Fuß in die Seite zu bekommen. Ganz hinten sah ich eine einzelne Hängematte. Direkt neben der Ware, die den Hauptraum bereits zu Teilen einnahm. Als ich näher kam, sah ich einen alten Mann, der ruhig in seiner Hängematte lag und abwesend auf das braune Wasser nach draußen schaute. Sanft schwenkte er von einer Seite zur anderen. Perfekt dachte ich. Ich hing meine Hängematte neben ihm auf und stellte meine Sachen unter dem Fenster ab.
Ich blickte um mich. Bald würde es los gehen. Viel Platz war nicht mehr und die Crew räumte die letzten Kisten auf den Frachter. Ich legte mich in meine Hängematte und schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, schwankte alles um mich herum und ich hörte das laute Brummen des Motors: Es ging los!
Die schwüle Luft war schwer, das Summen der Insekten allgegenwärtig. Um mich herum schaukelten die anderen Passagiere in ihren Hängematten, dösten oder erzählten sich Geschichten.
„Wem schreiben Sie da?“ fragte ich den älteren Herrn neben mir. Er hatte ein zerknittertes Gesicht, das von Sonne und Zeit gezeichnet war. Er sprach wenig, hielt sich zurück, als gehöre er nicht richtig hierher. Die ganze Zeit hielt er einen Brief in seinen zittrigen Händen, als wäre er wertvoller als alles, was er besaß. Er schaute aus dem Fenster auf das unruhige Wasser. Noch waren wir auf dem Ucayali, doch bald würde der Fluss mit dem Maranon zusammenfließen und breiter werden. Dann sind wir auf dem Amazonas, eingebettet in den Dschungel Perus. Der Mann schaute mich an, als hätte er vergessen, dass er nicht allein war. Er zögerte kurz und sagte schließlich: „Es ist kein Brief an jemanden. Es ist ein Brief für jemanden.“ Ich blickte ihn leicht irritiert an. Er schwieg einen Moment, dann setzte er fort. „Ich bringe ihn zu einer Frau, die ich einmal kannte.“ Ich hatte schon viele Menschen mit ihren Geschichten auf diesen Frachtern getroffen und fand es spannend, was sie zu erzählen hatten. Manche fuhren in die Stadt, um ein neues Leben zu beginnen. Andere kamen zurück, weil ihr altes Leben gescheitert war.
Ich wartete und schließlich begann er zu erzählen. „Sie heißt Isabel.“
„Wir sind gemeinsam aufgewachsen. Sie war meine beste Freundin und wir machten alles zusammen. Wir verbrachten unsere Kindheit und dann unsere Jugend miteinander, führten Gespräche bis tief in die Nacht und trafen uns heimlich an unserem gemeinsamen Ort nahe des Flusses. Wir wurden älter und ich war zwar zufrieden mit meinem Leben in Pucallpa. Ich liebte die Stadt, die Einfachheit Pucallpas und die Vertrautheit meines Lebens dort. Aber Isabel wollte schon immer mehr. Sie wollte die Welt sehen, raus aus der Stadt und Abenteuer erleben. Eines Abends sagte sie mir, dass sie ein Stipendium bekommen habe und in ein paar Tagen nach Lima gehen würde, um dort zu studieren. Sie schaute mich lange an, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte.“
Plötzlich klingelte eine Glocke. Der alte Mann unterbrach. Ich musste mich erstmal orientieren, wo ich gerade war. So sehr war ich in die Geschichte eingetaucht. Es war Essenszeit. Fünf Uhr. Wie war die Zeit so schnell vergangen? Um 7 Uhr morgens, um 12 Uhr und um 5 Uhr abends gab es Essen. Wir stellten uns in die Reihe vor der kleinen Schiffsküche. Jeder hatte seine eigene Tupperschachtel dabei und bekam dort Reis, Bohnen und ein Stück Hähnchenfleisch hinein. Wir setzten uns an den großen Tisch in der Mitte des Raums und der alte Mann setzte seine Erzählung fort:
„Auf einmal begann es zu regnen, als würde die Welt untergehen. Innerhalb von Sekunden hatte es angefangen und die anderen Menschen rannten, um sich unterzustellen oder in ein Haus zu retten. Ich wollte es ihnen gleich tun, aber Isabel schaute mich an und fragte mich „Wovor rennst du weg? Wovor hast du Angst?“. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Sie nahm meine Hand, stand auf und zog mich zu ihr hoch. Barfuß begann sie sich auf der matschigen Straße zu drehen und zu tanzen. Sie tanzte im Regen, lachte und ich fühlte mich frei. Für einen Moment vergaß ich meine Ängste und Zweifel und wirbelte sie im Kreis. Das war meine Gelegenheit ihr zu sagen, dass ich sie liebte. Denn das tat ich. Schon sehr lange.“
„Doch ich blieb still. Wenige Tage später fuhr sie nach Lima und ich sah sie nie wieder. Ich suchte in jeder Zeitung ihren Namen, denn sie wollte Schriftstellerin werden. Einige Jahre später hörte ich, dass sie geheiratet habe. Und auch ich heiratete. Doch ich wurde nie so richtig glücklich und dachte jeden Tag an sie zurück und daran, was hätte sein können. Ich habe meine Chance verpasst, und das weiß ich, und bereue es jeden Tag. Aber nun ist die Zeit gekommen, ich habe meinen Mut gesammelt und will ihr diesen Brief bringen. Ich hoffe nicht auf eine zweite Chance. Ich will ihr nur sagen, was ich damals nicht hatte aussprechen können.“ Der alte Mann blickte gedankenverloren aufs trübe Wasser. „Sie hat ein Recht, es zu hören.“
Ich sah ihn an. Er erzählte mir von weiteren Entscheidungen, die er aus Angst vor Veränderung nicht getroffen hatte. Wie oft hatte ich genauso gehandelt? Ich blieb immer in meiner Komfortzone, anstatt etwas zu riskieren. Aber kann ich so leben? Will ich so leben? War ich so glücklich? Die Geschichte des alten Manns brachte mich zum Grübeln und beschäftigte mich. Das Leben ging so schnell vorbei. Ich stehe noch am Anfang und habe noch so viele Möglichkeiten, die ich nur ergreifen müsste. Doch dafür darf ich mich nicht hinter Ausreden verstecken.
Die Tage vergingen. Tag für Tag saßen wir nebeneinander, während das Schiff langsam den Amazonas entlangfuhr. Immer wieder sah ich ihn den Brief hervorholen, lesen, Worte mit den Lippen formen, die niemals laut wurden. Ich schaute auf das Wasser, das gegen die Schiffswand klatschte und den Dschungel, der an unseren Seiten vorbeizog. Es war friedlich und das einzige, was du machen konntest, war zu existieren.
Am fünften Tag, als wir endlich in Iquitos ankamen, begleitete ich ihn. Vielleicht, weil ich neugierig war. Vielleicht, weil ich wissen wollte, ob es so etwas wie eine zweite Chance wirklich gab. Wir gingen durch staubige Straßen, vorbei an Marktständen und hupenden Motorradtaxis, bis er vor einem kleinen Haus stehen blieb. Er klopfte und eine junge Frau öffnete die Tür. „Ich suche Isabel“ sagte er. Seine Stimme klang anders. Fester und zugleich unsicher. Die Frau runzelte leicht die Stirn. „Meine Großmutter hieß Isabel.“ Ich spürte, wie der alte Mann neben mir erstarrte. „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“, sagte sie. Für einen Moment schien es, als würde er vergessen haben zu atmen. Zwei Jahre. Zwei Jahre zu spät. Die Frau musterte ihn. „Wer sind Sie?“ fragte sie ihn. Der alte Mann sah auf den Brief in seinen Händen. Ich dachte, er würde ihn zerknüllen, ihn wegwerfen. Doch dann reichte er ihn ihr mit einem müden Lächeln. „Jemand, der sie nicht vergessen hat.“
Die junge Frau nahm den Brief zögernd entgegen, öffnete ihn, ihre Augen flogen über die Zeilen. Ich konnte ihr Gesicht nicht deuten. Vielleicht war es Überraschung, vielleicht Schmerz. Vielleicht verstand sie nicht, was diese Worte bedeuteten.
Der alte Mann wandte sich ab, langsam, und ging. Er kam zu spät, dachte ich. Doch vielleicht – nur vielleicht – würden seine Worte jetzt trotzdem jemandem etwas bedeuten. Ich blieb noch einen Moment stehen und sah zu, wie die junge Frau den Brief festhielt und ihm nachblickte.
Dann folgte ich ihm.
„Was werden Sie jetzt tun?“ fragte ich, als wir den Fluss erreichten. Er sah auf das Wasser, das langsam dahinfloss, so endlos wie die Zeit selbst. Dann lächelte er.
„Nach Hause fahren“, sagte er.
Matilda Lütticke wurde 2004 in Bonn geboren, lebt aber seit 2007 in Berlin, wo sie zurzeit Event- und Musikmanagement studiert. Sie hat eine Liebe zu Lateinamerika entwickelt, wo sie bereits ein Jahr gelebt hat und in der auch diese Kurzgeschichte spielt.
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