Die Verspätung

Robert Höpfner für #kkl51 „Passagier“




Die Verspätung

Ich habe die Angewohnheit, hin und wieder meine Ablageordner durchzublättern, überflüssiges auszusondern. Dabei stieß ich vor kurzem auf ein Schreiben, dass ich vor über 30 Jahren los-gelassen habe. Es ist ein Beschwerdebrief an ein Reiseunternehmen. Ich will hier zunächst

den vollen Wortlaut wiedergeben und anschließend berichten, was sich rund um den gegenständlichen Vorfall zugetragen hat.

Hier nun der Text des Schreibens, in dem ich auch für meinen mich begleitenden Freund spreche:

Betreff:

Entschädigung wegen erheblicher Flugverspätung

Sehr geehrte Damen und Herren,     

wie Sie den beiliegenden Unterlagen (Kopien) entnehmen können, hatten wir eine Pauschalreise für eine Woche vom 31.7. bis 7.8.1992 in einem Hotel in Kreta gebucht. Leider sehen wir uns veranlasst, von Ihnen wegen einer erheblichen Beeinträchtigung unseres Urlaubes eine Entschädigung zu verlangen.

Der Sachverhalt stellt sich wie folgt dar:

Der Abflugtermin vom Flughafen München war auf den 31.7. um 6.10 Uhr angesetzt. Nachdem wir zu diesem Zeitpunkt in freudiger Erwartung des Reisebeginns im Flugzeug Platz genommen hatten, erfolgte die Durchsage des Piloten, dass man wegen eines technischen Defektes am Flugzeug nicht planmäßig starten könne und sich der Abflug daher verzögere. Danach stiegen wir wieder aus. Gegen 12 Uhr, also nach einer Wartezeit von sechs (!) Stunden, die wir voller Ungeduld vergeblich auf eine Information in der Wartehalle zubrachten, wurde uns von je einem Vertreter der Fluggesellschaft und des Reiseunternehmens die Mitteilung überbracht, dass aufgrund der Hauptreisezeit erst um ca. 22 Uhr ein Ersatzflugzeug für uns zur Verfügung gestellt werden könne. Es kam zu tumultartigen Szenen mit lautstarken Protesten, wie Ihnen sicher

schon erfahren haben.

Widerstrebend nahmen wir schließlich das Angebot an, die Zeit bis zu dem ankündigten Abflug in einem Hotel in Freising, einer Stadt im Umland des Flughafens München, zu verbringen. Ein Shuttlebus brachte uns dorthin. Doch unsere Hoffnung, in dem Hotel sich für ein paar Stunden niederlegen zu können, zerschlug sich, als uns an der Rezeption erklärt wurde, dass keine Zimmer frei seien. So mussten wir die Zeit bis zum Flughafentransfer um 20 Uhr, also 7 Stunden, im Speisesaal, im Foyer oder in den Gängen zubringen. Ein Aufenthalt im Freien wurde uns durch das unwirtliche Regenwetter verleidet. Sie können sich vorstellen, wie das alles von uns aufgenommen wurde. Zu allem Überfluss verzögerte sich der Abflug noch einmal um eine Stunde, so dass wir erst um 23 Uhr starteten.

Im Ergebnis ist festzustellen, dass uns eine Abflugverspätung von insgesamt 17 Stunden(!) zugemutet wurde. Zu allem Überfluss musste das Flugzeug wegen Überlastung des Flughafens in Heraklion eine halbe Stunde in der Luft kreisen. Und als ob das alles noch nicht gereicht hätte, ließ der Shuttle-Bus zum Hotel über eine Stunde auf sich warten, die wir draußen, eingenebelt von Autoabgasen, verbringen mussten.  Die schaukelige Fahrt zum Hotel dauerte dann nochmal fast eine Stunde.

Wäre alles regulär abgelaufen, wären wir spätestens zur Mittagszeit im Hotel angekommen. Aber so entstiegen wir dem Bus erst am folgenden Tag um 5 Uhr in der Früh! Wir ließen uns in dem uns zugeteilten Zimmer todmüde auf die Betten fallen, so dass wir auch noch das Frühstück verpassten.

 Die geschilderte Verspätung und die damit zusammenhängenden Umstände lassen sich bei einer nur einwöchigen Reise, wie sie wir gebucht haben, nur schwerlich heilen – zumal wir praktisch um einen Urlaubstag gebracht wurden. Überdies war der Tag der Ankunft und auch noch der darauffolgende Tag durch unsere Übermüdung und nervliche Zerschlagenheit entwertet.

Beim Auspacken meines Koffers musste ich auch noch feststellen, dass meine Kleidungsstücke feucht und größtenteils blaue Flecken von der Farbe meines Koffers aufwiesen. (Ein Bestätigung der Vertreterin ihres Reiseunternehmens im Hotel samt Fotos liegt bei.) Der Grund kann nur sein, dass das Gepäck am Flughafen München nach Feststellung des Flugzeugschadens ausgeladen und für längere Zeit im Regen gestanden haben muss und so Wasser in den Koffer eindrang. (Ich gestehe zu, dass es sich um ein eher einfaches Modell handelt; aber wo steht, dass man nur farbechte Koffer verwenden darf!?)

 Sie werden bei verständiger Würdigung des dargestellten Sachverhaltes einsehen müssen, dass wir infolge der Unannehmlichkeiten und der damit verbundenen Einbuße an Urlaubszeit- und Freude, die zu einer erheblichen Schmälerung des Erholungserwartung an den Urlaub geführt hat, eine spürbare Entschädigung erwarten, die das Malheur mit der verfärbten Wäsche mitumfasst.

Soweit unsere Forderung auch die Fluggesellschaft betrifft, regeln Sie das bitte untereinander.  

Mit freundlichen Grüßen

Robert Höpfner  

Mittlerweile sind, wie gesagt, dreißig Jahre vergangen. Und doch steht mir auf einmal der ganze Vorfall lebhaft vor Augen.

Fangen wir ganz am Anfang an – mit der Bitte des Kopiloten, wieder auszusteigen und was diese in uns ausgelöst hat. Da wir, die wir gemeinsam das Flugzeug mit einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Vorfreude bestiegen und Platz genommen hatten, bereits eine Schicksals-gemeinschaft gebildet hatten (was mehr instinktiv als bewusst ablief), konnte ich hautnah erleben, wie die anderen reagierten. Das betraf zunächst die ersten Sekunden nach der

Durchsage. Während es mir einen Stich versetzte, der mir die Sprache verschlug, machte sich im Flugzeug allgemeines Geplapper breit. Ich hatte den Eindruck, dass man sich unter keinen Umständen die Urlaubsstimmung, von der alle ergriffen waren, verderben lassen wollte. Einige taten sich durch spaßige Bemerkungen hervor, die in dem Satz gipfelten: “Wahrscheinlich hat der Pilot verschlafen“; mir kam das wie Galgenhumor vor. Mehrmals vernahm ich Sätze wie „Wir sind in Urlaub“, „Es wird schon nicht so schlimm werden“.

Ich konnte mir allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass die zur Schau getragenen Zuversicht eher gute Miene zum bösen Spiel machen wollte.

Bei mir hingegen war die Durchsage ein Schlag in die Magengrube. Einer unheilvollen Ahnung Ausdruck verleihend sagte ich zu meinem Freund: „Du wirst sehen, so schnell fliegen wir nicht. Die Sache wird sich hinziehen.“

Ins gleiche Horn wie die Mitreisenden erwiderte er:

„Ach was, die haben ja nicht nur ein Flugzeug. Dass du immer schwarzsehen musst.“

„Du wirst schon sehen“, orakelte ich noch abschließend.

Nachdem man uns aus dem Flugzeug in die Wartehalle zurückgeleitet hatte, machte sich nach anfänglichen belustigenden Bemerkungen in der Art des schwarzen Humors alsbald Ernüchterung breit, die sich bei zunehmender Dauer der ausbleibenden Informationen mit lauten Unmutsäußerungen Luft machte. Dann aber, am späten Vormittag, verfielen alle in eine sonderbare Lethargie und stierten, auf ihren Sitzen kauernd, leer vor sich hin – auch die, welche voller Unruhe planlos hin- und herwanderten. Auch das aufgeregte Telefonieren mit den Handys, die viele damals schon besaßen, wurde nach und nach eingestellt. 

Erst als sich die beiden von der Fluggesellschaft und der Reisegesellschaft am Mittag zeigten, schienen alle von den Toten zu erwachen und zwar von null auf hundert. Die beiden kamen kaum zu Wort, da eine Lawine erboster Worte auf sie niedergingen: „Unverschämtheit… Sowas haben wir noch nie erlebt…Das bringe ich an die Presse“ waren noch die harmlosesten Äußerungen.  Es waren meist Männer in den mittleren Jahren, die sich besonders unbeherrscht gebärdeten; die Jüngeren zeigten sich meist gelassener, warum auch immer. Besonders nahe ging die Sache einigen Frauen ab, die bittere Tränen weinten.

 Mit einem Schwenk bin ich in dem Hotel in Freising. Dort angekommen, rief ich mit dem Handy (ich hatte mir eigens für die Reise eines zugelegt) meine Frau an, die zuhause geblieben war. Nach meinem Hallo „Ich bin´s“ und ihrer Erwiderung „Schön, dass du schon anrufst“ drangen auch gleich die erwarteten Fragen in mein Ohr:

„Wie war der Flug? Hast du ein Zimmer zum Meer?“

Das Unglaubliche der Situation, versehen mit einer Art Galgenhumor, in dem auch verdrängte Wut zum Ausdruck kam, antwortete ich: „Welcher Flug, es hat keinen gegeben. Ich sitze zwar im Hotel, aber nicht in Kreta, sondern in Freising. Und ich schaue nicht aufs Meer, sondern auf einen Parkplatz mit regennassen Autos.“

Wie nicht anders zu erwarten, herrschte für ein paar Sekunden Schweigen. Da meine Antwort absurd erscheinen mussten, fasste sie diese als einen meiner üblichen Scherze auf und sagte daher: „Dir muss es ja blendend gehen. Jetzt aber im Ernst, gefällt es dir?“

Ohne Zögern erwiderte ich: „Es ist mir Ernst, wir sind wirklich hier in einem Hotel in Freising. Wir saßen schon im Flieger, als es hieß, wir müssen wegen eines Schadens wieder aussteigen. Seitdem warten wir. Seit Mittag lungern wir in diesem Hotel herum. Nur gut, dass ich die Mozart-CD mitgenommen habe. Ohne die wäre ich wahrscheinlich schon in die Luft gegangen.“ Dass ich unbewusst die Redewendung „In die Luft gegangen“ verwendet hatte, nötigte mir sogar ein Lächeln ab.

„Ach du Armer“, wurde ich bemitleidet, was meine Stimmung nicht hob.

„Und dein Freund, wie geht es ihm?“ 

„Du kennst ihn ja, den bringt so schnell nichts aus der Ruhe.“

Mit ihren trostreichen Worten „Ruhig Blut, mein Lieber, es wird schon werden“ endete

das Telefonat.

Wie in dem Beschwerdebrief erwähnt, schloss sich eine lange Nacht an. Es war schon ein befremdliches Gefühl, früh um fünf völlig übermüdet in dem Hotel anzukommen, wissend, dass die Hotelgäste selig in ihren Betten schlummern und nichts von unserem Schicksal ahnten.

Etwas kam mir in den folgenden Tagen sonderbar vor. Es war nämlich so, dass sich etliche der Urlauber, die durch das gemeinsame Erlebnis eine Verbundenheit spüren müssten, so weit wie möglich aus dem Weg gingen.

Auch am Strand oder am Pool sahen sich die Leidgeprüften bei der Wahl des Platzes um, um nicht versehentlich neben einem der Schicksalsgenossen zum Liegen zu kommen. Auch wenn man sich auswich, wo es nur ging, soll das nicht heißen, dass man nicht gelegentlich ein paar unverbindliche Worte miteinander sprach. Unter keinen Umständen wurde aber die Sprache auf das verbindende Erlebnis gebracht. Einmal hörte ich zufällig den Beginn einer Unterhaltung zwischen zwei Ehepaaren mit:

Er 1:„Na, wie war denn euer Tag so?“

Er 2:„Wir lassen es uns gut gehen.“

Sie 1: „Na, warum auch nicht, dafür hat man ja Urlaub.“

Er 1 zu Sie 2: „Sie sind ja schon ziemlich braun geworden.“

Sie 2: „Ach, bei mir geht das schnell. Mein Mann verträgt die Sonne weniger gut.“

Er 2: „Meine Frau übertreibt mal wieder.“

….

Noch eines konnte ich beobachten. Gerade diejenigen, die am Flughafen München gegenüber dem Personal besonders aggressiv aufgetreten waren, saßen nun Abend für Abend gelangweilt mit ihren Frauen an den Tischen auf der Terrasse und genehmigten sich bunte Cocktails.

Soviel meine Nachträge. Falls ich hier den Eindruck erweckt haben sollte, ich hätte das ganze Malheur mit Coolness über mich ergehen lassen oder ich hätte mich auf eine überlegende Beobachterrolle zurückgezogen, dann hat das nur den Anschein hat. Die Abfassung dieser Geschichte hat jedenfalls meinen Puls genauso nach oben getrieben wie er es damals tat.

Auch ja, beinahe hätte ich es vergessen. Vier Wochen nach meinem Schreiben erhielten wir von dem Reiseunternehmen ein freundliches Schreiben, mit dem uns eine zufriedenstellende Entschädigung zuerkannt wurde.

Mittlerweile habe ich den Vorgang dem Reißwolf übergeben.




Robert Höpfner, geboren 1954 in München, seit 1981 in Grassau/Chiemgau, dort bis 2018 Geschäftsleiter der Marktgemeinde; danach Vorstand der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung, Initiator des Literaturpreises ´Grassauer Deichelbohrer´.

Ich schreibe Lyrik, Prosa, Erzählungen, Essays; mehrere Buchveröffentlichungen

in verschiedenen Verlagen und Beiträge in Literaturzeitschriften.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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