Worldtrans-Express

Karin Leroch für #kkl51 „Passagier“




Worldtrans-Express

Ich reise im Worldtrans-Express von Wien nach Sydney. Der Zug fährt entlang einer von Astrophysikern neu entdeckten Krümmung im Wirklichkeitszeitraum und kann eine Höchstgeschwindigkeit von über 2000 Kilometern pro Stunde erreichen. Wir fahren führerlos, das Triebwerk erhält seine Impulse durch die Funkverbindung zum Satelliten Leya7.

Auf dem Bildschirm in Augenhöhe rufe ich mein persönliches Reisecoaching-Profil ab. Es informiert mich über den Streckenverlauf, berechnet meine Pulsfrequenz und checkt, ob mein Gepäck noch im Aufgabewaggon liegt, zerfallen oder gestohlen ist.

Mir gegenüber im Abteil sitzt die Leiterin eines medizinischen Unternehmens, das synthetisches Euphoriehormon mittels homöopathischer Therapieschocks in das Lymphsystem ihrer Klienten transplantiert. Der Passagier neben ihr ist ein Züchter von durch elektronische Impulse motivierten Rennpferden. Die beiden haben mich eingeladen, mit ihnen eine virtuelle Partie Karten auf unseren Bildschirmen zu spielen. Unser Einsatz besteht aus Worldtrans-Bonuspunkten. Ich gewinne zehn Punkte und kann meine Fahrkarte upgraden. Der Gedankenscanner in meiner Nackenstütze empfängt diese erfreuliche Nachricht. Augenblicklich schießen Massagearme aus dem Sitz und beginnen, meine Taille zu kneten. Ich entziehe mich und suche den Getränkeautomaten auf, um mir eine Koffeininjektion zu holen.

Die Geschwindigkeit des Zuges nimmt ab. Wir durchreisen soeben den afrikanischen Kontinent. Dunkelgrünes Blattwerk wischt am Zugfenster vorbei, so langsam, dass ich jedes der dicken glänzenden Blätter berühren könnte. Zungen aus hungrigen Blütenkelchen lecken an den Fenstern. In den Zweigen sitzen schuppige Wesen mit scharfen Zähnen. Ein Auge so groß wie unser Fenster blickt träge zu uns herein.

„Vorübergehende Verzögerung“ blinkt auf unseren Bildschirmen und aus dem Lautsprecher tönt: „Vorübergehende Verzöööö“, der Ton wird tief und wabernd, Funken sprühen aus den Fugen unserer Kabinenwand. Wir halten an.

Endlose Sekunden verstreichen. Endlich heißt es: „Antrieb neu gestartet!“

Erst geht es im Schritttempo weiter, dann schneller. Mit 1200 km/h fahren wir durch einen Tunnel. Ein Überschallknall bewirkt die sofortige Verschiebung der Realitätsebenen. Draußen erstrecken sich jetzt Getreidefelder bis zum Horizont. Ein Mähdrescher, halb so breit wie das Feld, fährt über sattbraune Schollen. Hoch am Himmel über der Ernteszene schwebt eine digitale Anzeige, die die abgeerntete Fläche und den Ertrag in Tonnen pro Hektar zählt.

1300 km/h. Eine Folgewirkung der Krümmung im Wirklichkeitszeitraum ist die Instabilität der Gehirnfrontallappen aller Passagiere. Ich habe die Persönlichkeit gewechselt und sitze nun auf dem Platz gegenüber, da ich die Identität meiner Mitreisenden angenommen habe, der Unternehmerin, die ihren Klienten Euphoriehormon einpflanzt. Ich bekomme das zwingende Bedürfnis, allen das Produkt Sansiplus einzusuggerieren.

Die Unternehmerin selbst hat ganz klar die Persönlichkeit eines der mitreisenden Kinder angenommen und turnt zwischen den Sitzen. Die anderen Kinder werfen Spiderman-Netze nach ihr aus. Die Spinnfäden schnellen flüssig aus winzigen subkutan in ihre jungen Finger eingepflanzten synthetischen Drüsen. Bald sieht die Unternehmerin aus wie ein verpupptes Insekt.

Der Worldtrans-Express beschleunigt auf 1500 km/h, die Bildschirme zeigen den Reisenden die Neuberechnung ihrer Körperwerte, wie die raumkrümmungsbedingte Schrägverzerrung ihrer Gesichtsknochen. Ich erfahre, dass meine neue Identität, die Unternehmerin, verheiratet ist, keine Kinder hat, gerne nackt schläft und ein Übermaß an Mangopudding konsumiert. Ihr Gepäck ist noch im Aufgabewaggon.

Der Züchter der elektronisch motivierten Rennpferde ist in meine Identität geschlüpft, was ich daran erkenne, dass er aufmerksam die mitreisenden Kinder taxiert, um ihre bei der Geburt implantierten Impulssteuerungssynapsen zu prüfen, das war bisher mein Job. Ich bin gespannt, wie er damit zurechtkommt. Er pflückt sich ein kleines Mädchen aus dem Mittelgang und beginnt, ihre Wirbelsäule nach Steuerungsimplantaten abzusuchen. Er hat nicht bedacht, dass Kinder Erwachsenen impulstechnisch überlegen sind. Die Welt ist ein Videogame für dieses Kind, das in seinen Handflächen Gamecontrollertasten implantiert hat. Schnell betätigt die Kleine durch geschickte Fingerbewegungen die Tasten in ihren Handballen und sorgt damit in dem Videogame, das sie für ihr Leben hält, für Action. Der Rennpferdtyp muss augenblicklich den elektronischen Impulsen gehorchen, lässt das Mädchen los und beginnt, wie ein Hampelmann zu tanzen. Ich wende mich schnell ab.

1600 km/h. 1700 km/h. Draußen rast ein Strand vorbei, jetzt taucht unser Zug in den Indischen Ozean ein und fährt durch den neuen Unterwassertunnel aus durchsichtigem Plexistahl auf dem Meeresgrund. Wir könnten die Unterwasserlandschaft bewundern, wäre es nicht stockdunkel. Die Lichtblitze, die von draußen kommen, werden durch lichtemittierende Zellen von durch das Vorbeiflitzen des Zuges irritierten Tiefseefischen verursacht.

Als die Gesichter der Mitreisenden lang und länger werden und sich immer schräger verzerren, weiß ich, dass wir in den Höchstgeschwindigkeitsbereich eingetreten sind, ungefähr 2100 km/h. Bald wird sich auch meine neue Identität wieder verändern, und zwar dann, wenn sich unsere kleinsten Bestandteile miteinander vermischen. Wir werden Haut, Organe und Knochen miteinander austauschen. Schon spüre ich Vibrationen im Bereich meines Hirnstamms. Meine Vergangenheit ändert sich sekündlich, da die Identitäten sämtlicher Passagiere durch mich hindurchfließen. Ich komme aus Wien, Paris, Texas, habe einen gütigen, jähzornigen, keinen Vater, meine Mutter hat eine schrille, sanfte, keine Stimme. Ich mag Rosenduft im Garten, Forellenfischen am Isonzo und den Klang eines Fallbeils durch lebendiges Fleisch. Ich war Lehrer für Sechsjährige, Spekulant an der Wallstreet und Axtmörder in Liverpool. Mir wird schlecht, dann spüre ich Euphorie, dann Schuldgefühle.

Eine Mahlzeit wird gereicht, und alle müssen sich in ihre Sitze begeben. Dienstfertige Klauen an kranförmigen Armen zerreißen die Sollbruchstellen der Zugabteilwände, um den Passagieren Proteinbrei zwischen die Lippen zu schieben. Als die Klauen die Malmbewegung meiner Kiefer für mich übernehmen, spüre ich ein Knirschen, und plötzlich sehe ich doppelt. Ich werde mich nach der Reise mittels Feedbackformular darüber beschweren.

Der Rest der Fahrt ist langweilig. Der Zug schwankt immer wieder durch die unregelmäßige Krümmung des Wirklichkeitszeitraums. Ich schlafe ein bisschen.

Als wir vor Australien auftauchen und bald darauf in Sydney ankommen, steige ich aus. Ich bin nicht sicher, wer ich durch die Zugfahrt geworden bin oder was ich in Sydney wollte, aber meine Pulsfrequenz beträgt nun 300 Schläge pro Minute, und das gibt mir die Gewissheit, dass ich lebe, was von der Worldtrans-Gesellschaft bei keiner Fahrt mit Sicherheit gewährleistet wird.




Karin Leroch

Lebt in Wien, schreibt seit 2010 Geschichten.

2016 Lehrgang des Berufsverbandes Österreichischer Schreibpädagogen

Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften (Etcetera, DUM, UND, Schule für Dichtung).

2016 Kurzroman „Die Saat“, Verlag Ohneohren.

2024 Horrorroman „Okeanos“, Trivocum Verlag.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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